Aber reicht das? Ist eine Gruppe wie The Suburban aus den USA schon deshalb subversiv, weil sie »keine Kuratoren, keine Vorbereiter, keine Händler und kein Geld« braucht? Genügt es, sich über künstlerische Strategien zu verständigen? Oder nach neuen Techniken der Intervention zu suchen, nach einer lasergetriebenen Graffiti-Maschine etwa, mit der sich wilde Leuchtzeichen auf Häuserwände zaubern lassen? »Die Bürger können jetzt ihre Kunst und Propaganda in einer Größe verbreiten, die zuvor monopolisiert war«, sagen die Künstler des Graffiti Research Lab aus Wien. Doch auch ihnen scheint es mehr ums Wie zu gehen, und das Was ist nebensächlich. Optionen sind wichtig, nicht Programme. Und am Ende zählt vor allem die Performance.

Viele der subversiven Künstler wollen keine Werke, keine Produkte abliefern, die sich vermarkten und vereinnahmen ließen, und entscheiden sich deshalb lieber gegen Malerei und für Aktionismus und das Prozessuale. Allerdings schützt sie das keineswegs vor Vereinnahmung. Längst gibt es eine Subversion der Subversion, von Großkonzernen betrieben. Sie legen sich nicht nur eigene Sammlungen zu, sondern imitieren auch die Künstlerstrategien des Intervenierens und Camouflierens. Ganz im Stil einer Off-Galerie betreiben adidas oder Comme des Garçons sogenannte Guerilla-Stores, Läden ohne Ladenschild in einer verlassenen Autowerkstatt oder Schlachterei, in denen dann die Hemden vom Fleischerhaken baumeln und die Schuhe auf Europaletten stehen – damit die eigenen Luxusprodukte schön authentisch erscheinen. Noch weiter treibt es der Nike-Konzern, der in Australien sogar Anti-Nike-Demonstrationen organisierte, um weiterhin gut bei seiner Zielgruppe anzukommen, die nichts mehr schätzt als die Aura der Dissidenz. Im Vergleich dazu wirken Aktionen wie der Kunst-Imbiss in Hamburg doch recht handzahm.

Es liegt also nahe, sich über die Künstler von heute zu beklagen: nicht zornig genug, nicht bissig, nicht utopiebeschwipst. Doch kündet ihre Verhaltenheit durchaus von einem bemerkenswerten Fortschritt, der sich nicht zuletzt auch Künstlern verdankt. Sie haben daran mitgewirkt, die Gesellschaft zu liberalisieren – mit der Folge, dass die Kunst heute allgemein geschätzt wird, ja, dass viele von ihr geradezu erwarten, sie möge schräg, radikal und provokant sein. Für das Unangepasste, Experimentelle, Originelle, für all das, worauf die subversiven Künstler großen Wert legen, können sich mittlerweile etliche Menschen begeistern.

Und so bleibt es nicht aus, dass manche der Kunstaktionen geradezu als Verdoppelung dessen wirken, was ohnehin passiert. Eine Künstlergruppe wie N55 aus Kopenhagen möchte die Menschen dazu bewegen, mit selbstgebastelten Konstruktionen den Stadtraum für sich zurückzuerobern – dabei ist diese Rückeroberung längst im Gange. Zum Beispiel schließen sich immer mehr Jugendliche der Parkour-Bewegung an und verwandeln öde Innenstädte in Abenteuergefilde, indem sie über Stromkästen springen und über Betonmauern balancieren.

Die Subversion hat sich in eine Art Lifestyle verwandelt. Und während sich früher die subversiven Künstler gern als lästige Parasiten verstanden, die dem Wirtskörper des Kapitalismus kräftig zusetzen, kehren sich heute die Rollen um. So haben auch die Festival-Künstler in Hamburg den Strandkai keineswegs erobert, nein, sie wurden eingeladen, und ihr Festival wird von vielen Großunternehmen unterstützt, nicht zuletzt von der HafenCity GmbH. Nur zu gut passt die temporäre, ereignisgetriebene Kunst des Subversiven ins Eventkonzept der Stadtvermarkter. Ja, sie sehnen sich geradezu nach dem Spontihaften und Kritischen, um so das weithin öde Quartier zu bespielen und die eigene Weltoffenheit zu demonstrieren. Perfider noch: Indem die Künstler es auf die Destabilisierung der Verhältnisse anlegen, feiern sie zugleich den Zustand der Hafencity, denn dieser ist genau das – destabil. Niemand weiß, wie es im Hafen weitergeht, ob sich das neue Quartier je beleben wird. Im Licht der Kunst scheint diese Ungewissheit geradezu nobilitiert. Durch ihre Beunruhigung wirken die Künstler beruhigend.

Was aber bleibt ihnen dann noch, wenn ihr Dagegensein immer schon dazugehört? Und sich die Formen der Widerständigkeit immer schneller verschleißen? Gestern galt es noch als subversiv, sich bluttriefend über Bühnen oder Leinwände zu wälzen; heute gähnt das Publikum. Im »Mainstream der Minderheiten« (Tom Holert) reicht es eben nicht mehr aus, nur anders zu sein, um anders zu sein, die Provokationsschraube weiter anzuziehen oder ein wenig die Wahrnehmungsgewohnheiten zu irritieren. All diese Formen des Off sind heute on – nur hohle Gesten. Es sei denn, die Künstler begnügten sich nicht damit, allein um Form- und Strategiefragen zu kreisen. Und sie ließen ihre ästhetische wie ihre politische Fantasie wieder spielen.

Denn beides muss zusammenkommen, damit die Kunst subversiv wird: Sie entsteht nur in der heiklen Balance aus künstlerischem Eigensinn und politischem Drängen. Im Hintergrund der Kunst muss etwas aufleuchten, das von einer Alternative kündet, von einer gesellschaftlichen Gegenwelt. Solange das nicht gelingt, solange es an Utopien mangelt, wird subversive Kunst kaum mehr sein als selbstverliebte Folklore. Ein großer Spaß für alle, ohne große Folgen.

Das Festival Subvision in der Hamburger Hafencity läuft vom 26. August bis 6. September

Lesen Sie morgen und übermorgen an dieser Stelle, wie sich Subversion in Pop, Kino, Theater und Literatur äußert.