Wirtschaftssystem Gibt es den Kapitalismus überhaupt?

Warum das System, in dem wir leben, gar keines ist

Wir haben uns mit erstaunlicher Fraglosigkeit daran gewöhnt, die Wirtschaftswelt, ja sogar die Gesellschaft, in der wir leben, als kapitalistisch zu bezeichnen. Wann immer es etwas zu fürchten gibt, die Arbeitslosigkeit, die Klimakatastrophe – der Kapitalismus ist schuld. Wann immer es etwas zu hoffen gibt, das Ende der Arbeitslosigkeit, eine umweltfreundliche Technologie – dem Kapitalismus wird es zu verdanken sein.

Der Streit der politischen Lager geht nicht darum, ob der Kapitalismus zu Recht als Vater aller Phänomene benannt wird, sondern darum, ob man ihn sich eher als guten oder bösen Vater vorzustellen hat. Garantiert er Massenwohlstand und Demokratie – oder verhindert er das eine und zerstört das andere?

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Aber auch hier schwinden die Differenzen. Lange vor der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, in einer Vorahnung der globalisierungsbedingten Verwerfungen, fingen sogar die ersten Unternehmer an, den bisher für gütig gehaltenen Vater weniger nett zu finden. Sie gaben sich in der Öffentlichkeit gequält. Sie zeigten sich glaubhaft von Massenentlassungen gepeinigt – aber der Kapitalismus zwinge sie dazu. Es sei nicht ihrer Gier geschuldet, dass sie die Rendite erhöhten – der Kapitalmarkt verlange es. Die Lockerung der Tarifverträge geschehe nicht zu ihrem Vorteil, sondern in Erfüllung eines ewigen Gesetzes des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage.

Der alte Kampfbegriff provoziert heute keinen Streit mehr

Die Rede vom Kapitalismus begann der Rede von Naturnotwendigkeiten zu ähneln. Selbst die Gewerkschafter frohlockten nicht, dass der Kapitalismus endlich sein wahres Bosheitsgesicht zeige, sondern verlangten nur, dass die Härten, die das System nun einmal mit sich bringe, sozialverträglich verteilt würden.

Das Verblüffendste aber war die neue Einigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern, den Kapitalismus als System zu betrachten, in dem alles mit allem zusammenhängt und das Gute vom Schlechten nicht mehr getrennt werden kann. Der Begriff des Kapitalismus ist offenbar zu einem allseits akzeptierten Universalschlüssel geworden, der jede Erklärung ersetzt und keinen Streit mehr provoziert – schon gar nicht darüber, ob es diesen Kapitalismus überhaupt gibt.

Das war nicht immer so. Als der Kapitalismusbegriff nach dem Krieg seine erste populäre Konjunktur außerhalb der Fachliteratur erlebte, war er noch eindeutig ein Kampfbegriff, der von links artikuliert wurde. Vom Kapitalismus sprach nur, wer ihn abschaffen wollte. Wer an der hergebrachten Wirtschaftsweise festhalten wollte, nannte sie nicht Kapitalismus. Zur Verteidigung der Marktwirtschaft oder gar der westlichen Lebensweise gegen den Kommunismus schien der Begriff gänzlich ungeeignet.

In Sonderheit lehnte es der Westen ab, sich als System zu begreifen; vielmehr machte es gerade seinen Anspruch auf überlegene Menschlichkeit aus, monokausale Erklärungen von sich zu weisen. Im Westen, das war das Schöne, konnte es so aussehen, als ließen sich die Probleme nacheinander und jedes für sich lösen, ohne dass erst mit einer Gewalttat Tabula rasa gemacht werden müsse. Von den großen Erlösungs- und Säuberungsfantasien, wie sie der Kommunismus vortrug, hatte man nach dem Nationalsozialismus erst einmal genug. Man wollte das Individuum und nicht das Kollektiv; man wollte individuelle Probleme und kein System von Problemen.

Das war nicht immer reflektiert, hatte aber einen guten Grund. Wer in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Kapitalismus sprach, handelte sich fast automatisch seine Ausdehnung auf alle Lebensbereiche ein. Ein ganzes Rudel von Theorien, das sich im Laufe der Zeit an den Begriff angelagert hatte, war in der Lage, jede beliebige Verbindung herzustellen. Da war zunächst der Faschismus, der als natürliche Konsequenz des Kapitalismus galt.

Dann galt aber auch die parlamentarische Demokratie nur als Maske, die das Herrschen des Kapitals verschleierte. Jede Diktatur in der Dritten Welt, die Unterdrückung der Frau, der schlechte Sex, alles war vom Kapitalismus herbeigeführt.

Und so weiter, bis in jedes Alltagsdetail und individuelle Schicksal hinab. Geschah etwas Unschönes, und sei es ein Verkehrsunfall oder ein Verbrechen, musste es mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelang, darin zumindest eine Spätfolge oder Nebenfolge des Kapitalismus zu sehen.

Der Unfall geschah, weil die Verkehrssicherheit zugunsten des Automobilabsatzes vernachlässigt worden war, das Verbrechen, weil die Eigentumsverhältnisse kriminell waren. Alle offenen oder versteckten Mängel unserer Gesellschaft hatten mittelbar oder unmittelbar mit den Profitabsichten der Kapitaleigner zu tun; selbst scheiternde Liebesbeziehungen wurden dem warenförmigen Charakter zugeschrieben, den der Kapitalismus bis in die Psyche der Menschen trage. Das war wirklich ein System, und ungeheurer, teils paranoider Scharfsinn wurde darauf verwandt, es bis in seine perfiden Verästelungen zu verfolgen.

In einem solchen System wollte niemand leben – beziehungsweise wer es augenscheinlich doch tat, und vielleicht noch dazu in recht auskömmlichen Verhältnissen, mochte seine Lebenswelt nicht als kapitalistische mit allen diesen diabolischen Zügen beschrieben sehen.

Wer aber wollte die namenlose Überraschung schildern, als dieses in den achtziger Jahren glücklich verblasste Systemdenken nach dem Ende der sozialistischen Staatenwelt noch einmal hervorgeholt und blank geputzt der staunenden Öffentlichkeit präsentiert wurde? Nun freilich mit der entgegengesetzten Pointe. Nicht alles Hässliche und Beklagenswerte, sondern alles Schöne und alle Errungenschaften von Freiheit und Demokratie wurden plötzlich dem Kapitalismus zugeschrieben. Man konnte kaum vor die Haustür treten, ohne dass einem das Glück des freien Heraustretens und unreglementierten Genießens der Morgensonne als Segnung der freien Marktwirtschaft gepriesen wurde.

Es war das gleiche klaustrophobische System wie bei den Kapitalismuskritikern, in dem alles mit allem zusammenhängt und besonders fest mit der Marktwirtschaft, nur dass es jetzt zu Lob verpflichtete. Lobet den Herren, schrien die Kapitalismusfreunde, wenn man zur Arbeit ging, lobet den Herren, schrien sie, wenn man die Arbeit verlor, weil es nämlich nichts anderes hieß, als dass man sein Schicksal endlich eigenverantwortlich in die Hand nehmen konnte.

Wer früher ein schlechtes Gewissen haben sollte, wenn er vom Kapitalismus profitierte, sollte jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn er ihn kritisierte. Wenn früher das Privateigentum die Wurzel alles Bösen war, wurde es jetzt zur Quelle alles Guten, insbesondere von Freiheit und Demokratie.

Es war wie in dem berühmten Witz von dem christlichen Lehrer, der hinter sämtlichen irdischen Erscheinungen Jesus am Werk sieht und deshalb, als er einmal arglos nach dem Namen des Tieres fragt, das Nüsse knackend von Ast zu Ast springt, von Klein Fritzchen die Antwort erhält: »Ich hätte ja gedacht, es wär ein Eichhörnchen, es wird aber wohl wieder das Jesuskind sein.«

Es gab diesen Witz übrigens auch mit der kommunistischen Partei als Pointe. Wie denn überhaupt bei den Apologeten der Marktwirtschaft der Kapitalismus jene heilsgeschichtliche Rolle eingenommen zu haben scheint, die bei den Kommunisten einst die Partei innehatte. Und wahrscheinlich war es sogar so, dass sich die neuen Kapitalismusfreunde ihre Propagandastrategie von der untergegangenen Linken abschauten. Indes hatten sie deutlich weniger lange Freude daran. Denn es ist nun einmal so, dass ein System, dem man alle Segnungen zuspricht, sofort an Ansehen verliert, wenn diese Segnungen ausbleiben. Wenn der Kapitalismus die Ursache von Freiheit und Wohlstand sein soll, wird er auch dafür verantwortlich gemacht, wenn Freiheit und Wohlstand leiden.

Darin liegt die Fatalität, den Kapitalismus als System vorzustellen. Und bei dieser Fatalität sind wir nun auch angekommen. Den Leuten geht es schlecht, und sie wissen schon, wen sie dafür haftbar machen wollen. Nach dem Kapitalismus als Vorwurf und dem Kapitalismus als Seligpreisung des Bestehenden haben wir nun den Kapitalismus als Ausrede. Jeder Unternehmensführer, der sich bei Entlassungen und Standortschließungen auf die Gesetze des Kapitalismus hinausredet, trägt zum Ansehensruin des Systems bei.

Es sei denn… Es sei denn, es würde in Zukunft darauf verzichtet, für jede Entscheidung einen Systemzwang zu behaupten. Denn wunderbarerweise enthält die Wissenschaft gar keinen Hinweis darauf, dass es sich bei dem Kapitalismus wirklich um ein System handelt. Das System ist, wissenschaftlich gesehen, nur ein Denkmodell, das dazu dient, bestimmte Abhängigkeiten und Wechselwirkungen vor Augen zu führen. Und nicht einmal von dem Kapitalismus als Begriff kann man sagen, ob ihm ein Wesen in der Wirklichkeit entspricht.

Ohne den Marktzwang als Ausrede kann der aufrechte Gang beginnen

Mit gutem Grund hat Max Weber den Begriff von Marx nicht mit allen philosophischen Weiterungen übernommen, sondern nur als einen Idealtypus definiert, dem man in seiner gedachten Gestalt in der Realität niemals rein begegnet, sondern nur näherungsweise. Mit anderen Worten: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomene, die man unter dem Begriff Kapitalismus bündelt, könnte man auch unter einem anderen Begriff oder gar nicht bündeln.

Freilich träte ohne den Kapitalismus als Ausrede die individuelle Verantwortlichkeit der Manager oder Politiker mit einem Male krass hervor. Es gäbe den abstrakten Popanz nicht mehr, der die Menschen wie Marionetten führt, die für ihre Teilnahme am Spiel den freien Willen an der Garderobe abgeben müssen. Die Strippen wären gekappt, der aufrechte Gang könnte beginnen. Das müsste kein Fehler sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Dass es sich bei dem Gebilde, das gerade so medienwirksam seinen Zusammenbruch ankündigt, um ein "System" handelt, wurde ja von unserer Obrigkeit (z.B. mit den Hinweisen auf "Systemwichtigkeit" bestimmter Banken) selbst bestätigt. Ob man dieses System nun "Kapitalismus" nennen sollte, ist aus sprachlicher Sicht tatsächlich wurscht. Aber irgendwie muss man es benennen. Und andere Begriffe für das, was da zerkracht (Soziale Marktwirtschaft, Parlamentarismus, Demokratie...), würden weit unangenehmere Assoziationen auslösen.

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    • srami
    • 25.08.2009 um 20:09 Uhr

    Nur weil es sich um ein System handelt, heißt es noch lange nicht, dass es sich um dasselbe handeln sollte.
    Der Hinweis auf die systemimmanenz von Banken hat nichts mit dem System eines Kapitalismus zu tun, denn bei dem System der Banken geht es nur um den Geldfluß, die Finanztätigkeit. Außerdem ist es noch nicht einmal geklärt, was Systemimmanenz als wissenschaftlicher Begriff überhaupt bedeutet - ist ist eher als politischer Begriff einzuordnen. Ob denn eine Bank systemimmanent genannt wird, kann man nicht von vorn herein sagen. Es kann nur eine Tendenzaussage getroffen werden: Nimmt das Bilanzvermögen zu, ist die Wahrscheinlichkeit einer Systemimmanenz gegeben - das heißt im Rückschluss, dass die von der Bundesregierung betriebenen Zukäufe der Deutschen Bank und der Commerzbank genau in die falsche Richtung laufen!

    • srami
    • 25.08.2009 um 20:09 Uhr

    Nur weil es sich um ein System handelt, heißt es noch lange nicht, dass es sich um dasselbe handeln sollte.
    Der Hinweis auf die systemimmanenz von Banken hat nichts mit dem System eines Kapitalismus zu tun, denn bei dem System der Banken geht es nur um den Geldfluß, die Finanztätigkeit. Außerdem ist es noch nicht einmal geklärt, was Systemimmanenz als wissenschaftlicher Begriff überhaupt bedeutet - ist ist eher als politischer Begriff einzuordnen. Ob denn eine Bank systemimmanent genannt wird, kann man nicht von vorn herein sagen. Es kann nur eine Tendenzaussage getroffen werden: Nimmt das Bilanzvermögen zu, ist die Wahrscheinlichkeit einer Systemimmanenz gegeben - das heißt im Rückschluss, dass die von der Bundesregierung betriebenen Zukäufe der Deutschen Bank und der Commerzbank genau in die falsche Richtung laufen!

    • helgam
    • 25.08.2009 um 9:12 Uhr

    Es wäre zu schön, wenn die Überlegungen des Herrn Jessen zutreffend würden, es gäbe die Hoffnung des aufrechten Ganges...
    Dieses System ist ohne Wachstum und Rendite out-aber es will weiter wachsen in seinen völkerverachtenden Kriegseinsätzen, in seinen Bewerten von Mitmenschen und deren Marktwerten, im künstlichen Schaffen von Panik und nun sogar in bestehenden Strukturen in Ämtern und Gutachterstellen...
    Es ist als hätte ein sektenartiges System dieses Land und unser Grundgesetz voll unterwandert hat. Wie kann man dieses perfide Sytem da noch verharmlosen?
    Lesen Sie bitte http://gedankenfrei.wordp...

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    Dieses System ist ohne Wachstum und Rendite out

    Klar. Der Sozialismus (Stichwort bevorstehender Staatsbankrott der DDR) ist sicher nicht an einem Renditeproblem zugrunde gegangen. Das allseits beliebte "mehr rein als raus" hätte man bis in alle Ewigkeit fortsetzen können...

    völkerverachtenden Kriegseinsätzen

    Genau, ohne die hunderte von Milliarden, die der Westen im Kosovo, in Afghanistan und im Irak versenkt, wäre hier zu Hause längst alles am Ende.

    Lesen Sie bitte http://gedankenfrei.wordp...

    Wow, was für eine journalistische Großtat. Da werden das Grundgesetz und internationale Vereinbarungen bemüht, um Rechtsbrüch höchster Qualität zu suggerieren. Niemand muss in Deutschland arbeiten; Zwangsarbeit gibt es nicht. Es ist auch niemand verpflichtet, staatliche Unterstützung zu beantragen. Wer das freiwillig (wenn auch auf Grund wirtschaftlicher Notwendigkeiten) tut, verpflichtet sich damit zu Gegenleistungen, die aber wegen dieser Kausalität keine Zwangsarbeit sind.

    Dieses ist ein nicht hinzunehmender Zwang in eine Arbeit.

    Genau! Wäre ja noch schöner, wenn die Gesellschaft eine Gegenleistung verlangen dürfte und man sich nicht mit irgendwelchen Ausreden herauswinden könnte, um sich zu Hause über das Grundgesetz und seine bequemen vermeintlichen Konsequenzen zu ärgern.

    Dieses System ist ohne Wachstum und Rendite out

    Klar. Der Sozialismus (Stichwort bevorstehender Staatsbankrott der DDR) ist sicher nicht an einem Renditeproblem zugrunde gegangen. Das allseits beliebte "mehr rein als raus" hätte man bis in alle Ewigkeit fortsetzen können...

    völkerverachtenden Kriegseinsätzen

    Genau, ohne die hunderte von Milliarden, die der Westen im Kosovo, in Afghanistan und im Irak versenkt, wäre hier zu Hause längst alles am Ende.

    Lesen Sie bitte http://gedankenfrei.wordp...

    Wow, was für eine journalistische Großtat. Da werden das Grundgesetz und internationale Vereinbarungen bemüht, um Rechtsbrüch höchster Qualität zu suggerieren. Niemand muss in Deutschland arbeiten; Zwangsarbeit gibt es nicht. Es ist auch niemand verpflichtet, staatliche Unterstützung zu beantragen. Wer das freiwillig (wenn auch auf Grund wirtschaftlicher Notwendigkeiten) tut, verpflichtet sich damit zu Gegenleistungen, die aber wegen dieser Kausalität keine Zwangsarbeit sind.

    Dieses ist ein nicht hinzunehmender Zwang in eine Arbeit.

    Genau! Wäre ja noch schöner, wenn die Gesellschaft eine Gegenleistung verlangen dürfte und man sich nicht mit irgendwelchen Ausreden herauswinden könnte, um sich zu Hause über das Grundgesetz und seine bequemen vermeintlichen Konsequenzen zu ärgern.

  2. Netter Artikel Herr Jessen.
    Leider verhallt Ihr Appell ungehört, denn wenn der Kapitalismus nicht mehr schuld ist, wer dann?
    Am Ende müssten die Industriekapitäne die Verantwortung übernehmen.

  3. Viel zu weit getrieben haben die langjährigen Verfechter Neoliberalen Gedankengutes die Individualisierung und somit auch die Entscheidungsfreiheit. So manches was geeignet scheint vom Individuum gelöst zu werden kann eben genau nicht nur von einem einzelen gelöst werden. Aktuell etwa die Arbeitslosigkeit, so die Theorie, das wenn nur die Kosten für die Arbeit immer tiefer gehen irgendwann "jeder" wieder Arbeit hat... Dies ist so ein hanebücher Unsinn der sich wohl theoretisch gut abhandeln lässt und umgesetzt wurde dies zum Teil mit den Arbeitslosen- und Sozialhilfen. Doch siehe da, die Arbeitslsoenzahlen wurden zum grössten Teil nur dadurch kelier weil die Zählmethoden den politischen Bedürfnissen angepasst wurden...

    Ein weiteres Uebel was theoretisch vom Individuum gelöst werden kann, in der Praxis aber nicht so ihne weiters umgesetzt werden kann, sind die Verträge die sich aus der Vertragsfreiheit ergeben und selbst diese Freiheit ist noch nicht genug da konstant die Gesetzlichen Vorgaben missachtet und uminterpretiert werden. Resultat davon ist, das sich jeder Individuell mit von Hochspezialiserten Juristen ausgearbeiteten Vertragswerken herumschlagen muss. Dies nur, um zu verhindern das man über den Tisch gezogen wird.

    Wer kennt's schon nicht die * ** *** ****

    Ebenso die Dogmen das der private Unternehmer inherent intelligenter/besser handeln können als staatliche Systeme bedarf noch des Beweises. Aber nur die garantiert profitträchtigen Sahnestückchen aus einer Gesellschaft zu reissen (während parallel dazu den Staatlichen Systemen systematsich der Geldhahnabgedreht wird) und damit zu prahlen zeugt auch nicht von grosser Intelligenz. Vielmehr ist das politisch vorbereiteter Raub an jedem einzelnen der dies mit Steuergeldern mitgeholfen hat aufzubauen.

    Die extreme Individualiserung und Entscheidungsfreiheit (nicht immer freiwillig) hat so manchen der nicht mit hohem Einkommen abgesichert ist um eigentlich mehrere Generationen zurückgeworfen... Damals, als man sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hat um zu Ueberleben so man nicht in der Gosse verrecken wollte...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

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    Aktuell etwa die Arbeitslosigkeit, so die Theorie, das wenn nur die Kosten für die Arbeit immer tiefer gehen irgendwann "jeder" wieder Arbeit hat... Dies ist so ein hanebücher Unsinn der sich wohl theoretisch gut abhandeln lässt und umgesetzt wurde dies zum Teil mit den Arbeitslosen- und Sozialhilfen. Doch siehe da, die Arbeitslsoenzahlen wurden zum grössten Teil nur dadurch kelier weil die Zählmethoden den politischen Bedürfnissen angepasst wurden...

    Weshalb ist das "hanebücher Unsinn"? Von "Arbeit" zu sprechen wäre natürlich gewagt. "Sinnvolle Beschäftigung" erscheint mir angemessener, wenn jemand in Vollzeit nur einen Bruchteil seines Unterhalts selber erwirtschaftet. Dennoch stimmt das Prinzip natürlich.

    Dass wir immer noch Arbeitslosigkeit haben, liegt vor allem daran, dass die Arbeitslosen eben nicht in dieser Weise dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sondern nur der "Arbeitslosenindustrie". Wenn man diese einschränkung aufhebt, muss man sich natürlich etwas einfallen lassen, das Missbrauch verhindert (und den heute schon vorhandenen zurückschraubt). Etwa das hier:

    Verdrängungseffekte von 1-EUR-Jobs durch Quotierung neutralisieren

    Aktuell etwa die Arbeitslosigkeit, so die Theorie, das wenn nur die Kosten für die Arbeit immer tiefer gehen irgendwann "jeder" wieder Arbeit hat... Dies ist so ein hanebücher Unsinn der sich wohl theoretisch gut abhandeln lässt und umgesetzt wurde dies zum Teil mit den Arbeitslosen- und Sozialhilfen. Doch siehe da, die Arbeitslsoenzahlen wurden zum grössten Teil nur dadurch kelier weil die Zählmethoden den politischen Bedürfnissen angepasst wurden...

    Weshalb ist das "hanebücher Unsinn"? Von "Arbeit" zu sprechen wäre natürlich gewagt. "Sinnvolle Beschäftigung" erscheint mir angemessener, wenn jemand in Vollzeit nur einen Bruchteil seines Unterhalts selber erwirtschaftet. Dennoch stimmt das Prinzip natürlich.

    Dass wir immer noch Arbeitslosigkeit haben, liegt vor allem daran, dass die Arbeitslosen eben nicht in dieser Weise dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sondern nur der "Arbeitslosenindustrie". Wenn man diese einschränkung aufhebt, muss man sich natürlich etwas einfallen lassen, das Missbrauch verhindert (und den heute schon vorhandenen zurückschraubt). Etwa das hier:

    Verdrängungseffekte von 1-EUR-Jobs durch Quotierung neutralisieren

    • Pyr
    • 25.08.2009 um 9:34 Uhr

    Sehr geehrter Herr Jessen,
    ich habe mich doch etwas über den vorliegenden Artikel gewundert. Zwar ist die Beobachtung sicherlich richtig und wichtig, dass ein vorherrschendes System sowohl für die guten als auch die schlechten Dinge verantwortlich gemacht wird. Die Verantwortungslosigkeit der armen, armen Casino-Banker, welche leider angeblich immer dazu gezwungen sind, schlecht zu handeln, ist ja in der Tat nur eine billige Entschuldigung für ihre eigene Spielsucht.

    In früheren Zeiten war die Religion das vorherrschende System, welches in alle Lebensbereiche vordrang. Im alten Rom, Athen und vielen anderen Kulturen wurden die Götter sowohl für Wohlstand als auch für Katastrophen verantwortlich gemacht. Die Vermutung liegt in meinen Augen nahe, dass der Kapitalismus so tief in sämtliche Lebensbereiche vorgedrungen ist, dass sie von vielen Menschen zu ihrer neuen Religion erhoben wurde. Tatsächlich wird von den meisten Menschen der Kapitalismus wohl als so allumfassend und absolut angesehen wie ein Gott. Die Banker sind die Päpste und die Lobbyisten die Priester dieses Systems.

    Nur die Menschen im "linken" Spektrum kapieren das. Sie sind die Aufklärer von morgen. Sie sind Martin Luther und Immanuel Kant. Wir sollten uns an ihnen ein Beispiel nehmen und den Kapitalismus endlich als das totalitäre System begreifen, das es ist. Ich plädiere damit nicht für eine vollkommene Abschaffung des Kapitalismus - genauso wenig, wie Religion abgeschafft werden muss. Aber der Kapitalismus muss aufhören, das allumfassende System in den Köpfen der Menschen zu sein. Ansonsten begeben wir uns in Sklaverei.

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    Ich stimme Ihnen zu. Man kann die Auswüchse unserer industrialisierten und kapitalistischen Zeit sehr gut mit einer Art Ersatzreligion vergleichen. Dies hat Erich Fromm bereits in den 50ger Jahren postuliert. Erschreckend ist, wie viele Parallelen man mit mittelalterlichen- religiösen Auswüchsen und den heutigen kapitalistischen Auswüchsen finden kann. Ein Zitat von E. Fromm: „In der Vergangenheit bestand die Gefahr darin, dass der Mensch zum Sklaven wurde. Heute darin, dass er zum Robotter wird.“

    Ich stimme Ihnen zu. Man kann die Auswüchse unserer industrialisierten und kapitalistischen Zeit sehr gut mit einer Art Ersatzreligion vergleichen. Dies hat Erich Fromm bereits in den 50ger Jahren postuliert. Erschreckend ist, wie viele Parallelen man mit mittelalterlichen- religiösen Auswüchsen und den heutigen kapitalistischen Auswüchsen finden kann. Ein Zitat von E. Fromm: „In der Vergangenheit bestand die Gefahr darin, dass der Mensch zum Sklaven wurde. Heute darin, dass er zum Robotter wird.“

  4. vielen Dank Herr Jesse. Dass man es im Kapitalismus nicht mit einem kohärenten System zu tun hat erkennt man ebenfalls an der Fülle der Theorien, die dessen Genese herzuleiten versuchen. Marx (Imperialismus!) und Weber (Protestantismus) haben Sie bereits erwähnt. Ich möchte zu diesem Hypothesenbüffet noch Werner Sombart hinzufügen (das Luxusbedürfnis der Kurtisanen im Italien der Renaissance) und Jaques Le Goff (der mittelalterliche Wucherer). Gibt es noch mehr?

  5. Denn wunderbarerweise enthält die Wissenschaft gar keinen Hinweis darauf, dass es sich bei dem Kapitalismus wirklich um ein System handelt. Das System ist, wissenschaftlich gesehen, nur ein Denkmodell.

    Die Wirtschaftswissenschaften sind de facto bei allen Versuchen, die Vorgänge mit scheinbar akademischem Allgemeingültigkeits-Anspruch zu modellieren und mathematisch zu formalisieren, nur blendend gescheitert - und nichts als Blendwerk.
    Liebe VWL-Studenten, ich muss euch enttäuschen: eine Volkswirtschaft ist mit einem kein7-Tupel nicht hinreichend beschrieben. Ihr und eure Kollegen werdet an den Lehrstühlen von heute einer Gehirnwäsche unterzogen und missioniert, nicht gelehrt.

    Es ist wahr, das Denkmodell ist ungenügend. Die Haarspalterei, ob Denkmodell oder System, ist aber doch völlig sinnfrei.

    Unsere Gesellschaft fährt mit Vollgas auf den Abgrund zu, und die Lenker - die Personen mit der Macht, den Kurs entscheidend zu ändern - unternehmen nichts dagegen.

    Die Personen mit der Macht sind sicher nicht die - angesichts lausiger und sinkender Wahlbeteiligungen und verfassungswidrigem Wahlrecht - mit zweifelhafter Legitimation ausgestatteten politischen Marionetten in den Parlamenten und Ministerien, die ohnehin die Gesetzgebung direkt an Lobbyverbände "outsourcen", sondern die Kreise mit richtig viel Kapital.

    Der Vorstand eines beliebigen DAX-Konzerns, ach was, so mancher Chef eines KMU lacht doch über das Gehalt eines Bundesministers oder einer Kanzlerin (Nebeneinkünfte mal aussen vor)... Kapital ist Macht.

    Wir leben in einer Form des Kapitalismus. Und diese aktuelle Ausprägung hat grundlegende Fehler.

    Zeit-Online Startseite, Block Wirtschaft, heute (25.09.2009):

    Wirtschaftssystem Gibt es den Kapitalismus überhaupt?
    Demokratie - Vom Kapitalismus zerstört?
    Wachstum - Ist es nur für Ungleichheit zu haben?
    Arbeit - Entfremdet der Kapitalismus den Menschen vom Werk?
    Alternative zum Kapitalismus - Muss unsere Wirtschaft unbedingt wachsen?
    Das Vertrauen ist weg - Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise

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    • loma
    • 25.08.2009 um 10:07 Uhr

    Das kann ich als Student u.a. der Wirtschaftswissenschaften völlig bestätigen.
    m.E. wurde die Thematik bestens von Peter Sloterdijk formuliert: "Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Ersatztheologie, welche ihre Unwissenschaftlichkeit hinter einem ungeheuren Aufwand an Mathematik verbirgt".

    Des Weiteren kann ich dem Autor des Artikels nur zustimmen. Viele Probleme der Menschen haben mit einem System gar nichts zu tun. Mord, Vergewaltigungen und viele weitere abscheuliche Verbrechen wird es überall immer geben.
    Wie gesagt kann man alles aus jeder Richtung betrachten, aus der politischen, der ökonomischen, der psychologischen, philosophischen, ästhetischen usw. und jedesmal erscheint das Betrachtete in anderm Licht.
    Und wichtig: egal wie ihr ein System o.ä. nennt, "kapitalistisches" Verhalten wird es auch immer geben, vieles davon ist nämlich nur Natur. In der DDR wurde sich eben an der Schlange vorgedrängelt.
    Survival of the fittest kann man nicht sagen, denn es geht ja nicht nur eingleisig voran im Leben. Wenn man betrachtet wie breit gefächert Biographien verlaufen sieht man, dass nichtmal 1% der Bevölkerung wirkliche Wettbewerber sind.

    • loma
    • 25.08.2009 um 10:07 Uhr

    Das kann ich als Student u.a. der Wirtschaftswissenschaften völlig bestätigen.
    m.E. wurde die Thematik bestens von Peter Sloterdijk formuliert: "Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Ersatztheologie, welche ihre Unwissenschaftlichkeit hinter einem ungeheuren Aufwand an Mathematik verbirgt".

    Des Weiteren kann ich dem Autor des Artikels nur zustimmen. Viele Probleme der Menschen haben mit einem System gar nichts zu tun. Mord, Vergewaltigungen und viele weitere abscheuliche Verbrechen wird es überall immer geben.
    Wie gesagt kann man alles aus jeder Richtung betrachten, aus der politischen, der ökonomischen, der psychologischen, philosophischen, ästhetischen usw. und jedesmal erscheint das Betrachtete in anderm Licht.
    Und wichtig: egal wie ihr ein System o.ä. nennt, "kapitalistisches" Verhalten wird es auch immer geben, vieles davon ist nämlich nur Natur. In der DDR wurde sich eben an der Schlange vorgedrängelt.
    Survival of the fittest kann man nicht sagen, denn es geht ja nicht nur eingleisig voran im Leben. Wenn man betrachtet wie breit gefächert Biographien verlaufen sieht man, dass nichtmal 1% der Bevölkerung wirkliche Wettbewerber sind.

  6. Der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kriegerisch ausgetragene Kampf der politischen Ideologien wandelte sich in der zweiten Hälfte zu einem Wettstreit der Wirtschaftssysteme.
    In der Rückschau wird man die zwanghafte Neigung, alle Lebensbereiche aus der Perspektive der Politik und der Ökonomie heraus betrachten und verstehen zu wollen als den vielleicht größten Irrtum des 20. Jahrhunderts begreifen.
    Mein Dank an Jens Jessen für diesen inspirierenden Beitrag.

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