Der Tanz sei eine universelle Sprache, heißt es. Doch auch im Tanz gibt es Weltsprachen und regionale Dialekte. Es gibt laute Schreier und schüchterne Stimmchen. Es gibt offizielle und unterdrückte Sprachen und solche, die sich erst entwickeln. Chefentwickler einer solchen ist das Choreografen-Doppel Seydou Boro und Salia Sanou aus Burkina Faso. Vergangenen Freitag haben sie mit ihrer aktuellen Produktion Blutstaub (Poussières de Sang) in Berlin Deutschlands größtes Tanzfestival eröffnet, den »Tanz im August«. In Blutstaub geht es vordergründig darum, wie schwer es den Menschen fällt, einander gut zu verstehen. Vor allem aber zeigt Blutstaub, wie schwer es dem Tanz fällt, eine afrikanische Sprache zu finden.

Als die Choreografin Mathilde Monnier Boro und Sanou vor 16 Jahren aus Ouagadougou nach Montpellier holte, lernten sie zweierlei kennen: den westlichen zeitgenössischen Tanz und die Sehnsucht nach einem afrikanischen Äquivalent. 1997 gründeten sie ihre Kompanie Salia nï Seydou, sechs Jahre später verließen sie Frankreich und kehrten zurück nach Burkina Faso. 2006 eröffneten sie in der Hauptstadt das Tanzzentrum La Termitière – der Termitenhügel. Es sollte wimmeln. Und es wimmelt. Zweimal pro Jahr laden sie afrikanische Choreografen, Tänzer, Schauspieler und Musiker zu sich, um den verstreuten tänzerischen Bewegungen in Mali, in Südafrika, im Senegal und in Marokko eine Bühne zu geben, ein Publikum und ein Bewusstsein davon, dass der Tanz in Afrika lebt.

Anders als die Musik hat es der Tanz immer noch schwer auf dem Schwarzen Kontinent. Sicher, es gibt die traditionellen Stammestänze, die Buschtrommeln, die Baströckchen, die Knochen im Haar. »Das ist Folklore«, sagt Seydou Boro, zwar Tanz, natürlich, aber erstarrt in seinen Formen und Bewegungen und vor allem deshalb noch am Leben, weil Jahr für Jahr Touristen bestätigt sehen wollen, was sie aus Filmen kennen. Noch vor 20 Jahren sei es sehr schwierig gewesen, sich für den freien, den künstlerischen Tanz zu entscheiden. Dagegen stand das Vorurteil, Tänzer seien schwul und könnten von ihrer Arbeit nicht leben. Dagegen stand auch, dass es keinen Tanzunterricht an den Schulen gab, dass die Bühnen fehlten sowie jegliche Art von Plattform, auf der Tänzer sich ausprobieren konnten.

Viel hat sich inzwischen geändert. Tanzschulen wurden gegründet, in den Metropolen gibt es fast überall eine Szene, die sich auf der Straße und in improvisierten Spielstätten eine Bühne schafft. »Aber die einen versuchen, den Tanz des Westens zu kopieren, die anderen dagegen die Folklore.« Salia nï Seydou wollen beide Seiten vereinen, um etwas Eigenes, etwas Afrikanisches zu schaffen. Die europäischen Bühnen lechzen seit Langem nach Veränderung, nach einem Tanz, der nicht inzestuös immer wieder sich selbst thematisiert und reproduziert, sondern dem Politischen, dem Emotionalen Ausdruck verleiht. Wohl deshalb wurden Salia nï Seydou auserkoren, den »Tanz im August« zu eröffnen. In Blutstaub habe sie nicht das Resultat von Gewalt interessiert, das Kämpfen an sich, sondern wie »es sein kann, dass von einer Minute auf die andere Menschen, die gerade noch miteinander Tee getrunken haben, aufeinander eindreschen«.

So weit das thematische Ziel. Das ästhetische Ziel, das dahinter dominant aufscheint, ist aber der Wunsch, dass nicht nur die Menschen, sondern afrikanischer und europäischer Tanz beim Tee sitzen, auf Augenhöhe. Wie in der Kunst, wo Picasso und Matisse sich gierig am Formenvokabular des Kontinents bedienten und dieses in einem kunstkolonialen Akt kurzerhand europäisierten, steht auch der zeitgenössische Tanz in Afrika vor dem Dilemma, einen Ausdruck zu finden, der weder die Klischees des Baströckchenhaften bedient noch dem Weg des europäischen Kunsttanzes folgt, der sich wesentlich aus afrikanischen Einflüssen vom Ballett emanzipiert hat.