In den Klimasimulationen, die auf den Supercomputern laufen, werden die Gletscher am Rand von Grönland und der Antarktis gar nicht berücksichtigt, zu komplex ist das Zusammenspiel von Eismassen, hügeligem Boden und Meeresströmungen. Man muss ihren Beitrag zum Meerespegel grob abschätzen. Auszurechnen, wie schnell ein Gletscher bei höheren Temperaturen schmilzt oder bei Minusgraden wächst, ist dabei nicht kompliziert. Schwierig zu verstehen sind jedoch die Verstärkungseffekte, etwa das Abrutschen eines Gletschers auf seinem eigenen Schmelzwasser, das auf dem Boden wie ein Schmierfilm wirken kann.

Seit dem Erscheinen des IPCC-Reports haben Gletscherforscher viel investiert, um diese Vorgänge besser zu verstehen. Sie haben Gletscher angebohrt, ihre Geschwindigkeit vermessen und ihre Höhe mit Satelliten bestimmt. Vorläufiges Ergebnis: Der Rutscheffekt spielt in der Antarktis vermutlich keine Rolle, dafür ist es dort zu kalt. Und in Grönland rutschten die Gletscher nur im Sommer. Kritischer sind womöglich die Gletscherspalten, die das Schmelzwasser in die Eismassen fräst. Anschließend stehen Eisplatten wie gigantische Dominosteine nebeneinander. »Sie können umkippen und ihre Nachbarn ins Meer schieben«, sagt der Nasa-Glaziologe Robert Bindschadler.

In der Antarktis könnten zudem stärkere Winde die ringförmige Meeresströmung um den Kontinent beschleunigen. Kaltes Oberflächenwasser strömt nach außen, wärmeres Wasser aus der Tiefe drängt nach. Dieses taut das Schelfeis von unten auf. Dadurch steigt der Meeresspiegel zwar nicht sofort an, weil Schelfeis – ebenso wie das Eis am Nordpol – auf dem Wasser schwimmt. Aber Eismassen vom Festland rücken nach und füllen die Badewanne. Das beobachteten Forscher nach dem Abbrechen des 60 Kilometer breiten Larsen-B-Schelfs im Jahr 2002, dem größten Abbruch seit 10000 Jahren. Das Eis der Westantarktis, das auf diese Weise irgendwann ins Meer rutschen könnte, würde den Meeresspiegel um 3,30 Meter erhöhen, schätzt Bindschadler. Aber wann?

Wer die Meeresspiegel-Prognose für das Jahr 2100 auf bis zu zwei Meter erhöhe, »schießt aus der Hüfte«, sagt AWI-Forscher Lemke. »Das sind unbegründete Horrorszenarien.« Selbst wenn ein Gletscher beschleunigt kalbe, müsse das Eis im Hinterland erst mal nachkommen. Richtig ist, dass die Antarktis und Grönland derzeit etwa doppelt so schnell abtauen wie im IPCC-Report vorhergesagt. Lemke will sich ungern festlegen, rechnet aber eher mit einem Meter Meeresspiegelanstieg, wenn man alles zusammenzählt. Diese globalen Prognosen sagen allerdings noch nichts darüber aus, wie stark Nord- oder Ostsee ansteigen. Solche regionalen Szenarien haben Felix Landerer und Jochem Marotzke vom Hamburger Max-Planck-Institut berechnet. Veränderte Ozeanströmungen können den Pegel an der Nordseeküste demnach um 14 Zentimeter zusätzlich zum globalen Mittel anheben. Das Klimamodell amerikanischer Forscher sagt allerdings eine Absenkung um zwei Zentimeter voraus. Spannend für Forscher, frustrierend für Deichbauer. Und das ist noch nicht alles.

Wer regionale Vorhersagen machen will, stößt auf eine weitere Überraschung: Das Grönlandeis zieht durch seine Schwerkraft Wasser auf die Nordhalbkugel. Dieser Effekt ist so stark, dass der Pegel in der Umgebung von Grönland sogar sinken wird, wenn die Anziehungskraft durch die Eismassen schwindet. Dafür steigt der Meeresspiegel auf der anderen Seite des Globus umso stärker. In Deutschland halten sich der Anstieg durch Grönlands Schmelzwasser und das Absinken durch die fehlende Schwerkraft fast die Waage, hat Felix Landerer ausgerechnet.

Kann man trotz aller Unsicherheiten in die Zukunft schauen? Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut (PIK) hat es versucht. Er ignorierte für einen Moment die komplizierten Details der Gletscherphysik und Klimadynamik und betrachtete allein die enge Verzahnung von Lufttemperatur und Meeresspiegelanstieg während der vergangenen 120 Jahre. Diesen Zusammenhang extrapolierte er in die Zukunft. Einen halben bis 1,40 Meter könnte das Meer demnach bis zum Jahr 2100 ansteigen, sagt Rahmstorf – »eher die größere Zahl, weil die Treibhausgas-Emissionen weiter zunehmen«.