Bei Orkanböen donnern hohe Wellen gegen diesen Leuchtturm an der niederländischen Küste © Olaf Kraak/dpa

Oben schippern Lastkähne in Richtung Rotterdam, sieben Meter tiefer grasen Kühe zwischen reetgedeckten Bauernhöfen. Der Zuidplaspolder in der Nähe der Käsestadt Gouda ist Hollands tiefster Punkt. Doch gegen Überschwemmungen ist er am besten gewappnet. Schließlich liegen hinter dem hohen Deich vitale ökonomische Werte: Im Polder Nummer 14 kreuzen zwei Autobahnen die Zuglinie BrüsselAmsterdam. Im selben Deichring liegen auch Den Haag, Rotterdams Innenstadt und die Universität Delft. Hunderttausende Menschen wohnen hier. Hollandse Ijssel heißt der Fluss, der hoch über dem Land fließt. Gleich gegenüber auf seiner Südseite ist der Deich sichtbar niedriger. Er schützt Polder 17. Zwischen Weiden und Bauernhöfen liegt nur eine Kleinstadt. Wer dort lebt, muss mehr als doppelt so oft mit einer Überschwemmung rechnen als die Anwohner im Nachbarpolder.

Die Ungleichbehandlung ist seit 60 Jahren gesetzlich geregelt. "Je höher der ökonomische Wert, die Bedeutung des sozialen Friedens, der Tiere und Pflanzen innerhalb eines Deichrings ist, desto besser schützen wir ihn", erklärt Marcel Stive. Ein Menschenleben wird mit 2,2 Millionen Euro veranschlagt. "Das ist ein sehr rationales Prinzip." Der Deichbauingenieur mit weißem Vollbart leitet das Institut für Küstenschutz an der Universität Delft und war Mitglied der Deltakommission, die umfassende Empfehlungen für das Hochwassermanagement der nächsten 100 Jahre vorgelegt hat. Auf den Klimawandel reagiert Stive sehr nüchtern: "Heute leben wir im sichersten Delta der Welt, und das kann auch in 200 Jahren noch so sein."

Mehr als die Hälfte der Niederlande liegt unter Normalnull, zwei Drittel der Bevölkerung leben auf diesen Flächen und erwirtschaften ein hohes Sozialprodukt. Auf 0,55 bis 1,2 Meter hat die Deltakommission den Meeresspiegelanstieg bis 2100 geschätzt, weitere hundert Jahre später könnten es sogar zwei bis vier Meter werden. "Das bekommen wir in den Griff", sagt Stive ohne Wimpernzucken. Das Risiko, durch Hochwasser zu sterben, soll bis 2050 für jeden Niederländer sogar auf ein Zehntel des heutigen Werts sinken. Der hundertseitige Bericht listet die notwendigen Maßnahmen auf.

Sturmfluten sind nicht das größte Problem. Sie lassen sich mit Dünenschutz und Sperrwerken unter Kontrolle bringen. Mit Sand aus der Nordsee soll die Küstenlinie in den nächsten Jahrzehnten sogar ins Meer hinausgeschoben werden, bis zu vier Kilometer weit. Schwieriger als der Schutz vor dem Meer werden die Vorbereitungen auf steigende Hochwasser des Rheins im Frühjahr. Das bisherige Maximum von 12000 Kubikmetern pro Sekunde könnte sich bis 2100 fast verdoppeln, schätzt die Deltakommission. Kommt eine Sturmflut hinzu, wird es nass in den Niederlanden.

"Ruimte voor het water" (Platz fürs Wasser) heißt das Motto, nach dem erstmals in den Niederlanden Deiche nicht mehr erhöht, sondern zurückverlegt oder abgesenkt werden. Zum Beispiel zwischen Maas und Nieuwe Merwede, einem künstlichen Seitenarm des Rheins. Hier haben Bauern ausgedehnte Feuchtwiesen über Jahrhunderte trockengelegt. Jetzt wird ein Teil des Noordwaard-Polders wieder als Überflutungsfläche freigegeben, die Abbrucharbeiten am Deich haben schon begonnen. Zwei Dutzend Bauernhöfe wurden enteignet, einer davon gehört Tjerk de Regt. Er hat sich mit der üppigen Entschädigung besseres Land hinter einem sicheren Deich gekauft.

"Die Leute begreifen die Notwendigkeit der Maßnahmen", sagt Marcel Stive. Auch die Ungleichbehandlung wertvoller und weniger wertvoller Polder ist akzeptiert. Zumindest hat noch keiner dagegen geklagt. "In den USA hätten die Anwälte in Noordwaard Schlange gestanden", sagt Stive, "in unserer Kultur ist so etwas nicht üblich. Und ich hoffe, das wird auch so bleiben."

Schließlich wird der Hochwasserschutz den niederländischen Gemeinsinn in den nächsten Jahren noch oft auf die Probe stellen. Zum Beispiel in Amsterdams wohlhabenden Vororten am Ijsselmeer. Mit dem Abschlussdeich wurde die Bucht, doppelt so groß wie der Bodensee, vor 75 Jahren von der Nordsee getrennt und ist heute eines der größten europäischen Süßwasserreservoirs. Sein Wasserspiegel liegt bereits 20 Zentimeter unter Normalnull, das Ijsselwasser kann nur bei Ebbe abfließen. Damit das auch künftig ohne gewaltige Pumpwerke klappt und kein Salzwasser eindringt, hat die Deltakommission vorgeschlagen, den Wasserspiegel des riesigen Sees bis 2100 um 1,50 Meter zu erhöhen. Der freie Blick auf blaue Wellen und weiße Segel wird dann den teuersten Häusern am Ufer von einem Deich verbaut.