Was mach ich hier? NR. 101 Die Chroniken von Nairn
Tilda Swinton tanzt eine Polonaise
Sie kann es nicht sein. Aber sie muss es sein. Offenbar gibt es für die Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton nichts Natürlicheres, als in Bermuda-Shorts, Ringelpulli und Lederschlappen in einer Disco-Polonaise durch ein Kino zu tanzen und dabei ein Transparent zu schwenken – mit einem berühmten Zitat von Robert Bresson, das rät, sich von seinen Fängen genauso überraschen zu lassen wie der Fischer mit der Angel. Wir befinden uns im Ballerina Ballroom Cinema of Dreams, »einem Bewusstseinszustand des Kinos, der überall und immer anders Gestalt annehmen kann« (Swinton). Im Moment entsteht diese Gestalt in einem Lastwagen und mobilen Kino mit 80 Plätzen, das durch die schottischen Highlands tourt. Geschmückt mit Fähnchen, Glitter und Plakaten, steht das blaue Monstrum vor einer Schule in dem Örtchen Cawdor.
A pilgrimage heißt die kleine Kino-Expedition durch fünf Orte mit so schönen Namen wie Culloden, Bridge of Orchy oder Kinlochlevern. Tilda Swinton organisiert sie gemeinsam mit Mark Cousins, dem früheren Kurator des Festivals von Edinburgh. »Wir wollen Kino vorführen, das wir lieben, an Orten, wo es normalerweise nicht zu sehen ist«, sagt Swinton. Gezeigt werden in lupenreiner DVD-Projektion ein Dutzend Filme über Reisen im weitesten Sinne. Von Charles Laughtons Psychothriller Die Nacht des Jägers über Preston Sturges’ Landstreicher-Komödie Sullivans Reisen bis zu The Adventures of Goopy and Bagha , einem Märchenfilm des Inders Satyajit Ray. Zu jedem Film geben Swinton und Cousins kurze liebevolle Einführungen.
Im vergangenen Jahr mietete Swinton für ihr Festival den Ballerina Ballroom, eine ehemalige Tanz- und Bingohalle in ihrem Wohnort, dem Küstenstädtchen Nairn im Nordosten Schottlands. »Wir hatten Angst, dass es eine eher geschlossene Veranstaltung werden würde«, sagt Swinton. »Aber die Einheimischen kamen, mit Keksen und Begeisterung, und der Raum platzte aus allen Nähten!« So sei in diesem Jahr die Idee einer pilgrimage durch mehrere Orte entstanden.
Den Pilgergedanken nehmen Swinton und ihre Freunde auf fröhliche Weise wörtlich. Zwischen den Orten wird der 37 Tonnen schwere Kinolastwagen von 40, 50 Menschen gezogen, an dicken Seilen, jeweils ein, zwei Meilen auf einsamen Landstraßen. Und wirklich, auf der Strecke zwischen Cawdor und der letzten Station in Nairn nimmt der Laster beim Ziehen erstaunlich Fahrt auf. Es ist eine Mischung aus Gaudi und Happening, begleitet von Gelächter und Gitarreklampfen. Aber nicht zuletzt geht es auch um die Umwidmung und Neuerfindung von Ritualen. Die Pilgerfahrt führt nicht zu einem heiligen Ort. Vielmehr kommt das heilige Kino zu seinem Publikum. Die Discomusik im Kinosaal greift die klassischen Stummfilm-Ouvertüren auf, und Tilda Swinton selbst wird zu einer Mischung aus Go-go-Girl und tanzender Platzanweiserin.
Am Abend steht der Lkw am kleinen Hafen von Nairn. Hier entwickelt sich die Kinoreise zu einer Art Nachbarschaftsfestival. Wie immer wird vor jeder Filmvorführung getanzt. Wieder rufen Swinton und Mark Cousins den state of cinema aus, begeistert beklatscht von Freunden, Publikum und Swintons elfjährigen Zwillingen Xavier und Honor. Nach der letzten Vorstellung gibt es eine Strandparty.
Am nächsten Tag verteilt Swinton Kuchen an die Wartenden vor dem Kinolaster. Alt und Jung, Einheimische und Touristen sind gekommen, um Robert Bressons Film Zum Beispiel Balthasar zu sehen. »Die Leute sind durstig nach solchen Filmen«, sagt Swinton, »und sie sehnen sich im Zeitalter von DVD und Satellitenfernsehen nach gemeinsamen Kinoerlebnissen. Daher feiern wir den Kinobesuch als Ritual und Gemeinschaftserlebnis.« Vor Filmbeginn schwenken auch die Rentner im Publikum ihre Arme zu den Eurythmics. Als Bressons geschundener Esel Balthasar auf der Leinwand sein Leben aushaucht, entringt sich einem Grüppchen älterer Damen ein großer Kollektivseufzer.
Wird Swinton das Festival im nächsten Jahr wiederholen? »Unser Plan ist eigentlich, keine Pläne zu haben«, sagt sie, »mal schauen, was uns so einfällt.«
Was bringt eine weltbekannte Darstellerin dazu, einen Lastwagen an Seilen durch Nordschottland zu ziehen, achteinhalb Tage lang durch ein Kino zu tanzen, in ihrem eigenen Wohnhaus 17 Freunde und Helfer zu beherbergen und sie von morgens bis abends mit einem alten Landrover durch die Gegend zu kutschieren? Falsche Frage. Es handelt sich wirklich um einen sehr schönen und irgendwie auch sehr swintonesken Zustand des Kinos. Katja Nicodemus
- Datum 28.09.2009 - 13:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.08.2009 Nr. 35
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