Konstantin Wecker "Meine Lieder waren immer wahrer als ich"

Der Liedermacher Konstantin Wecker erklärt unserem Kolumnisten Roger Willemsen, warum er seit mehr als 30 Jahren für eine bessere Welt kämpft

ZEITmagazin: Immer noch Ansingen gegen den Krieg?

Konstantin Wecker: Ja, was denn sonst? Ich glaube, nur Singen hilft. Waffen helfen jedenfalls nicht, wie wir gesehen haben.

ZEITmagazin: Also bis ans Ende aller Tage: Die einen bauen Waffen, die anderen singen dagegen an?

Wecker: Die Unterstellung, es sei doch mal vorbei damit, beleidigt meine Intelligenz. Die Menschheit richtet sich zugrunde, und ich soll schweigen? Wer jetzt seine Stimme nicht öffentlich erhebt, verdient es nicht, eine öffentliche Stimme zu haben.

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ZEITmagazin: Für solche Sätze schimpft man Sie "Gutmensch"!

Wecker: Ja, was soll ich denn eher sein: Schlechtmensch? Ich möchte mir hier die Sprachhoheit zurückerobern und "Gutmensch" nicht mehr als Beleidigung verstehen müssen.

ZEITmagazin: Was verrät es denn Ihrer Meinung nach über diese Zeit, dass sie den "Gutmenschen" zum Schimpfwort erhob?

Wecker: Seit gut zehn Jahren werden alle desavouiert, die sich engagieren. Die allgemeine Entpolitisierung wird genutzt, um auch die Künstler zu entpolitisieren. Und es hat ja dummerweise funktioniert. Ich habe nichts gegen Elfenbeintürme, aber im Moment haben wir einen ganzen Wald von Elfenbeintürmen!

ZEITmagazin: Und Sie wünschen sich die außerparlamentarische Opposition der Dichter und Sänger?

Wecker: Wer hätte denn sonst eine Stimme für die Außenseiter, die Ärmsten, Entrechteten und die Aufrechtgehenden? Ich bin auch ein Verteidiger der 15 älteren Damen und Herren, die immer noch mit Transparenten gegen den Afghanistankrieg im Regen stehen. Ich bewundere sie auf eigene Weise.

ZEITmagazin: Aber Harmlosigkeit ist ein Charakterfehler des Widerstands.

Wecker: Immerhin kann ich sagen: Beim Thema Hexenverbrennung bin ich auf der Seite der Hexen.

ZEITmagazin: Und Sie halten so die Erinnerung an den Widerstand hoch.

Wecker: Was man in Deutschland gefälligst nicht zu vergessen hat. Einstein hat gesagt: "In einer Schafherde kann man sich nur wohlfühlen, wenn man ein Schaf ist."

ZEITmagazin: Waren Sie, daran gemessen, radikal genug?

Wecker: Sagen wir: Meine Lieder waren immer wahrer als ich. Auch klüger. Aber einer der wenigen Vorzüge des Alters ist ja auch: Man wird kongruenter mit sich.

ZEITmagazin: Aber wie vermittelt man Haltung?

Wecker: Meine Eltern waren beide keine Nazis, ich habe den aufrechten Gang durch sie gelernt, und der Antimilitarismus liegt mir im Blut. Sie haben ihre Fehler gemacht, aber darin waren sie Vorbilder.

ZEITmagazin: Und umgekehrt: Fehlen der Politik nach Bush jetzt die Schurken?

Wecker: Es gibt ja auch glanzlose Schurken.

ZEITmagazin: Wie unheimlich: Der Mensch zeigt sich erst in seinen Absichten.

Wecker: Vielleicht werden wir ja von Soziopathen regiert, die so viel hinter sich lassen mussten an aufrechtem Gang und Zivilcourage, die sich so viel biegen mussten, bis sie an der Spitze waren, dass sie am Ende keine Rücksicht mehr nehmen auf irgendeine andere Auffassung. Ich habe nicht vergessen, wie sich Angela Merkel bei Bush eingeschleimt hat.

ZEITmagazin: Und deshalb reisten Sie 2003 in den Irak?

Wecker: Um den Menschen ins Gesicht zu sehen, ja.

ZEITmagazin: Welches Gesicht blieb Ihnen in Erinnerung?

Wecker: Das des kleinen Jungen, der in der Eisenschmiedergasse arbeitete und mein Patensohn wurde. Seine Spur hat sich inzwischen verloren. Ich weiß nicht mal, ob er lebt. Oder das des Alten, der sagte: Wer Krieg gegen uns führt, öffnet das Tor zur Hölle.

ZEITmagazin: Als Schulabbrecher, Ausreißer, Künstler, Knacki, Aktivist, Frauenheld hatten Sie das Zeug zum Volkshelden. Haben Ihnen Ihre guten Absichten auch geschadet?

Wecker: Ach, ich war nicht kompatibel. Aber das macht nichts, die eigentlichen Künstler waren immer Nischenkünstler.

ZEITmagazin: Welche Freiheit lernt man im Knast?

Wecker: Die wichtigste: zu erkennen, dass man in der eingeschränktesten Situation nur dann frei ist, wenn man mit sich im Reinen ist. So widersprüchlich es klingt: Es gab Momente im Knast, da war ich glücklich wie nie in meinem Leben.

ZEITmagazin: Sie wollen eine bessere Welt, einverstanden. Und was sonst?

Wecker: Am Ende kommt etwas Poetisches, das ich auch als Vater sage: Alles läuft auf die Liebe hinaus. Die Liebe hält alles zusammen, wie die Schwerkraft.

Konstantin Wecker, 63, ist seit den siebziger Jahren Liedermacher. 1995 wurde er wegen Kokainmissbrauchs verhaftet. Er kam nach der U-Haft mit einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße davon. Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"

 
Leser-Kommentare
  1. Wi: Sie kennen mich..
    We: Nein, ich kenne Sie nicht!
    Wi: Aber, Sie kennen mich doch?
    We: Ach so ja, ich kenne Sie.

  2. Mauern bröckeln,
    Schritte hallen,
    wo sie niemals jemals hallten.
    Prinzen stöckeln,
    Damen fallen
    neben Dir in Gletscherspalten.

    Das sind die Nächte der Dämonen,
    die in Dir wohnen.
    Sie schüren unentwegt das Feuer
    Deiner Paranoia.

    Sie tanzen Tango unergötzlich
    mit ihren viel zu kurzen Beinen,
    das sind die Stunden, wo Du plötzlich
    und ohne Grund beginnst zu weinen.

    Wie alte Kinder, ernst und traurig,
    gerad´ dem Grab entstiegen,
    pflegen sie teilnahmslos und schaurig
    auf Deiner Brust zu liegen.

    Mit ihren Blicken unerträglich
    schnüren sie Deine Kehle.
    Du fühlst Dich ausgesprochen kläglich,
    so plötzlich ohne Seele.

    Das sind die Nächte der Dämonen,
    die in Dir wohnen.
    Sie schüren unentwegt das Feuer
    Deiner Paranoia.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    war nie ein Fan von Wecker, aber das gefällt mir wirklich - und sein politisches Engagement sowieso sehr.

    war nie ein Fan von Wecker, aber das gefällt mir wirklich - und sein politisches Engagement sowieso sehr.

  3. Sage nein!
    Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
    wieder Nazi-Lieder johlen,
    über Juden Witze machen,
    über Menschenrechte lachen,
    wenn sie dann in lauten Tönen
    saufend ihrer Dummheit frönen,
    denn am Deutschen hinterm Tresen
    muß nun mal die Welt genesen,
    dann steh auf und misch dich ein:

    Sage nein!

    Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
    die Geschichte wieder richtig,
    faselt von der Auschwitzlüge,
    leider kennt man's zur Genüge -
    mach dich stark und bring dich ein,
    zeig es diesem dummen Schwein:

    Sage nein!

    [...]

    aus: Konstantin Wecker (1994): Schon Schweigen ist Betrug. Die kompletten Liedtexte. Vorwort von Dieter Hildebrandt. Mit einem Interview von Georg Stein. Heidelberg: Palmyra, S. 381f.

    [Entfernt. Bitte wahren Sie Urheberrecht. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  4. 4. Gut

    war nie ein Fan von Wecker, aber das gefällt mir wirklich - und sein politisches Engagement sowieso sehr.

    Antwort auf "Nächte der Dämonen."

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