Werden es die Staaten im Nahen und Mittleren Osten schaffen, über ihren Schatten zu springen? Zweieinhalb Monate sind vergangen, seit sich US-Präsident Barack Obama in Kairo mit einer Grundsatzrede an die muslimische Welt wandte. Es gelang ihm, in den angespannten Beziehungen zwischen den USA und den islamischen Staaten einen neuen Ton anzuschlagen; mit einem brillanten Pass legte er den Spielern im Nahen und Mittleren Osten den Ball vor und lud jeden Einzelnen zum Mitspielen ein. Aber die entscheidende Frage, die Obama aufwarf, ist bis heute nicht beantwortet. Auch der Besuch des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in dieser Woche in Washington blieb ohne greifbares Ergebnis.

Obamas Rede, mithilfe arabischer und islamischer Experten entworfen, war eine Tour de Force von historischer Tragweite. Obama ging auf die israelische Siedlungspolitik ein, auf den islamischen Extremismus, die arabische Autokratie, die atomaren Ambitionen Irans, den Entwicklungsrückstand in der islamischen Welt und das belastete Erbe seines Vorgängers. Mit breiten Strichen zeichnete er auf, wie er sich die Beziehungen zwischen Vereinigten Staaten und Muslimen vorstellt.

Er distanzierte sich von den letzten acht Jahren, indem er konsequent auf die Wörter Terror, Terrorist oder Fundamentalist verzichtete. Und er belegte seine Gedanken durch Koranzitate und bezog so die islamischen Extremisten geschickt mit ein. Unverbrüchlichen amerikanischen Grundprinzipien stellte er eine große Dosis Realpolitik gegenüber und demonstrierte damit der Welt, dass Stahl und Poesie sich durchaus vertragen können. Wenngleich schon viel über Obamas mutige Kritik an der illegalen israelischen Siedlungspolitik gesagt und geschrieben wurde, so können die Araber doch nicht die Augen davor verschließen, dass der US-Präsident auch sie in die Pflicht nahm.

Obama steht fest zur amerikanischen Ablehnung der seit 42 Jahren andauernden israelischen Besatzungspolitik und ist dabei als erster US-Präsident glaubwürdig genug, um den Arabern zu sagen: "In unser aller Interesse – einschließlich Israels – werde ich mich dafür einsetzen, dass die israelische Besatzung Palästinas ein Ende nimmt, aber Sie haben keine Entschuldigung mehr dafür, dass Sie der Demokratie den ihr zustehenden Platz in Ihren Gesellschaften verweigern. Ich werde ein Auge darauf haben." Durch seine unparteiischen Äußerungen zog er den bin Ladens und Netanjahus zugleich den Teppich unter den Füßen weg.

Das alles sind ungeheure Herausforderungen, und eine Garantie, dass Obama Erfolg haben wird, kann es nicht geben. Doch nun sind die muslimischen Länder an der Reihe, konkrete Maßnahmen zu ergreifen.

1. Sie sollten einen arabischen Sondergipfel einberufen und das Angebot aus dem Jahr 2002 an Israel erneuern: volle diplomatische Anerkennung im Tausch gegen das Ende der Besatzung. Dabei sollte ein Zeitplan eingehalten werden und der diplomatische "Boykott" Israels nach und nach aufgegeben werden. Als erster Schritt könnten israelischen Verkehrsflugzeugen Überflugsrechte für den arabischen Luftraum gewährt werden. Durch diese Initiative bekäme die US-Regierung ein effizientes Druckmittel gegenüber Israel in die Hand. Sollte es sich nicht an die Abmachungen halten, könnten diese Rechte leicht wieder außer Kraft gesetzt werden.

2. Sie sollten den Irak durch Diplomatie und Sicherheitspolitik unterstützen. Obama hat diesen Krieg nie gewollt, und er braucht die größtmögliche Unterstützung, um ihn zu beenden. Verständlich, dass die arabische Welt nicht bereit war, das von der Regierung Bush/Cheney hinterlassene Chaos zu beseitigen, doch die Zeiten haben sich geändert. Wenn die arabischen Regierungen dem Irak aus der Klemme helfen, dürfen sie nicht nur auf die Zustimmung der USA, sondern auch ihrer eigenen Völker rechnen. Ein demokratischer Irak könnte ihnen zeigen, dass Demokratie funktionieren kann und dass auch ein relativ friedlicher Übergang möglich ist.