Der deutsche Professor ist eine Ausnahmeerscheinung. Sämtliche Autoritäten, die hierzulande einst hoch im Kurs standen, haben ihr Renommee verloren. Der Hochadel regiert meist nur noch die Yellow Press. Der preußische Offizier ist aus bekannten Gründen keine Vorbildfigur mehr. Der Rat des Pastors bleibt ungehört, weil er oft allein in seiner Kirche steht. Als letzter Würdenträger, zu dem die Menschen noch mit Respekt aufschauen, bleibt der deutsche Professor. Auf der Hitliste der angesehensten Berufe steht er weit oben. Wer in der Öffentlichkeit recht haben will, bedient sich des vermeintlich unbestechlichen Urteils eines habilitierten Hochschullehrers. Von diesem akademischen Nimbus zehrt auch der kleine Professor – der Doktor.

Und nun dies: Gegen 100 Professoren ermittelt die Staatsanwaltschaft. Sie sollen sich ausgerechnet bei der Vergabe von Doktortiteln der Korruption schuldig gemacht haben. Als Handlanger sogenannter Promotionsberater hätten sie, so lautet der Verdacht, gegen Geld Akademiker zum Doktor befördert, welche die Auszeichnung nicht verdient hätten. Weil die Examensnoten der Kandidaten für eine weitere wissenschaftliche Qualifikation nicht ausgereicht hätten. Weil sie zumindest einen Teil ihrer Dissertation von einem Ghostwriter hätten schreiben lassen. Bis zu 20.000 Euro sollen die Kandidaten für die Ehrenbezeichnung bezahlt haben, wovon mehrere Tausend Euro an den jeweiligen Hochschullehrer flossen.

Was lehrt uns der Promotionsskandal, dessen Ausmaße noch nicht voll ausgeleuchtet sind? Zum einen ganz simpel: Der Adel ist fehlbar. In Deutschland versieht man die Wissenschaft und ihre Vertreter gern mit dem Heiligenschein besonderer Uneigennützigkeit. Das ist naiv. Professoren sind nicht weniger oder mehr korrumpierbar als andere, nicht habilitierte Geister, etwa Politiker und Manager. Meist lassen sie sich ihre Dienste – ganz legal – durch Anerkennung und Einfluss bezahlen, manchmal auch in Euro: für Gefälligkeitsgutachten oder in Extremfällen wie jetzt vermutet für die besondere Nachhilfe beim Verfassen einer Doktorarbeit.

Die Universitäten müssen diesen Versuchungen entgegenwirken. Genau dies haben sie, das ist die zweite Lektion, nicht getan. Der Markt für Promotionen ist lange bekannt. Anwälte oder Manager erhöhen mit den beiden Buchstaben auf der Visitenkarte nicht nur ihren Status, sondern auch ihr Einkommen. 10.000 Euro kann ein Titel im Jahr bringen. Ebenso wenig ist es ein Geheimnis, dass findige Firmen die Nachfrage nach der schnellen Promotion befriedigen. In Kleinanzeigen werben sie seit Langem für ihren Service. Behaupte also kein Präsident einer Universität, bei der die Staatsanwälte nun Nachforschungen anstellen, er habe von dem Titelhandel nichts gehört.

Doch es geht um mehr als nur um Geld. In angelsächsischen Ländern bleibt »Mister Smith« im Alltag derselbe, auch wenn er sich in Labor oder Bibliothek wissenschaftliche Meriten erworben hat. In Deutschland dagegen verwächst der Titel mit der Persönlichkeit, und viele Promovierte bestehen nach der Dissertation darauf, von nun an mit »Herr Doktor« angeredet zu werden. So viel Zeit muss sein. Auch das gefühlige Wort vom Doktorvater – Doktormütter gibt es wenige – ist einzigartig.

Diese emotionale Überhöhung akademischer Titel dürfte ein Grund dafür sein, dass in Deutschland im Schnitt weit mehr Promotionen geschrieben werden als in anderen Ländern, jedes Jahr sind es rund 25.000. Die Universitäten sollten – das ist die dritte Lehre aus der Affäre – diese Titelflut eindämmen. Das gilt besonders für Mediziner, deren Doktorarbeit oft den Namen nicht verdient. Auch in anderen Fächern kosten viele Dissertationen Studenten und Professoren zwar viel Arbeit und Lebenszeit. Zum wissenschaftlichen Fortschritt tragen sie aber wenig bei – die erkauften Promotionen schon gar nicht.