Der Einmarsch begann in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939. Mit Panzern und Flugzeugen stieß die Wehrmacht vor, Warschau und andere polnische Städte wurden bombardiert. Keine vier Wochen später kapitulierte Polens Armee, zumal inzwischen von Osten, gemäß dem geheimen Teilungsabkommen zwischen Deutschland und der Sowjetunion, auch Stalins Truppen eingefallen waren. Bereits in den ersten Wochen ermordeten die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei Tausende Menschen, die zur polnischen Elite zählten. Die Invasoren steckten Synagogen in Brand, plünderten Kirchen und Museen, Geschäfte und Wohnungen. Es gab Massaker an Kriegsgefangenen, an polnisch-jüdischen Zivilisten, Vergewaltigungen. Die deutschen Soldaten und Polizisten hatten nahezu freie Hand.

Es war der Beginn eines Besatzungsregimes, an dessen Ende Polen den Tod von sechs Millionen seiner Staatsbürger zu beklagen hatte, davon drei Millionen jüdischen Glaubens. Die rasch in das Deutsche Reich eingegliederten westlichen Gebiete sollten auf Verlangen Hitlers »von Juden und Polacken gereinigt« werden. In Städten wie Posen, Gnesen oder Lodz durfte nichts mehr an Polen erinnern; Lodz bekam sogar einen neuen Namen und hieß seit 1940 Litzmannstadt – nach einem vier Jahre zuvor verstorbenen preußischen General und Helden des Ersten Weltkriegs, der ein begeisterter Nazi war. Hunderttausende Polen verloren in den folgenden Jahren ihre Heimat. Sie mussten in das so genannte »Generalgouvernement« übersiedeln, jenes Gebiet, das die Distrikte Warschau, Radom, Lublin, Krakau , später auch Galizien umfasste und zu einer Art Reservat für Polen erklärt wurde.

Oft blieben den Menschen nur wenige Minuten, um ein paar Habseligkeiten zu packen, bevor sie in das Generalgouvernement abgeschoben wurden. In den ersten Wochen indes zeigte sich das dort zuständige Militär überfordert, zum Teil auch unwillig; Chaos breitete sich aus. Schon aus diesem Grund, vor allem aber um möglichst ungebunden von aller internationaler Kriegsordnung agieren zu können, beendete Hitler zum 26. Oktober 1939 die Militärverwaltung, beließ das Generalgouvernement in einem völkerrechtlichen Schwebezustand und errichtete eine zivile Besatzungsverwaltung.

Tragende Säulen wurden die Kreis- und Stadthauptleute, die sich gleich anschickten, ihren Apparat aufzubauen. Schon mit ihren ersten Entscheidungen signalisierten sie, dass Terror und Gewalt keine bloß vorübergehenden, der Gewalt des Krieges geschuldeten Auswüchse waren, sondern künftige Herrschaftsprinzipen. Zu den wichtigsten Aufgaben der deutschen Verwaltung im Generalgouvernement zählten die Ausbeutung der polnischen Landwirtschaft die Rekrutierung und Deportation von Zwangsarbeitern und schließlich die Ausplünderung und Vernichtung der Juden.

In der Provinzstadt Końskie zum Beispiel, nordwestlich von Kielce, amtierte Gustav Albrecht, typischer Vertreter einer großen Gruppe der insgesamt rund 130 Kreishauptleute. Albrecht wurde 1902 in Hamburg als Sohn eines Landrats geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Er absolvierte Gymnasium und Jurastudium mit Promotion ohne Probleme, folgte dem Beispiel des Vaters und schlug noch vor 1933 eine Verwaltungslaufbahn ein. Der Machtantritt der Nationalsozialisten hinterließ keine Spuren in seiner Karriere. Politisch war Albrecht eher zurückhaltend – er folgte 1933 nicht der großen Masse, die in die NSDAP drängte, trat aber im November 1933 in die SA ein, womöglich, um sein Fortkommen in der Verwaltung nicht zu gefährden. Erst 1937, nach Aufhebung der Sperre für Neuaufnahmen, wurde er Parteigenosse. Die Besetzung Polens bescherte ihm schließlich einen Karrieresprung vom einfachen Verwaltungsbeamten zum Herrn über einen gesamten Kreis.

Bülow, Harbou, von der Leyen – auch der Adel ist dabei

Mit nur wenigen Mitarbeitern zog Albrecht in Końskie ein und entfaltete in dem Städtchen rasch seine Schreckensherrschaft. Durch die Kriegswirren war die Versorgung zusammengebrochen, die Rationen für die Bevölkerung schrumpften auf ein kärgliches Maß. Albrecht sorgte dafür, dass die Juden, immerhin rund 46 Prozent der örtlichen Bevölkerung, nicht einmal diese Zuteilungen bekamen. Voller Häme hielt er ihnen entgegen, ihr Hungern sei die gerechte Strafe dafür, dass sie den Krieg begonnen und schon im Ersten Weltkrieg den Hungertod von mehreren Hunderttausend deutschen Männern, Frauen und Kindern verschuldet hätten. Nun werde er dafür sorgen, dass es diesmal umgekehrt laufe. Seinen Vorgesetzten berichtete Albrecht stolz, er habe den Juden gesagt, »wenn jetzt das Hungern im Kreise Konskie anfange, würde ich dafür sorgen, daß zuerst die Juden verhungerten und dann erst die Polen«. In den folgenden Wochen und Monaten setzte er, ohne dass er hierfür Befehle von oben brauchte, seine drakonische Politik fort.

Wer waren die Männer, die vielfach wie Albrecht vom ersten Tag ihrer Herrschaft an derart radikal an ihre Aufgabe herangingen? Und vor allem: Was motivierte sie? Eine stringente, an festen Kriterien ausgerichtete Personalauswahl für den Dienst »im Osten« gab es nicht. Hans Frank , neben Otto Thierack und Carl Schmitt einer der Kronjuristen des »Dritten Reiches«, war zum Chef der Zentralverwaltung des Generalgouvernements in Krakau ernannt worden. Er nahm, wen er für geeignet hielt. Die Gruppe der Kreishauptleute war sozial sehr homogen: Die überwiegende Mehrheit entstammte wie Albrecht mittelständisch-bürgerlichem Milieu. Aber auch der Adel war dabei: Hans Werner von Bülow, Mogens von Harbou und von der Hellen oder Joachim Freiherr von der Leyen, Kreishauptmann von Lemberg . In der Regel hatten die Männer Jura studiert, gut die Hälfte war promoviert worden. Meist war ihnen ein schneller Einstieg in den Beruf gelungen, was für gut die Hälfte der Kreishauptleute eine Laufbahn in der Verwaltung oder im Justizapparat bedeutete. Die anderen hatten als Rechtsanwalt, bei der Gestapo, in diversen NS-Organisationen oder in der freien Wirtschaft gearbeitet.