Als Martina Siebenhaar* ihren Sohn vor einem Jahr das erste Mal auf der Bühne sah, dachte sie erschrocken: Vielleicht haben wir doch die falsche Entscheidung getroffen. Einen Jungen mit Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, ausgerechnet auf eine theaterbetonte Schule zu schicken! Ihren Simon zu ermuntern, sich vor hundert unbekannten Menschen zu präsentieren, wo es ihm doch schon im Alltag schwerfällt, Kontakt zu Gleichaltrigen aufzunehmen! Stocksteif brachte er damals seinen kurzen Part hinter sich, versteckt hinter einer Maske.

Ein Jahr später scheint ein anderer Simon auf der Bühne zu stehen. Diesmal hat der Junge eine Hauptrolle übernommen, freiwillig. Geschmeidig schleicht er in der Rolle des Räubers über die Bühne. Ohne Verhaspeln spricht er seinen Text und genießt den Applaus. Am Ende heißt es, er sei einer der besten Schauspieler gewesen.

An der Erika-Mann-Schule kann man viele solcher kleinen Erfolgsgeschichten hören. Vom mutistischen Mädchen, das anfangs mit niemandem sprach und jetzt einen Vortrag vor der Klasse hält. Von dem Sonderschüler, der den Sprung auf die Realschule schaffte, oder dem Jungen mit starker Lese-Rechtschreib-Schwäche, der bald aufs Gymnasium wechselt. Seit zehn Jahren hat sich die Berliner Grundschule der Integration von behinderten Kindern verschrieben. Acht Prozent der Schüler haben hier einen besonderen Förderbedarf, wie es pädagogisch korrekt heißt. Sozial auffällige Kinder sind darunter, extreme Stotterer, Schüler mit Downsyndrom, Jungen mit Lernschwächen. Im Unterricht sitzen sie neben anderen Schülern, und häufig spielen alle gemeinsam Theater, denn dies ist eines der wichtigsten Integrationsinstrumente an der Erika-Mann-Schule. »Beim Theater merkt jeder Schüler, dass er wichtig für das Ganze ist«, sagt Schulleiterin Karin Babbe.

Am kommenden Montag erhalten die Direktorin und ihr Team gemeinsam mit zwei anderen Schulen den Jakob-Muth-Preis zugesprochen. Mit der Auszeichnung prämieren die Bertelsmann Stiftung, die Behindertenbeauftragte des Bundes und die deutsche Unesco-Kommission erstmals Schulen, die sich für das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Schüler einsetzen. Der Preis, benannt nach einem frühen Vorkämpfer der Integration, kommt zum rechten Zeitpunkt. Denn seit März dieses Jahres gilt auch in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (siehe Kasten). Sie garantiert allen Schülern mit einem geistigen oder körperlichen Handicap das Recht, zusammen mit ihren gesunden Alterskollegen unterrichtet zu werden. Die Vereinbarung stellt damit das bisherige System der Sonderschulen infrage. Im Lichte der UN-Konvention erscheint es nun als höchst fragwürdig, Kinder, die nicht ins Raster der Normalität passen, in Spezialeinrichtungen abzusondern.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland das Schlusslicht

Mehr als achtzig Prozent aller behinderten Kinder in Deutschland werden in Sonderschulen unterrichtet. Dabei zeigen sich viele Probleme des deutschen Bildungswesens in den Schulen für Lern-, Körper- oder geistig Behinderte in zugespitzter Form: die extreme föderale Zersplitterung, die unterschiedlichen Entwicklungschancen von Schülern je nach Wohnort, die soziale Schieflage, die jahrzehntelange Reformresistenz der Politik.

International gilt Deutschland längst als Sonderfall. »Was Integration angeht, sind wir Schlusslicht«, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Jutta Schöler, eine der Initiatoren des Jakob-Muth-Preises. Während Nationen wie Italien ihre Sonderschulen schon vor dreißig Jahren abgeschafft haben, Länder wie Großbritannien, Norwegen oder Schweden nur rund ein Prozent aller Schüler in Spezialschulen unterrichten, liegt die Sonderschulquote hierzulande bei über fünf Prozent. Angesichts dieser Zahl muss man statt von einem drei- längst von einem viergliedrigen deutschen Schulsystem sprechen.

Im Frühjahr 2006 hatte der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz der Bundesrepublik in seinem Landesbericht deshalb ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Doch während seine Kritik an der frühen, leistungsbezogenen Aufteilung der Schüler auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien heiß diskutiert wurde, ging seine weitaus schärfere Rüge an dem diskriminierenden Charakter der Sonderschule fast unter. Die »vergessenen« Kinder nennt der Hamburger Professor für Lernbehindertenpädagogik Karl-Heinz Wocken die Sonderschüler zu Recht. Selbst die Pisa-Studie, ansonsten für jede aufgeregte Debatte über unser Bildungssystem gut, hat daran wenig geändert. Kein Wunder, tauchen die Förderschulen für Behinderte im Leistungsvergleich gar nicht erst auf.

In Deutschland hält man es immer noch für normal, dass

•in allen Bundesländern Kinder einer Sonderschule zugewiesen werden können, selbst wenn die Eltern dies nicht wollen,