DIE ZEIT: Was spricht für das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern?

Jutta Schöler: Zuerst einmal ein prinzipieller Grund. Wenn wir wollen, dass Behinderte in der Mitte der Gesellschaft aufwachsen, können wir sie nicht während der Schulzeit absondern. Integration muss so früh wie möglich beginnen, am besten also im Kindergarten.

ZEIT: Aber fördern Spezialschulen behinderte Kinder nicht besser als normale Schulen?

Schöler: Die meisten Studien stützen diese Annahme nicht. Vielmehr kommen sie zum Ergebnis, dass der gemeinsame Unterricht dem getrennten überlegen ist. Die Leistungen von lernschwachen Schülern entwickeln sich desto ungünstiger, je länger sie in Sonderschulen unterrichtet werden, konkret: Mit jedem weiteren Jahr auf der Förderschule sinkt der IQ der Kinder.

ZEIT: Woran liegt dieser Abwärtstrend?

Schöler: An der Zusammensetzung der Schüler. Fast 90 Prozent der Schüler auf Förderschulen für Lernbehinderte gehören zur untersten sozialen Schicht. Das Lernniveau in den Klassen ist niedrig, es fehlen die Zugpferde. Nur ein Bruchteil der Schüler macht einen Abschluss, sehr wenige schaffen den Sprung zurück auf die Regelschule. Der Schonraum Förderschule kennt keinen Ausgang.

ZEIT: Aber die Klassen sind doch kleiner und die Lehrer speziell für diese Klientel ausgebildet?

Schöler: Den Kindern bringen diese Vorteile anscheinend wenig, da sich viele Lehrer an das niedrige Lernniveau anpassen. Erziehungswissenschaftler sprechen von einer reduktiven Didaktik.