Berlin-Gefühl "Das Rock-'n'-Roll-Virus kriegt man nicht mehr weg"Seite 6/6
ZEITmagazin: Wissen Sie noch, wo Sie am 9. November 1989 waren?
Regener: Die große Frage. Ja, das weiß ich genau. Ich saß mit Freunden in der Bar Madonna, die gibt es heute noch, und irgendwann kamen Leute rein und sagten, hey, die Mauer ist auf. Wir sagten: Mauer ist auf, was soll das denn? Und haben weitergetrunken. Irgendwann sind wir dann raus und haben vorne an der Heinrich-Heine-Straße gesehen, was da los war. Später saßen wir dann wieder in einer Kneipe, so einer Lands-Ende-Kneipe kurz vor der Grenze, da war alles voll, und es lief ununterbrochen aus einer Musikbox La Lambada, immer und immer wieder. Für mich ist La Lambada der Soundtrack zum Mauerfall.
ZEITmagazin: Sie haben mit Herr Lehmann sensationellen Erfolg gehabt, es war Ihr erstes Buch. Sie sagten mal, Sie haben das Buch begonnen, nachdem Sie beschlossen hatten, genaue Beschreibungen von Menschen wegzulassen, und zwar deshalb, weil Sie es nicht können.
Regener: Es geht darum, sich die Freiheit zu nehmen, das zu tun, was man kann. Das ist beim Schreiben so und in der Musik auch. Ich brauche die genauen Beschreibungen auch als Leser nicht, die buschigen Augenbrauen, der kunstvoll geschwungene Mund. Ich lese da immer drüber hinweg. Andere finden das ganz toll, aber ich nicht, also lass ich es. Ich produziere ja auch Musiker. Ich finde immer deren Eigenheiten, das Spezielle interessant. Das versuche ich herauszuarbeiten. Manchmal sagen sie am Ende: Du hast eine Freakshow aus uns gemacht. Ich sage, nee, diese Richtung ist dein Weg, nur so wirst du wahrgenommen. Der Versuch, Mainstream zu machen, nur weil es Erfolg verspricht, geht immer schief. Wenn man gegen sein eigenes Talent arbeitet, wird es grausam.
ZEITmagazin: Apropos Eigenart: Auf Ihrer neuen Platte heißt es in einem Song: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bevor er endlich einmal sagt, ich bin dafür…" Eine Anspielung auf Bob Dylans "Blowin’ In The Wind"?
Regener: Man beachte erst mal den Plural "Erdbeereise", der macht mich irgendwie froh. Und ja, klar, eine kleine Bob-Dylan-Verarsche ist es auch. Ich habe sowieso nie verstanden, warum Blowin’ In The Wind als großer Protestsong gilt. Schöner Song, aber was ist da der Protest?
ZEITmagazin: Herr Regener, Sie sagten, in Hamburg hatten Sie immer das Gefühl, Sie verpassen was, weil Sie nicht in Berlin sind. In Berlin hat man doch auch dauernd dieses Gefühl, weil so viel gleichzeitig passiert und man nicht überall sein kann.
Regener: Nee, geht mir nicht so. Ich möchte nur öfter zu Konzerten gehen, ich schaffe das zu selten. Neulich war ich zum ersten Mal in der Junction Bar und habe ein Konzert von Maike Rosa Vogel gehört. Ganz ausgezeichnet. Ach ja, und mit meiner Tochter, die neun ist, war ich bei Lady Gaga. Bin ja nicht so der Discofreak, aber das war toll. Wie sie mit Pfennigabsätzen Pogo tanzt! Ganz groß!
Die Fragen stellte Stephan Lebert
- Datum 31.08.2009 - 07:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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