Absolventen von Fachhochschulen müssen bei einer Promotion Zusatzleistungen erbringen. Mit diesem Pensum brauchen viele ein Jahr länger für ihre Doktorarbeit

Lisa Sochers Leistungen können sich sehen lassen: Diplom-Chemieingenieurin mit 22, ein Jahr später sattelt sie den Master drauf, Note: 1,5. Beide Titel hat sie an der Dresdener Hochschule für Technik und Wirtschaft erworben, einer Fachhochschule , wobei sie die Experimente für ihre Abschlussarbeiten an der benachbarten TU Dresden durchführte. Dort bewarb sie sich anschließend für eine Promotion – und erhielt nur drei Wochen später die Zulassung.

Allerdings, so schrieb ihr die TU, müsse sie parallel zu ihrer Doktorarbeit Seminare im Umfang von zehn Semesterwochenstunden belegen. Einerseits, sagt Socher nun, sei sie dankbar für die Chance. Andererseits sei da die zusätzliche Belastung: Wahrscheinlich werde sie zwei Semester brauchen, um die Auflagen abzuarbeiten – neben ihrem Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin und der Promotion. »Ich versuche, das positiv zu sehen: Immerhin lerne ich in den Seminaren etwas.«

Warum aber sind solche Auflagen überhaupt nötig? Es sei wichtig, Talente zu fördern, sagt der Rektor der TU Dresden, Hermann Kokenge, trotzdem müssten FH-Absolventen »im Interesse der Qualitätssicherung der Promotion« bestimmte Leistungen nachholen, die Uni-Absolventen schon im Studium erbringen.

So ähnlich wie Lisa Socher geht es offenbar vielen FH-Absolventen: Zwar haben sich die Universitäten weiter geöffnet, völlig reibungslos läuft die Bewerbung meist aber nicht ab. Diesen Schluss legt eine neue Studie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nahe, die in dieser Woche veröffentlicht wird. An der Befragung haben sich 104 Universitäten beteiligt. Das Ergebnis: Immer mehr FH-Absolventen wollen promovieren – und schaffen das auch. Von den Bewerbern mit FH-Diplom wurden von 2006 bis 2008 1224 zugelassen, 17 Prozent mehr als von 2003 bis 2005. Auch die Zahl der abgeschlossenen Promotionen hat sich erhöht: 570 FH-Absolventen erhielten zwischen 2006 und 2008 den Doktortitel – 41 Prozent mehr als in den drei Jahren zuvor.

Vor allem Ingenieure promovieren, gefolgt von Natur- und Gesundheitswissenschaftlern. Ostdeutsche Unis haben im Schnitt mehr FH-Absolventen zugelassen als westdeutsche. Mit Abstand die meisten Bewerber mit FH-Diplom nimmt die TU Dresden auf, gefolgt von den Unis Hannover , Heidelberg und Halle-Wittenberg. Aber: Fast alle mussten ein »Eignungsfeststellungsverfahren« durchlaufen – Hausarbeiten schreiben, Seminare belegen, Prüfungen bestehen. Bis zur endgültigen Zulassung vergingen so zwei bis vier Semester.

Das sollte FH-Absolventen mit Mastertitel eigentlich nicht mehr passieren, denn ihr Abschluss ist nach dem Beschluss der Kultusminister dem Mastertitel von Uni-Absolventen gleichgestellt und berechtigt »grundsätzlich zur Promotion«. Tatsächlich zeigt die neue HRK-Studie, dass zwischen 2006 und 2008 155 Masterabsolventen direkt zur Promotion zugelassen wurden. Aber: Weitere 109 Bewerber durften nur unter Auflagen beginnen.

 »Eignungsfeststellung« dürfen solche Auflagen zwar nicht mehr heißen, trotzdem kann jede Fakultät weiter autonom entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie Bewerber zulässt. Das gelte auch für Uni-Absolventen, sagt Jan Rathjen, der für die HRK-Studie zuständige Leiter des Bereichs Bildung, aber: »In der Praxis scheinen für FH-Masterabsolventen immer noch besondere Regeln zu gelten.« Darauf deutet auch folgender Vergleich hin: Insgesamt wurden in Deutschland zwischen 2006 und 2008 etwa 70.000 Promotionen abgeschlossen – davon entfällt weniger als ein Prozent auf FH-Absolventen.