Sind die Ostfriesen des Orchesters ausgestorben? Oder wurden sie per Friedensschluss in die große Musikernation eingemeindet? Zweierlei fällt hier auf: Es gibt keine neuen Bratscherwitze mehr. Und es gibt immer mehr Bratscher, die sich als Solisten profilieren.

Im Streichergebäude gilt die Viola als solides, aber unauffälliges Zwischengeschoss. Jetzt erlebt sie eine verblüffende solistische Aufwertung, die jeden Versuch der Belustigung sozusagen con sordino (mit dem Saitendämpfer) erstickt. Exzellente Musiker machen aus der vermeintlichen Not, weder brillante Höhe noch sonore Tiefe offerieren zu können, eine Tugend. Die Bratsche reüssiert als Hybridinstrument, das nach oben und nach unten reif schillert, mit dunkel getöntem, sandigem Klang Charakter zeigt und sich aufs menschlich empfundene Singen versteht. Diese Entwicklung ist derzeit mit drei ungewöhnlichen Virtuosen verbunden: Tabea Zimmermann, Kim Kashkashian und Nils Mönkemeyer. Jeder von ihnen hat eine unverwechselbare Farbe und eine eigenständige Ästhetik des Violaspiels entwickelt. Trotzdem beglaubigen alle drei den Satz des Komponisten György Ligeti, die Bratsche klinge nach Gerbsäure.

Tabea Zimmermann hat die Solosuiten von Max Reger mit Bearbeitungen der Cellosuiten von Johann Sebastian Bach kombiniert (Myrios CD MYR003/Vertrieb: Harmonia Mundi). Musikgeschichte beginnt hier, über Epochen hinweg sinnfällig zu kommunizieren. Reger war ein glühender, geradezu ergebener Bach-Verehrer, heftig kolorierte Polyfonie ädert jedes seiner Werke, formale und strukturelle Lösungen sind bei ihm gleichsam unter Pauspapier entstanden. Tabea Zimmermann zeigt mit unerhörter Souveränität, wie eigenständig, kräftig Regers Fantasie war. Im Umkehrschluss lässt die Künstlerin ahnen, wie viel Reger schon in Bach steckte. Das Fenster zur Chromatik ist dort bereits geöffnet.

Wie eine Ethnologin reist die Amerikanerin Kim Kashkashian zu den tönenden Klagemauern der Moderne. Mit verschiedenen Mitstreitern, dem Münchner Kammerorchester, dem Boston Modern Orchestra Project und dem Kuss-Quartett hat sie neue Musik aus Israel und Armenien von Betty Olivero, Eitan Steinberg und Tigran Mansurian aufgenommen. Der Geist ihrer expressiven Platte Neharót ist tief religiös und doch streng politisch, er weht zwischen Libanonkrieg, Berg Ararat und Kabbala. Die Bratsche lässt das nicht unbeeindruckt: Manchmal klingt sie nach einer Waffe, manchmal nach einem Rosenkranz (ECM New Series 2065). Das beeindruckendste Werk der Platte ist das Arien-Triptychon von Mansurian: ein großes oszillierendes Lamento mit einer Bratschenpartie, die sich in großen Kadenzen das Herz aus dem Korpus singt.

Der Pfiffigste im Terzett ist der in Bremen geborene, preisgekrönte Nils Mönkemeyer, der melodische Frische intelligent dosiert; auch er das Gegenteil des ungestümen Blenders. Mönkemeyer bietet mit den Dresdner Kapellsolisten unter Helmut Branny Bratschenkonzerte von Antonio Rosetti und Franz Anton Hoffmeister und verleiht diesen scheuen Originalen anmutigen Glanz, immerzu glücklich auf der Suche nach dem reinen Geist seines Instruments. Es klingt nicht etwa bloß tiefergelegt, sondern gewinnt aus der Deckung etwas ganz Eigenes in der Heimat der Melancholie. Im Mittelteil der Platte ist Mönkemeyer als Arrangeur tätig geworden: Einige Bach-Arien aus Kantaten hat er für die Bratsche fruchtbar gemacht, den Text singt sein Instrument – ohne Worte. Es funktioniert (Sony 88697 414442).

Besser die erste Bratsche als die zweite Geige.