Marek Edelman bleibt nicht mehr viel Zeit. Er ist 90 Jahre alt, er hat nicht mehr viel Geduld. »Fragt, fragt!«, fährt er seine Besucher an. »Stellt endlich konkrete Fragen!«

Edelman sitzt in seiner Wohnung in Warschau , auf dem Sofa, so aufrecht, wie es ihm noch möglich ist. Die Beine hängen herab, sein Rollstuhl steht im Flur. Jemand hat eine Decke auf dem Sofa ausgebreitet, damit er es weich hat und nicht auf dem Leder friert. Wer ihn anschaut, beginnt zu ahnen, wie viel Kraft die vergangenen Jahre gekostet haben müssen, wie sie gezerrt haben, bis aus seinen vollen, starken Zügen ein Greisengesicht hervorgetreten ist. Das dünne Haar trägt er nach hinten gekämmt, die dunklen Augen verschwinden in tiefen Höhlen, aber sie blicken wach. Und fordernd.

»Fragt mich!«

Das Leben des Marek Edelman umspannt alle Schrecken des 20. Jahrhunderts. Er hat den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebt, den Einmarsch der Deutschen in Polen , den Fall Warschaus, den Terror gegen die Zivilbevölkerung, die Verfolgung und Vernichtung der Juden. Er wurde mit über 400000 anderen Juden im Warschauer Ghetto eingemauert und misshandelt, aber er hat sich dagegen gewehrt. Er hat gekämpft, zweimal, mit Pistolen gegen Panzer. Zuerst, 1943, im völlig verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, als sich 200 jüdische Männer und Frauen gegen ihre Mörder erhoben. Dann noch einmal, ein Jahr später, im ebenso verzweifelten Warschauer Aufstand, durch den die polnische Nation ihre Freiheit und ihre Ehre zurückzuerobern suchte. Und viel, viel später, ein halbes Leben nach dem Krieg, war Edelman wieder im Untergrund aktiv, um die Solidarność zu unterstützen.

Er könnte ein Held sein, ein polnischer Held. Aber er hat sich dieser Rolle immer verweigert. Edelman tauge nicht zum Helden, schrieb die polnische Schriftstellerin Hanna Krall über ihn, denn er habe nie »gesprochen, wie man zu sprechen hat« als Held: voller Pathos, voller Hass, schreiend. Edelman berichtete stattdessen nüchtern von dem, was er gesehen hat.

Edelman spricht Polnisch, seine Muttersprache. Die Stimme ist schwach und brüchig, wie von weit weg klingt sie herüber. Manchmal wechselt er ins Deutsche. Es macht ihm Mühe, er muss sich sehr konzentrieren, aber er beharrt darauf.

»Für junge Menschen ist es heute sehr schwer, zu begreifen, wie das alles gewesen ist«, sagt er. »Wenn die Erinnerung nicht bleibt, dann kann sich alles wiederholen. Und je mehr man sich erinnert und weiß, desto größer die Chance, dass es sich nicht wiederholt. Der Mensch ist schlecht.«