Gesellschaftskritik Bushido beim Therapeuten
Der Rapper hat sich auf die Couch gelegt. Ob es ihm geholfen hat, ist unklar. Nach vier Sitzungen hatte er genug von "blöden Psycho-Antworten und Uni-Gelaber".
Der Rapper Bushido hat ein Geständnis abgelegt. Er sei, sagte er in einem Interview, durch die Krebserkrankung seiner Mutter in eine suizidale Krise geraten, die ihn in die Praxis eines Psychiaters geführt habe.
Sein Vater hatte die Familie verlassen, als Bushido, damals noch Anis Ferchichi, klein war. Anis wuchs dann bei seiner Mutter auf. In seiner Autobiografie schrieb er später, dass er, seitdem eine Freundin ihn verlassen habe, Frauen nicht mehr vertrauen könne, ein Gefühl, das offenbar dadurch verstärkt wurde, dass ihm nach seinen Konzerten oft Frauen auflauern. Nicht dass sie ihm etwas tun wollten: Sie wollen, dass er ihnen etwas tut. Und nicht immer bitten sie vergebens. Vertrauen ist auf diese Weise allerdings nicht gewachsen.
Bushido war 30, als er sich professionelle Hilfe suchte. Nach vier Sitzungen hatte er genug von dem, was er "blöde Psycho-Antworten und Uni-Gelaber" nannte. Man könnte sich den Schlussdialog der vierten Sitzung etwa so denken: "Herr Ferchichi, ich weiß, dass es schwer für Sie ist, über Ihre Gefühle zu reden. Aber was genau ist es, das Sie an meinen Antworten blöd finden?" – "Isch habe Freud gegoogelt, Mann. Isch weiß, was Sie denken. Sie denken, isch will meine Mutter f*****." – "Ich glaube, Herr Ferchichi, dass Sie gerade sehr wütend sind. Was genau fühlen Sie?" – "Isch fühle, dass du dich selber f***** sollst, Mann."
Ob es Bushidos Seele gutgetan hätte, sich mehr zu öffnen, wer weiß. Aber man darf die Ferndiagnose wagen, dass etwas Selbsterkenntnis seiner Musik gutgetan hätte. Der Amerikaner Eminem, der Bushidos Vorbild zu sein scheint, traute sich, die Neurosen der Trailerpark-Generation als Thema in ein Musikgenre einzuführen, das bis dahin um Cabrios und Silikon kreiste. Eminem hat seine Ängste zu Dienern seiner Kunst gemacht. Das war mutig, bevor es zum Mainstream wurde. Auch auf Eminem warten nach den Konzerten Frauen, aber respektiert wird er für seine Musik, und um Respekt geht es doch, oder?
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Da, wo der Weltstar Eminem ist, will Bushido offenbar nicht hin. Er will der Sänger mit der "harten Schale" und dem "weichen Herzen" bleiben, als der er sich mal beschrieb, ein böser Junge, in dem (falls eine Frau sich ausnahmsweise nicht als Schlampe entpuppt) ein "Gentleman" steckt und der über die Wut, die das Material seiner Kunst sein könnte, nur zu sagen weiß, dass sie nicht echt, sondern eh nur Fassade sei. Was dahinter liegt, wird Bushido nie wissen.
- Datum 26.08.2009 - 14:54 Uhr
- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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