DIE ZEIT: Herr Frank, das Verhältnis zwischen Hirnforschern und Philosophen scheint mehr von Feindseligkeit als von Zusammenarbeit geprägt – zumindest wenn man die öffentliche Debatte verfolgt. Woran liegt das?

Manfred Frank: Die Themen, um die da gestritten wird – freier Wille, Selbstbestimmung, Seele –, sind natürlich Dauerbrenner. Sie packen die Leute an einem Punkt, an dem sie von tiefen existenziellen Intuitionen aufgewühlt werden. Und viele Menschen neigen nun einmal dazu, die Antworten eines gestandenen Naturwissenschaftlers denen eines haltlos über die Welt spekulierenden Philosophen vorzuziehen. Auch der Philosoph geht ja zur Not zum Arzt und nicht zu einem philosophischen Kollegen, wenn er Auskünfte über seinen Gesundheitszustand will.

DIE ZEIT: Sie meinen, unsere Gesellschaft schätzt die Einsichten von Geisteswissenschaftlern weniger als die anwendungsorientierte Arbeit von Naturwissenschaftlern?

Frank: Das gesunde Volksempfinden war schon immer eher gegen die Geisteswissenschaftler gerichtet, frei nach dem schwäbischen Motto: Die schaffe ja nix! Aber Naturwissenschaftler wissen, dass das Hirn auch beim geisteswissenschaftlichen Denken ganz schön arbeitet. Ich selbst jedenfalls bin nicht an der Konkurrenz, sondern am Dialog interessiert: Ich möchte sehr gern wissen, was Neurowissenschaftler können und was sie machen.

DIE ZEIT: Gilt das auch umgekehrt? Haben Neurologen Interesse an Ihrer Arbeit?

Frank: Manche Naturwissenschaftler halten wenig von Philosophen, weil sie meinen, sie müssten die armchair- Bemühungen jener, die über geistige Freiheit fern von Laboratorium und experimenteller Erfahrung nachgedacht haben, gar nicht erst lesen. Andere sind gegenüber der Philosophie aber aufgeschlossen, weil sie wissen, dass alle experimentelle Arbeit mit Begriffsklärungen beginnt, und das bleibt eine philosophische Domäne. Manche Hirnforscher sind mit den technischeren Schriften der sogenannten philosophy of mind sogar erstaunlich gut vertraut; und das Umgekehrte gilt ja ebenso.

DIE ZEIT: Aber woher kommt dann die offenkundige Feindseligkeit, die überall spürbar ist?

Frank: Sie hat damit zu tun, dass die Wissenschaftler im gegenwärtigen Universitätssystem eher zur Konkurrenz aufgehetzt sind. Man versucht, effizient und schnell Drittmittel einzuwerben und sich gegenseitig nach Kräften zu übertreffen. Das drückt sich dann natürlich auch in der medialen Darstellung von Forschungsergebnissen aus.

DIE ZEIT: Einmal abgesehen davon: Was kann denn die Hirnforschung von der Philosophie erwarten?

Frank: Einen gewissen, auf den zweiten Blick positiven Widerstand. Sie kennen Wittgensteins Empfehlung an Philosophen: »Nimm dir Zeit!« Heutige Bewusstseins-Philosophen nehmen sich Zeit und geben sich Mühe, die stromlinienförmigen Verfahren der Naturwissenschaft zu verlangsamen und ihre Autoren zum Überlegen zu bringen. Sie stellen Fragen wie: Was soll denn das heißen, dass die Natur geistige Prozesse »verursacht«? Wie könnte eine vernünftige Leib-Seele-Theorie aussehen? Warum ist uns bei manchen mentalen Zuständen irgendwie »zumute« und bei anderen nicht? Die Funktion solcher Philosophenfragen und Bedenklichkeiten ist freilich nicht, neurobiologische Aufklärungsanstrengungen zu verunglimpfen, sondern die Neurobiologen zu angemessen differenzierter Phänomenwahrnehmung anzuhalten. Dadurch, dass Sand in die gut geschmierte Maschine der Forschungsroutine gestreut wird, wird der Fortschritt der Wissenschaft befördert – und nicht behindert.

DIE ZEIT: Fangen wir an, Sand ins Getriebe zu streuen. Was interessiert Sie selbst am meisten an den Ergebnissen der Neurowissenschaften?

Frank: Mein Interesse an den Neurowissenschaften hat viele Gründe. Einer davon ist, dass sich die Hirnforschung – nach der modischen Toterklärung des Subjekts in der Nachfolge Heideggers, Wittgensteins und des Strukturalismus – auf ihre Weise dieses Themas wieder angenommen hat. Anders als andere Philosophen halte ich Subjektivität für das Grund- und Kernthema menschlichen Nachdenkens. Meine verschiedenen Abschweifungen zur Frühromantik, zum Poststrukturalismus und so weiter sind immer durch diesen kleinsten gemeinsamen Nenner zusammengehalten worden.

DIE ZEIT: Wenn Subjektivität Ihr Kernthema ist: Wird diese Subjektivität von den Neurowissenschaften nicht regelrecht pulverisiert und aufgelöst? Hirnforscher behaupten, hinter dem angeblich freien Willen des Subjekts steckten lediglich neuronale Prozesse, die den Willen determinierten. Es gibt weder das Subjekt noch seine Subjektivität. Und auch der Geist ist nicht Geist – er sei Materie.

Frank: Willensfreiheit ist nicht alles, obwohl das Thema die Feuilletons und Talkshows überschwemmt. Ins gemeinsame Grenzgebiet zwischen Neurowissenschaften und Philosophie gehört vor allem das weite Feld des Bewusstseins. Die bloße Tatsache, dass so viele Neurowissenschaftler das Problem der sogenannten Erklärungslücke …