Wie Sportfreunde brauchen auch Literaturfreunde von Zeit zu Zeit den absoluten Hammer, wie zum Beispiel diesen 9,58-Sekunden-Weltrekord von Usain Bolt oder diesen 1547-Seiten-Klotz (39,95 €) von David Foster Wallace . Auch Literaturfreunde können Sportgeist zeigen, wie etwa beim Hundert-Tage-Rennen, das der Verlag Kiepenheuer & Witsch ausgerufen hat. Die Mannschaft aus Kritikern und Schriftstellern liest den Roman Unendlicher Spaß um die Wette, und ein Weblog berichtet vom Stand der Rallye .

Es lässt sich nicht abstreiten, dass man Profi sein oder viel Zeit haben muss, um dieses Superding zu schaffen. Wer aber das Pech haben sollte, in einer Skihütte eingeschneit zu sein oder sich den Arm gebrochen zu haben, wer also wenig anderes tun kann als lesen, der wird sich glücklich schätzen, mit diesem Roman allein zu sein. Er ist, ungeachtet des Rumors, der ihm seit Jahren vorausgeht (1996 erschien er in den USA ), überwältigend und einzigartig.

DFW, wie manche ihn nennen, kann einfach alles, und das ist, um es gleich zu sagen, für den Leser ein Problem. Nicht selten geht er unter in den Wasserfällen endloser Sätze, in der Vielfalt der Perspektiven, der Sprechweisen, des plötzlichen Tonfallwechsels, wo Sarkasmus und Trauer, Hohn und Mitleid dicht beieinanderwohnen. Wer den Beckmesser spielen wollte, müsste sagen: Als Roman ist das Ding aus dem Ruder gelaufen. Aber es handelt sich, gerade deshalb, um große Kunst. Es ist komisch bis zum Kalauer und erschütternd bis zum schwer Erträglichen. Wer es gelesen hat, ist danach ein anderer.

Sagen wir in Kürze, worum es geht. In Kürze? Es sind ja drei Dutzend Personen oder mehr, denen man begegnet, und sicherlich ein Dutzend, an deren Schicksal Anteil zu nehmen man nicht umhinkann. Zwei Schauplätze stehen im Mittelpunkt: Ennet House, ein Entziehungsheim für Süchtige, und die E.T.A. , die Enfield Tennis Academy, wo Mittelstandskinder zu Tennis-Assen herangezüchtet werden. Beide Institutionen, nicht weit voneinander entfernt, liegen in Boston . Wir befinden uns in einer nicht genau bestimmten näheren Zukunft. Die Staaten Kanada, USA und Mexiko haben sich zur Organization of North American Nations zusammengeschlossen, kurz O.N.A.N., deren Anhänger folglich O.N.A.N.isten heißen (das ist eine dieser etwas pennälerhaften Pointen, zu denen DFW manchmal neigt). Die Gegner sind Separatisten, die für ein freies frankofones Québec kämpfen und durch Terroranschläge auf sich aufmerksam machen.

In dem neuen Staatengebilde hat die Unterhaltungsindustrie einen vollkommenen Sieg errungen. Es gibt kein gemeinsames Fernsehen mehr, sondern jeder Bürger wird mit einem speziellen Programm kostenlos versorgt und verblödet. Die Kommerzialisierung ist so weit fortgeschritten, dass Sponsoren Jahresnamen mieten. Die herkömmliche Zählung entfällt, und so schreibt man das »Jahr des Tucks-Hämorrhoidensalbentuchs« oder das »Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas«. Der größte Teil der Handlung spielt im »Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche«. – So weit der mit satirischem Zorn geschilderte äußere Rahmen, in dem das, was jetzt schon weitgehend der Fall ist, grell aufleuchtet.

Das eigentliche Thema aber sind die Menschen, die nicht mehr Subjekte, nicht mehr Herren ihres Lebens sind, sondern Objekte eines neuen, geschmeidigen Totalitarismus. Fast alle sind sie süchtig, abhängig von den Drogen Leistung und Erfolg oder von Alkohol und anderen Chemikalien. Auch die Schüler der E.T.A. nehmen Drogen und wissen, wie man Urintests manipuliert. Einer hat DMZ organisiert: »Das unglaublich starke DMZ ist weit wirksamer als Meskalin, MDA, DMA, TMA, MDMA, DOM, STP, das injizierbare DMT…« Es folgen noch etliche andere Drogen, bis der Junge zusammenfasst: »Es ist der Große Weiße Hai der synthetischen Halluzinogene.« So reden Kenner.