Wahlen in Japan Das Ende einer Ära steht bevorSeite 2/2
Tanaka ist politisch in jener Partei groß geworden, die sie jetzt bekämpft. Ihr Vater Kakuei ist eine LDP-Legende, von 1972 bis 1974 diente er als Premierminister, bis er wegen undurchsichtiger Immobiliengeschäfte zurücktreten musste. Kakuei hatte die Kunst des Klüngels perfektioniert und ein Netz persönlicher Abhängigkeiten gespannt, in dem er sich zuweilen selbst verstrickte. 1976 wurde er zur Hauptfigur eines der größten Korruptionsskandale Japans. Der amerikanische Flugzeughersteller Lockheed soll Kakuei mit drei Millionen Dollar bestochen haben, eingefädelt wurde der Deal mithilfe eines Angehörigen der Yakuza, der japanischen Mafia. Legendär war auch Kakueis »Wahlmaschine«: In den besten Zeiten der Partei sollen Chefs ihren Angestellten, Ärzten ihren Patienten, Postbeamte ihren Kunden empfohlen haben, LDP zu wählen. Doch dieses Mal geraten die Wahlmaschinen ins Stocken. Soeben hat der mächtige Bauernverband angekündigt, er lasse seine Mitglieder erstmals frei entscheiden, wen sie wählen wollten.
Tanaka hat das Vermögen und den Wahlkreis ihres Vaters geerbt. Ein Drittel aller Abgeordneten kommt aus solchen Politdynastien. Während die meisten im Schatten ihrer Väter dümpeln, entwickelte Tanaka ein eigenes Profil. Koizumi holte sie 2001 als erste Frau in das Amt des Außenministers, wo sie mit unorthodoxem Führungsstil die verkrustete Kaste der Staatsbeamten verprellte. Ihren eigenen Premierminister nannte sie in der Öffentlichkeit einen »eigenartigen Kerl«, George W. Bush ein »totales Arschloch«. Dass sie nach neun Monaten aus dem Kabinett und kurz darauf aus der Partei flog, tat ihrer Popularität keinen Abbruch. Sie kandidierte fortan als Unabhängige, bis sie schließlich wie einige andere Größen der LDP in die DPJ eintrat. »Ach«, sagt Tanaka ganz sanft, »mein Vater! Der wäre doch inzwischen längst in der DPJ.« Wenn sie in diesem Moment die Rache genießt, dann weiß sie es gut zu verbergen.
Es ist zehn Uhr vormittags, als Tanaka bei ihrem nächsten Wahlkampftermin betagte Reisbauern in einem Gemeindesaal mit Witzen unterhält. »Sie hat mich bezaubert«, flüstert ein Herr in Pantoffeln. »LDP, DPJ, das ist mir ganz egal, ich wähle einfach sie. Das ist wie in der Ehe. Unser Bund ist für immer.« Man sieht in diesem Wahlkampf überhaupt viele Rentner, und kommt bald zu dem Schluss, dass die japanische Politik mehrheitlich eine Veranstaltung der über 60-Jährigen ist. Das erklärt, warum in diesem ohnehin nicht inhaltsschweren Wahlkampf wenig über Schulen, Kindergärten oder die Probleme einer überalterten Gesellschaft gesprochen wird.
In zwei Punkten allerdings bemühen sich Tanaka und die DPJ um politisches Profil. Sie geben sich als die »sozialere Partei«, und sie demonstrieren Distanz zu Amerika. Sei es denn wirklich so eine gute Idee, fragt Tanaka ihre Zuhörer, sich sicherheitspolitisch nur auf die USA zu verlassen?
Ein starkes Japan und die Allianz mit Amerika – das waren die Grundpfeiler der LDP. Die DPJ hingegen opponiert seit Jahren gegen japanische Unterstützung für die USA im Irak oder in Afghanistan, poltert gern mit antiamerikanischer Rhetorik, rudert allerdings genauso schnell wieder zurück. Folglich ist völlig unklar, was Japan erwartet, wenn die DPJ mit ihrem Spitzenkandidaten Yukio Hatoyama an die Macht kommen sollte. Ihr Nimbus als »saubere politische Kraft« hat jedenfalls gelitten, seit Hatoyamas Vorgänger im Mai zurücktrat, weil in seinem Umfeld illegale Spenden kassiert worden waren.
Es ist 21 Uhr, und Ryuichi Yoneyama, der Mann von der LDP, pflügt sich durch ein Stadtfest. Die Angestellten der Verwaltung tanzen tapfer in Kimonos durch den strömenden Regen. Yoneyama schüttelt jede Hand, die er zu fassen kriegt. »Sie werden doch wohl nicht gegen so eine Frau verlieren«, lallt ein Betrunkener. Yoneyama hat sich an diesem Tag ungefähr 700-mal verbeugt, er hat so oft gelächelt, dass ihm die Wangen wehtun müssen. »Ein Politiker muss hart sein«, sagt er. Morgen wird er wieder auf einer Verkehrsinsel stehen.
- Datum 29.08.2009 - 14:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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