Das Mainstreamkino und die Frau über vierzig führen keine glückliche Beziehung. Wenn Schauspielerinnen eine gewisse Altersgrenze überschreiten, kann es passieren, dass sie einfach aus dem Bild verschwinden. Was machen heute die weiblichen Stars, die sich in den achtziger Jahren neue Bewegungsspielräume erkämpft hatten, all die working girls und Actionheldinnen? Melanie Griffith und Geena Davis, Glenn Close, Jamie Lee Curtis und Sigourney Weaver – abgetaucht, mit Nebenbeschäftigungen befasst oder ins Fernsehen gewechselt. Wer auf der Leinwand überleben will, muss sich in Selbstbescheidung und defizitären Rollen üben. Wenn Meryl Streep in der Komödie Der Teufel trägt Prada die herrischste Chefin aller Zeiten spielt, darf die Szene nicht fehlen, in der sie als einsam und verzweifelt dekuvriert wird. Wenn Diane Keaton in Was das Herz begehrt die Wahl zwischen zwei Männern treffen muss, nimmt sie nicht den Jungen mit dem Waschbrettbauch, der sie auf Händen trägt. Ganz zu schweigen von Jodie Foster, deren Karriere geradezu masochistische Züge angenommen hat.

Umso angenehmer ist es, im neuen Film des englischen Regisseurs Stephen Frears ein Comeback mit Glamour und Witz zu erleben. Chéri ist die Adaption eines 1920 verfassten Romans der französischen Schriftstellerin Colette. Aber es ist auch ein Kommentar zur Frage, wie weit das working girl, die berufstätige Frau im Allgemeinen und die erfolgreiche Hollywoodschauspielerin im Besonderen, in den vergangenen zwanzig Jahren gekommen ist.

Léa de Lonval, gespielt von Michelle Pfeiffer, bereitet sich auf ihren Ruhestand vor. Sie hat als Kurtisane im Paris der Belle Époque ein Vermögen erwirtschaftet. Jetzt freut sie sich aufs Nichtstun: »Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als ein Bett, das man ganz für sich allein hat?« Das Alter scheint für sie keine Schrecken zu haben; Léa ist geistreich, weltläufig, eine Frau, die gelernt hat, mit sich zurechtzukommen und sich ihre Wünsche zu erfüllen. Was ihr Aussehen betrifft, ist sie zuversichtlich: »Ein guter Körper hat lange Bestand.« Aber es gibt ein Hintergrundgeräusch in der treibenden Filmmusik, ein umbarmherzig gleichmäßiges Plinkern, wie das Ticken einer Uhr. Und dieses Geräusch wird dringlicher, als eine Freundin und Kollegin Léa ihren Sohn an den Hals wirft. Fred, genannt Chéri, hat mit 19 Jahren bereits alles genossen, was die großstädtische Halbwelt zu bieten hat: durchzechte Nächte, flüchtigen Sex, cholesterinhaltiges Essen. Léa päppelt den Kindmann mit den dunklen Augenringen auf. So beginnt die Liebe eines Lebens. Leider unbemerkt von den Liebenden, die sechs Jahre lang glauben, sie hätten nicht mehr als eine Affäre.

Anfang der Neunziger war Pfeiffer das Sexsymbol des denkenden Zuschauers

Michelle Pfeiffer hat sich zuletzt rar gemacht im Kino und schien bereits im Begriff, in einen gepflegten Ruhestand hinüberzugleiten. Was sicher etwas mit der Entwicklung eines Geschäfts zu tun hat, das seinen weiblichen Stars nicht erst seit gestern die Form der Augenbrauen und die Körbchengröße diktiert, das unter dem eher bedrohlichen als tröstlichen Motto »Fünfzig ist die neue Vierzig« immer feinere und gemeinere Methoden entwickelt, um den biologischen Skandal zu vertuschen, den man Altern nennt: Der Druck auf die Stars, »etwas machen zu lassen«, ist stärker geworden. Dabei hatte Michelle Pfeiffer stets mehr zu bieten als dieses sanfte Gesicht mit den Untertassenaugen und dem dramatischen Mund. Um die Wende zu den Neunzigern war sie das Sexsymbol des denkenden Zuschauers. Pfeiffer konnte sich in großer Robe auf einem Klavier räkeln wie in Die fabelhaften Baker Boys oder ungeschminkt als Kellnerin in Frankie und Johnny Kaffee abfüllen. Und sie wird vermutlich auf hundert Jahre hinaus die Einzige bleiben, an der ein nass glänzender Latexanzug mit angesteppten Ohren nicht wie ein Witz aussieht (den trug sie in Batman Returns).

In Chéri stellt Stephen Frears, dessen Gefährliche Liebschaften Pfeiffers Durchbruch samt einer Oscar-Nominierung bedeuteten, seine Hauptdarstellerin nun ins Zentrum einer Geschichte, die über weite Strecken von der Wechselwirkung zwischen Star-Image und Sujet lebt. Natürlich ist das Altern ein Thema in diesem Film. Aber die langen Gänge und gefühlvollen Nahaufnahmen, die Frears seiner Diva schenkt, lassen eher die Frage aufkommen, wie man zugleich so nonchalant und elegant wirken kann. Die Demimonde in Chéri erinnert im Übrigen nicht nur von fern an Hollywood. Von der »anständigen« Gesellschaft geächtet, dem normalen Leben entrückt, bilden die Kurtisanen einen eigenen Kosmos, schaffen sie sich, traumhaft begütert, albtraumhaft eitel, berühmt und berüchtigt, ihre eigene Bühne. Es ist eine geschlossene Society, die sich mit einer Reihe bissiger, en passant abgelieferter Bonmots zugleich hellsichtig beschreibt und gnadenlos durchschaut: »Findest du nicht auch, dass jetzt, wo die Haut weniger straff ist, Parfüm wesentlich besser hält?«

Nicht zufällig hat Frears diese Pointen bei der doch etwas vergessenen Autorin Colette ausgegraben. Wie die Modeunternehmerin Coco Chanel, mit der sich gerade zwei französische Filme beschäftigt haben, wurde die Schriftstellerin an der Schwelle zur Moderne in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Konvention und weiblicher Revolte groß. Colettes experimentelle Vita – sie heiratete mit 16 einen fast doppelt so alten Literaten, war liiert mit Frauen und jüngeren Männern, machte Karriere als Varietésängerin, Redakteurin und Kulturpreisträgerin – lässt sich dabei vom Werk kaum trennen. So lösen sich in dem impressionistischen Chéri- Roman mit der Form die Rollenmuster auf. Das gesponserte Mädchen, das die Autorin einmal war, kehrt hier in Gestalt des hübschen Jünglings mit dem »geschwungenen Mund« zurück, der sich von seiner Geliebten versorgen lässt.

Nun will die Diva den Affentanz um Krähenfüße nicht mehr mitmachen

Viel mehr als die Spezifika des inzwischen historischen Berufsbilds »Kurtisane« interessieren Frears diese Verschiebungen in der Beziehung der Geschlechter: Im Halbdunkel von Léas Schlafzimmer, zwischen ihren femininen Accessoires, den duftigen Hemden und schimmernden Perlenketten, die Chéri (Rupert Friend) auch gerne mal überstreift, ist kaum noch auszumachen, wo das Harte aufhört und das Zarte anfängt.