Film Kochen ist Therapie

Der deutsche Sternekoch Tim Raue über den Film "Julie & Julia" von Tim Raue

Meryl Streep alias Julia Child

Meryl Streep spielt in Nora Ephrons Film die amerikanische Fernsehköchin Julia Child  |  © 2009 Sony Pictures Releasing GmbH

Essen ist mein Thema, Kochen ist mein Beruf. Es ist, als ob man die eigene Stimme im Radio hört, wenn man das eigene Berufsbild auf der Leinwand sieht. Oft ist man ein wenig irritiert und fragt sich, was man davon halten soll, wenn Klischees aufgefahren und trotz Beratung von Fachkräften Vorgänge gezeigt werden, die nicht so wirklich der Realität entsprechen, aber auf das Publikum einen authentischen Eindruck machen. Nun ist Kochen ein Handwerk, das wie kein anderes ein extrem weites Feld beackert. Vom Crêpes-Stand, der neben Mülltonnen in einer Gasse an der Place des Lices von St.Tropez steht, bis zu den perfekt inszenierten, weltweit verstreuten Restaurants von Alain Ducasse, in denen selbst die Salzkörner im Schälchen auf dem Tisch abgezählt wirken.

Sie fragen sich, warum ich französische Motive wähle? Weil Nora Ephrons Film Julie & Julia von der französischen Hochküche ausgeht. Einer Küche, die wir in den letzten Jahren auf der kulinarischen Weltkarte in Richtung hinter Australien liegender Atolle verbannt haben. Die Spanier sind molekular und moderner, die Deutschen sammeln Sterne wie noch nie, und der ehrwürdige Michelin macht sich auf gen Asien, wo er in Tokyo mehr Sterne verteilt als in halb Europa. Und doch haben die Franzosen etwas, was sie einmalig macht. Grundprodukte von einem anderen Stern. In Julie & Julia kann man zum Beispiel sehen, wie Baguettescheiben in einer gusseisernen Pfanne in bernsteinfarbener Butter braten, ja darin baden, bis sie goldbraun sind. Wie sich dann ein Berg reifster Tomaten aus der Provence dazu schichtet, gewürzt mit einigen Meersalzkristallen.

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Dieser Film nämlich handelt von Julia Child, einer amerikanischen Star- und Fernsehköchin, die im Jahre 1961 das Kochbuch Mastering the Art of French Cooking schrieb. Sie brauchte fast ein Jahrzehnt für ihr Werk, das mittlerweile in der 49. Auflage in den USA erschien und Generationen von Amerikanern mit der französischen Küche infizierte. Dabei betrieb Julia Child nie ein Restaurant. Sie war eine ziemlich gelangweilte Hausfrau an der Seite eines Diplomaten, der zufällig nach Paris geschickt wurde. Hier besuchte sie einen Kochkurs, der ihren Ehrgeiz weckte. Gemeinsam mit zwei Französinnen schrieb sie ihr Buch, gedacht für amerikanische Hausfrauen, die, oh weh, kein Hauspersonal haben. Als Zuschauer entdecken wir das Buch gemeinsam mit der Figur der Sachbearbeiterin Julie Powell (Amy Adams), die alle 524 Rezepte nachkocht und darüber in einem Blog berichtet.

Julia Child wird gespielt von Meryl Streep, die sich ihrem realen Vorbild in Mimik und Gestik und bis in die kochtechnischen Kleinigkeiten anverwandelt hat (zu überprüfen übrigens durch Kochsendungen der echten Julia auf YouTube). Man muss gesehen haben, wie sie bei der École le cordon bleu mit einem linkischen »Bongschur!« zur Tür hineinkommt, wie sie lernt eine Zwiebel zu schneiden, einen Hummer bändigt und uns und ihrem Fernsehpublikum mitteilt, dass man ruhig mal was auf den Küchenboden fallen lassen kann (»Wer sieht es schon?«). Letztlich erzählt der Film auch davon, wie man Schicksalsschläge oder Krisen überwinden kann, nicht zuletzt durch die Lust am Kochen, am Essen, am Leben eben.

Hier geht es nicht um den Zwang zum Essen als tägliche Begierde, sondern um eine wahrhaft meditative Angelegenheit, die den Zuschauer, in diesem Fall mich, dazu verführt, nicht immer an Perfektion im Detail, an Punkte, Sterne und Ruhm zu denken, sondern an die Lust am Handwerk. Tatsächlich ist dieser Film in mancher Hinsicht therapeutisch, nicht nur für einen Sternekoch.

Tim Raue, Jahrgang 1974, ist einer der besten deutschen Köche. Er wurde bereits mit einem Michelin-Stern und 18 Punkten im »Gault-Millau« ausgezeichnet

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Leserkommentare
  1. Merrill Streep ist brilliant als Imitatorin der ebenso drastisch-kompetenten wie kuriosen Diplomatengattin, die sich in die exklusive Männerwelt der Haute cuisine française wagte, um deren Geheimnisse auf amüsante Weise einem faszinierten Fernsehpublikum zu vermitteln. Zum Vergleich kann man die echte Julia Child noch immer im Original bei Youtube anklicken. Kein Wunder, dass ihr Kochbuch jetzt dank des Film erneut den Rennerstatus erzielt.

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