Die obersten Seuchenschützer in Genf sind nervös, und ausnahmsweise gilt ihre Sorge nicht der Schweinegrippe. Im Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha beobachtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Monaten zunehmend Resistenzen gegen das Malariamittel Artemisinin. Dabei ruht auf dieser Substanz, gewonnen aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua), die ganze Hoffnung der WHO im Kampf gegen das Wechselfieber.

Die gefürchtete Resistenz wäre nicht entstanden, hätten die Patienten den Wirkstoff – wie empfohlen – als Kombinationspräparat mit einer anderen Substanz eingenommen. Doch dieser Plan scheitert. Immer wieder tauchen Mittel allein mit dem Wirkstoff auf, Fälschungen enthalten viel zu geringe Dosierungen, oder der Inhaltsstoff fehlt gleich ganz. Als sei das alles nicht schlimm genug, wird die Kampagne der WHO seit einiger Zeit auch noch aus Deutschland unterwandert.

Das Zentrum der Subversion liegt in Winnenden, dem Sitz der christlichen Hilfsorganisation Anamed International. Ihr Name steht für »Aktion Natürliche Medizin«, ihre Mission wirkt auf den ersten Blick plausibel: Patienten in Entwicklungsländern sollen sich mit dort angebauten Heilpflanzen selbst therapieren. Interessenten erhalten zum Preis von 142 Euro ein Artemisia-Starter-Kit mit 5000 Samen und Broschüren zugeschickt – dann kann das Menschenexperiment beginnen. Über tausend Kooperationspartner in 75 Ländern habe man, wirbt der Anamed-Gründer Hans-Martin Hirt.

Auf den zweiten Blick ist dieses Konzept verheerend. Ein mit Artemisia annua zubereiteter »Tee« ist eben noch längst kein zuverlässiges Therapeutikum gegen Malaria. Zwar zitiert Anamed Studien, nach denen der Malariaparasit unter der Teetherapie im Blut nicht mehr nachweisbar war. Tatsächlich aber schlummert der Erreger weiterhin versteckt im Körper. Den Patienten geht es kurzfristig besser – dann erleiden sie einen neuen Anfall. Die Konzentration des Wirkstoffs im Blut von Artemisia-Tee-Konsumenten reicht nicht, um den Parasiten endgültig zu besiegen. »Dafür«, sagt der Biologe Frank van der Kooy von der Universität Leiden, »müsste man schon fünf Liter am Tag trinken.«

Auch den Verdacht, dass sein Tee zu den gefürchteten Artemisinin-Resistenzen führen könnte, kann Hans-Martin Hirt nicht ausräumen. Stattdessen kontert er mit dem Hinweis auf die 2000-jährige asiatische Tradition mit der Pflanze; was er verschweigt, ist die Tatsache, dass Asien trotz dieser Tradition von Malaria geplagt ist.

So steht der Glaube an das Naturheilwunder gegen das Wissen um ein gut untersuchtes Medikament. Solange die Beweislage für die Wirksamkeit seines Tees derart dünn bleibt, gefährdet Anamed ahnungslose Malariapatienten und riskiert gleichzeitig, dass die letzte Waffe gegen Malaria stumpf wird. Das wäre dann ein gewaltiges Therapieversagen, made in Germany.