Luchs Nr. 271 Das Ding unter dem Himmel
Die Erde ist rund, weiß jedes Schulkind. Oder doch flach? Etwa wackelig? Ein Bildband zeigt den Reichtum der Fantasien von der Welt
© Knesebeck Verlag
Nein, eigentlich spricht nichts dafür, dass die Erde eine Kugel ist. Nichts jedenfalls, das sich auf Anhieb mit bloßem Auge sehen lässt. Wenn man aus dem Fenster schaut oder draußen steht, im Garten oder auf einem Acker, und in die Ferne blickt – sieht es dann nicht so aus, als strecke sich die Erde einfach so hin, immer weiter, bis zum Horizont und wahrscheinlich darüber hinaus? Läge es dann nicht nahe zu glauben, wie es Menschen jahrhundertelang getan haben, die Erde sei ein flaches Ding unter dem Himmel? Eine dünne Schicht Land, die auf dem Wasser treibt, so wie es die Sagen der kanadischen Inuit erzählen? Oder eine Scheibe, die auf drei gewaltigen Pfosten ruht, wie die Wayapi-Indianer glauben, die im Regenwald des Amazonas leben?
Natürlich weiß heute jedes Schulkind, dass es anders ist. Niemand zweifelt daran, dass wir auf einem kugelförmigen Stern leben, abgeflacht an den Polen und ein wenig füllig um den Äquator. Aber so sicher waren sich die Menschen in früheren Zeiten eben nicht, und es ist eine anregende Frage, wie sie sich die Welt vorgestellt haben, bevor es Globen gab und Satellitenfotos.
Wer sich einmal auf diese Frage einlässt, stößt sofort auf andere: Angenommen, die Welt wäre eine Scheibe – wo hörte sie dann auf? Fällt herunter, wer leichtsinnig über ihren Rand hinaustritt? Und was hält die Scheibe im Gleichgewicht? Ein gewaltiger Wasserbüffel vielleicht, wie sich die Minangkabau erzählen, die auf der Insel Sumatra leben, ein Wasserbüffel, der auf einem riesigen Weltenei steht, das getragen wird von einem mächtigen Fisch (siehe rechts oben)? Eine sehr wackelige Angelegenheit.
- Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis
Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.
Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel, sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.
Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.
Acht Jahre lang hat der französische Illustrator Guillaume Duprat in Märchen und Sagen, in wissenschaftlichen Studien und Geschichtsbüchern Antworten auf diese Fragen gesucht. Sie haben die klügsten Menschen seit Anbeginn der Zeit beschäftigt – und fabelhafte Erklärungen hervorgebracht. Die erstaunlichsten dieser Welt-Entwürfe hat Duprat aufgezeichnet, in heiteren, einprägsamen Illustrationen, von denen sich viele aufklappen lassen.
Entstanden ist ein Album voller Bilder, die sich die Völker von der Welt gemacht haben, in der wir leben. Und beinahe jedes Bild macht neugierig, mehr zu erfahren. Was hat es, zum Beispiel, mit dem grünen Drachen auf sich, der nach der Lehre des chinesischen Prinzen Liu An an der Grenze der Welt lebt und Wolken speien kann? Und wo, jedenfalls so in etwa, liegt der »silberne Bauchnabel«, von dem die Jakuten, russische Nomaden, in ihren Sagen erzählten?
Wie kostbare Schmetterlinge sammelt Duprat die Welten-Bilder, und wie ein sorgfältiger Sammler sortiert er sie. Anfangs nach Formen – eckige Welten, flache, schwebende –, später wechselt er zur Chronologie und erzählt, wie sich die Vorstellung, die Welt sei eine Kugel, durchsetzte – und welche neue Fragen sie aufwarf, vor allem die eine: Was ist im Inneren der Erde? Einfach ein Hohlraum, wie noch 1818 ein Amerikaner namens John Cleves Symmes verkündete? Oder steckt, wie Galileo Galilei meinte, ein gewaltiger Magnet im Zentrum der Erdkugel, der dafür sorgt, dass alle Dinge nach unten fallen?
- Datum 09.10.2009 - 13:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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