Als Hugo Loetscher am Montag vorvergangener Woche in einem Zürcher Krankenhaus im ersten gebundenen Exemplar seines War meine Zeit meine Zeit blätterte, ahnte er, dass er sein literarisches Vermächtnis in Händen hielt. Mit Kühnheit und Klarheit hatte er dieses Buch, das als Erzählstoff sein ganzes Leben enthält, in Reflexionen übers Sterben ausklingen lassen. Nachdem das Buchmanuskript abgeschlossen war, hatte ihn seit dem Frühjahr eine qualvolle Folge von Operationen geschwächt. Auch eine letzte konnte ihn nicht retten. Einen Tag nachdem er das Buch voller Freude den Schwestern in der Intensivstation hergezeigt hatte, starb er, am Dienstag, dem 18. August, im Alter von 79 Jahren. 

War meine Zeit meine Zeit ist ein würdiges Vermächtnis. Es enthält in mehrfachem Sinne Hugo Loetschers ganzes Leben. Es erzählt von den Reisen und Lektüren, die sein Leben waren. Es zeugt vom ironischen und verspielten, vom scharfen und so sinnlichen Geist, mit dem dieser Autor die Welt ansah. Vor allem stellt es ein letztes Mal Loetschers raffinierte Erzählkunst unter Beweis. Loetscher hat sein Leben ja schon mehrfach erzählt, vom Immunen (1975) über die Papiere des Immunen (1986) bis zu Die Augen des Mandarin (1999). Jedes Mal hat er die autobiografische Form anders seinen Erzählwünschen angepasst. Und mit jedem dieser selbst entwickelten Genres ist es ihm gelungen, den Tücken des autobiografischen Schreibens auszuweichen. Nie ist er der Illusion erlegen, sein Leben in einem pseudokontinuierlichen biografischen Erzählfilm darbieten zu können. Nie hat er sich am narzisstischen Spiel der Entblößung seelischer Innereien beteiligt.

Dieses Mal schlägt Loetscher den autobiografischen Illusionen auf besonders feine Weise sein Schnippchen. Er erzählt in der ersten Person, und er beginnt mit der Geburt, den Kinderspielen, den Schul- und Studienjahren, berichtet genau in der Mitte des Buches von seiner Homosexualität und kommt zum Schluss aufs Alter, auf den Tod und die Götter zu sprechen – alles könnte also seinen erwartbaren Weg gehen. Aber den geht Loetscher nicht. Er folgt nicht dem Lauf seines Lebens, sondern, fürs Erste, dem Lauf der Flüsse, an denen er gelebt und zu denen er gereist ist. Er beginnt mit der Sihl, dem Zürcher »Proletenfluss«, an dem er 1929 als Arbeitersohn geboren wurde. Er konfrontiert die Sihl mit der Limmat, dem bürgerlichen Stadtfluss von Zürich, und nach zwei, drei Fluss- und Erzählwindungen ist er am Amazonas und an anderen Flüssen seines Lebens, realen so gut wie alttestamentarischen. Den Flüssen folgen die Brücken, die die Ufer verbinden. Über die Meere, in die die Flüsse führen, gelangt Loetscher schließlich auf wundersame Weise in die Länder, die ihn bestimmt haben, Thailand, Brasilien, Spanien, Frankreich.

Hin und wieder kokettiert Loetscher kurz mit dem chronologischen Erzählen, ein Gang mit dem Vater, ein Gespräch mit der Mutter, doch gleich gerät er wieder in eine Abschweifung, in die er eine andere fügt, und schon haben sich die Fäden der Chronologie zu ganz anderen Mustern verknotet. Eine Passage über die Alpen und die Entstehung der Schweiz landet in den Kordilleren, führt in ein Schullager in den Bergen, findet zu den Steinmännchen, die Loetscher auf Schweizer Bergen genauso gefunden hat wie in der libyschen Wüste oder in portugiesischen Museen. An diese Steinmännchen heften sich erst kleine Geschichten übers Wandern damals und heute, die um einiges erhellender sind als manches Bramarbasieren über Migranten, und dann sind wir bei Loetschers Tod: »Das letzte Steinmännchen werde nicht ich setzen, sondern andere. Sofern ich nicht meine Asche verstreuen lasse. Es wäre eine Art Stele, Grabstein oder Grabplatte, darauf Jahreszahlen, die über den informieren, der für die Dauer seiner Verwesung ungefragt auf einem Friedhof Platz beansprucht: ›Hugo was here.‹«

Welche Ordnung hat das alles? Im Großen hat Loetscher seinen Text zu einem im Format riesigen, in den Darstellungen aber sehr kleinteiligen Wandteppich verwoben, dessen zahllose Szenen zu einem Muster von Flüssen, Ufern und Brücken geordnet sind. Dazu verbindet sie auch ein verstohlen durchgehendes Thema. Der erste Satz nennt es: »Wie alle bin ich ungefragt auf die Welt gekommen. Ich gehöre zu denen, die versuchten, daraus etwas zu machen.« Wo immer dieser Autor hinkommt, interessiert ihn brennend, was andere aus ihrem Ungefragten gemacht haben.

Ins Fabulieren oder in den Bildungsprunk gerät Loetscher nicht, weil er seine zahllosen Geschichten stilistisch durch das fabelhaft getaktete Tempo seiner Sätze zusammenhält. Kurz die Geschichten, knapp das Vokabular. Langen Sätzen ist Loetscher so abhold wie grandiosen Thesen. Alles ist hochgradig konzentriert im Einzelnen, behände in der raschen Verknüpfung der Assoziationen, gekühlt mit hintergründiger Ironie – was alles der Sprache eine trockene und intellektuell überaus anziehende Melodie gibt.

Vor allem aber hat dieser Bienenkasten von Geschichten einen nebenbei, aber sehr genau angegebenen philosophischen Sinn. Loetscher will durch die Assoziation zahlloser mit sich sprechender Geschichten unsere Vorstellung von der Welt und von uns selbst weg von der Einheit und hin zur Vielfalt bringen. Es sei schade, dass es »im Deutschen für ›ich‹ nur ein einziges Wort gibt und nur eines für ›wir‹«. Loetscher, der konsequenterweise im Buch außer sehr wenigen Vornamen keine Namen nennt, trauert dem griechischen und russischen Dual nach, wünscht sich eine »sprachliche Kollektivierung des ›ich‹« und träumt von einer Sprache, die »zehn ›wir‹ unterschiede«. Diese Idee von der Entgrenzung der Identität ist der Traum hinter seinen vielen Geschichten: der Geschichten von »Städten, die über sich hinausweisen« und also mehr als eins sind; der Idee einer »Weltkarte« mit »Orten, an denen auf irgendeine Weise und aus irgendeinem Grund sich Kulturen trafen«; dem Wunsch, »Vielfachbürger« einer »Heimat im Plural« zu sein.