H1N1 in Australien Testlauf für die Nordhalbkugel
Wie die Australier in vier Monaten mit der Schweinegrippe umzugehen lernten.
© Ian Waldie/Getty Images

Die "Pacific Dawn" musste wegen drei an der sogenannten Schweinegrippe erkrankten Crewmitgliedern vor Australien ihren Kurs ändern
»Pigs catch swine-flu« – in Australien hatten im August erstmals auch die Schweine Grippe: 2000 Tiere in Dunedoo steckten sich an, vermutlich bei einem Farmarbeiter, der trotz einer H1N1/09-Infektion in den Stall ging. Der Hof, 360 Kilometer nordwestlich von Sydney gelegen, wurde unter Quarantäne gestellt. Doch kein Schwein starb, schon wenig später waren die meisten wieder symptomfrei. Auch die meisten infizierten Menschen – insgesamt mehr als 33500 – kamen bislang glimpflich davon.
Zwar ist auf der Südhalbkugel gerade Winter und damit Grippesaison, und ihr Höhepunkt steht noch bevor, aber die anfängliche Aufregung über die neue Grippe hat sich längst gelegt. Das mag an der stoischen Art der Australier liegen, aber wohl auch an der Milde des Virus. »Zu 99 Prozent«, sagt Jim Bishop, medizinischer Leiter im Gesundheitsministerium, »verläuft diese Influenza bisher problemlos.« Dabei gab es auch in Australien Tote, mehr als 130 seit Mitte Juni. Alle hatten zugleich andere, ernsthafte Gesundheitsprobleme. Aber die jährliche Wintergrippe tötet im Durchschnitt über 1000 der insgesamt 22 Millionen Australier.
Als im April Mexiko die ersten Toten meldete, beschworen Sydneys Boulevardmedien noch die neue »Killergrippe«. Die Regierung in Canberra reagierte gelassener: »Früh erkennen, Fälle isolieren, Ausbreitung verhindern« lautete die Devise. Die Australier nutzten ihre Zeit zur Vorbereitung. An acht Flughäfen bauten sie Schleusen auf, um fiebrige Einreisende herauszufiltern. Zugleich sollten alle Passagiere auf Meldekarten ihr Befinden angeben. Telefonhotlines standen bereits, als am 9. Mai der erste Fall auftrat, der H1N1-Test eines US-Heimkehrers aus Queensland positiv war.
Der selbst ernannte »Sunshine State« im Nordosten reagierte auf die Bedrohung am sorgenvollsten. Zwar herrscht hier bei Tagestemperaturen um 20 Grad Celsius auch im Winter selten Grippewetter. Doch in Queensland gelten die Menschen als eher bodenständig denn risikofreudig: So leiteten sie das Kreuzfahrtschiff Pacific Dawn mit drei erkrankten Crewmitgliedern an Bord kurzerhand um – aus Furcht, die Passagiere könnten das Touristenziel der Whitsunday Islands am Great Barrier Reef »verseuchen«. Die Gesundheitsbehörde des Bundesstaats war die einzige, die gar vor Inlandsreisen warnte und swine-flu-updates twitterte.
Einen klaren Höhepunkt zeigt die Fieberkurve der H1N1-Erregung indessen nicht, schon wegen der Größe des Landes: Australiens bevölkerungsreichste Stadt Sydney erlebt 2009 einen eher milden und trockenen Winter, oft ist es mittags um die 20 Grad Celsius warm. Auf Tasmanien und in Südaustralien hingegen herrschte im Juli und August mit unter zehn Grad und Schauern durchaus klassisches Grippewetter. Ähnlich kühl war es in Victorias Hauptstadt Melbourne – die australische Medien kurzfristig »Schweinegrippe-Hauptstadt der Welt« tauften.
Im Juni war das neue Virus in jedem der acht Bundesstaaten aufgetaucht, und die Stimmung war nervös: In Victoria und Westaustralien schlossen mehrere Schulen, ebenso ein Kindergarten in Brisbane. Gesundheitsministerin Nicola Roxon sagte einen Schwimmwettbewerb in Melbourne ab, zu dem Schüler aus dem ganzen Land anreisen wollten – eine Vorsorgemaßnahme, die eher Enttäuschung als Panik verursachte. Sechs Wochen nach Ankunft des Virus hatten sich die Australier mit der ihnen typischen Gelassenheit an die Grippe gewöhnt. Zwar breitete sich H1N1 offenbar besonders schnell aus, Kranke erholten sich aber auch rasch – oft sogar schneller als von anderen Influenza-Varianten.
Speziell war die Situation im Nordosten, nicht nur wegen des subtropischen Klimas. Hier leben besonders viele Aborigines, deren Gesundheitszustand generell oft schlechter ist als der anderer Australier. Zugleich ist die medizinische Versorgung im abgeschiedenen Outback schwierig. So war das erste Todesopfer auch ein 26-jähriger Aborigine. Der Ureinwohner hatte – ebenso wie drei weitere Australier, die wenig später starben – zugleich andere schwere Leiden.
Doch diese ersten Todesfälle sorgten in der zweiten Junihälfte noch einmal für Unruhe. Während die Weltgesundheitsorganisation H1N1/09 Mitte des Monats zur Pandemie erklärt hatte, rief Australien die gemäßigte Sicherheitsstufe Protect aus. Nicht mehr die Eindämmung stand nun im Vordergrund, sondern die Konzentration auf schwere Fälle und Risikogruppen. Die Thermometer an den Flughäfen wurden wieder abgebaut, Schulschließungen für unnötig erklärt. Eltern und Lehrer sahen den dreiwöchigen Ferien im Juli umso erleichterter entgegen. »Ich habe weniger Angst vor der Grippe als vor fehlendem gesundem Menschenverstand«, sagte eine Mutter in Sydney. »Zu viele Eltern schicken Kinder trotz Fieber zur Schule.«
Heute, knapp vier Monate nach ihrem ersten Auftreten, ist die neue Grippe eher Alltag als Aufreger: In Australiens Großstädten bitten Firmen lakonisch per Aushang ihre Mitarbeiter, heimzugehen, wenn sie sich fiebrig fühlten. In öffentlichen Gebäuden ermuntern Aufkleber zu häufigem Händewaschen. Im Straßenbild sind Gesichtsmaskenträger, meist asiatische Touristen oder Schwangere, bestaunte Ausnahmen. In der letzten Augustwoche werden in ganz Australien rund 460 Grippepatienten in Kliniken behandelt, ein Viertel davon auf Intensivstationen. Sie machen den ohnehin überlasteten Krankenhäusern zu schaffen (siehe Infobox).
Wirklich dramatisch waren die Engpässe noch nicht, aber der Unmut war groß: Das staatliche Gesundheitswesen gibt extrem kurze Liegezeiten und eine hohe Bettenauslastung vor. Um notfalls Platz für Influenza-Kranke zu haben, sagten einige Kliniken sogenannte Wahl-OPs ganz ab. Australier ohne private Zusatzversicherung müssen auf solche Eingriffe bei »nicht lebensbedrohlichen« Krankheiten oft lange warten, schon ohne Grippewelle. Die linke Rudd-Regierung hatte versprochen, derlei Schwachstellen zu beheben. Wann, blieb unklar. Optimisten hoffen nun, dass die Pandemie wenigstens ein Gutes hat – und der Gesundheitsreform neue Dringlichkeit verleiht.
- Datum 04.09.2009 - 17:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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