H1N1 in Australien Testlauf für die NordhalbkugelSeite 2/2
Doch diese ersten Todesfälle sorgten in der zweiten Junihälfte noch einmal für Unruhe. Während die Weltgesundheitsorganisation H1N1/09 Mitte des Monats zur Pandemie erklärt hatte, rief Australien die gemäßigte Sicherheitsstufe Protect aus. Nicht mehr die Eindämmung stand nun im Vordergrund, sondern die Konzentration auf schwere Fälle und Risikogruppen. Die Thermometer an den Flughäfen wurden wieder abgebaut, Schulschließungen für unnötig erklärt. Eltern und Lehrer sahen den dreiwöchigen Ferien im Juli umso erleichterter entgegen. »Ich habe weniger Angst vor der Grippe als vor fehlendem gesundem Menschenverstand«, sagte eine Mutter in Sydney. »Zu viele Eltern schicken Kinder trotz Fieber zur Schule.«
Heute, knapp vier Monate nach ihrem ersten Auftreten, ist die neue Grippe eher Alltag als Aufreger: In Australiens Großstädten bitten Firmen lakonisch per Aushang ihre Mitarbeiter, heimzugehen, wenn sie sich fiebrig fühlten. In öffentlichen Gebäuden ermuntern Aufkleber zu häufigem Händewaschen. Im Straßenbild sind Gesichtsmaskenträger, meist asiatische Touristen oder Schwangere, bestaunte Ausnahmen. In der letzten Augustwoche werden in ganz Australien rund 460 Grippepatienten in Kliniken behandelt, ein Viertel davon auf Intensivstationen. Sie machen den ohnehin überlasteten Krankenhäusern zu schaffen (siehe Infobox).
Wirklich dramatisch waren die Engpässe noch nicht, aber der Unmut war groß: Das staatliche Gesundheitswesen gibt extrem kurze Liegezeiten und eine hohe Bettenauslastung vor. Um notfalls Platz für Influenza-Kranke zu haben, sagten einige Kliniken sogenannte Wahl-OPs ganz ab. Australier ohne private Zusatzversicherung müssen auf solche Eingriffe bei »nicht lebensbedrohlichen« Krankheiten oft lange warten, schon ohne Grippewelle. Die linke Rudd-Regierung hatte versprochen, derlei Schwachstellen zu beheben. Wann, blieb unklar. Optimisten hoffen nun, dass die Pandemie wenigstens ein Gutes hat – und der Gesundheitsreform neue Dringlichkeit verleiht.
- Datum 04.09.2009 - 17:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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