Museumsführer Alles fließt in Fishtown

Ein Parcours voller Eigensinn: Das Kunstmuseum Bremerhaven

Fishtown, so nennen viele Bremerhavener ihr nasses Städtekonglomerat. Am Deich kreischen die Möwen, die Arbeitslosenziffer ist notorisch hoch. Kunst vermutet man hier eigentlich nicht. Und doch gibt es seit 2007 das Kunstmuseum Bremerhaven. Der kompakte Kubus aus dunklen Klinkern – drei Stockwerke mit über 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche – steht zwischen Theater und Cinemaxx-Kino, einen Steinwurf vom einstigen Auswanderer-Haus entfernt. In der Nachkriegszeit war just an dieser Stelle ein Hallenbad. Und wenn man den ersten Schauraum des Hauses betritt, fühlt man sich denn auch in ein Trockendock versetzt. Rundum Sichtbeton und Gerüste, an der Stirnwand ein halb fertiger Schiffsrumpf mit Galionsfigur: ein träumendes Mädchen mit großen zitronenförmigen Brüsten, geschnitzt von der jungen Düsseldorfer Holzbildhauerin Paloma Varga Weisz. Zwei kleine, geschuppte, offensichtlich männliche Wesen gaffen zu der Seejungfrau hinüber.

Serie Museumsführer
Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild

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Das Thema Fische und Schiffe setzt im nächsten Raum der Spätromantiker Oswald Achenbach fort: Ein abendlich-goldener Blick den Tiber aufwärts, an der Engelsburg vorbei auf St. Peter und die Ewige Stadt. Antikenkenner mögen an den Hafen Ostia denken, der zu Rom genauso lag wie Bremerhaven zu Bremen heute. Die melancholische Kollektion von Malern wie August Wilhelm Leu, Carl Maria Nikolaus Hummel oder Graf von Kalckreuth entstammt einem Legat, mit dem der Bremerhavener Kunstverein zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedacht wurde, durchaus anspielungsreich: Es dominieren Wasser und Küste, Nebel und Wolken, Architekturen am Fluss. Der kratzbürstige Installateur Manfred Pernice hat die Idylle gebrochen; er hat einige Tonnen aus Spanplatten, schwarz-gelb lackierte Hafenabsperrungen und ein Stillleben aus Gläsern und Dosen zwischen die Bilder der Düsseldorfer Malerschule gepackt.

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In der ersten Etage wird die Sammlungsgeschichte behutsam weitererzählt. Man stößt auf zehn kleine bräunliche Landschaftszeichnungen Otto Modersohns, der – bevor er ans Teufelsmoor ging – bei Achenbach studierte. Die Worpsweder durften natürlich in der Vor- und Nachkriegssammlung des Kunstvereins nicht fehlen. Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler sind gut vertreten, und neben Ottos Mondscheinbildern gibt es auch Werke seiner Frau Paula Modersohn-Becker.

Dennoch beginnt eigentlich nun erst das wahre Wunder der Bremerhavener Sammlung. Denn sie dürfte gar nicht existieren, da es hier weder hochmögende Sammler noch Sponsoren gab und gibt. Dass dennoch kein Sammelsurium entstand, ist dem so nüchternen wie visionären Kunstliebhaber Jürgen Wesseler zu danken. Im Hauptberuf Vermessungsingenieur, gilt er unter Künstlern, Kennern und Kuratoren als kompromisslose Entdeckernatur. Vor über 40 Jahren gründete er in Bremerhaven sein Kabinett für aktuelle Kunst, ein schmales, schmuckloses Ladenlokal, 33 Quadratmeter, weiße Wände und Neonbeleuchtung. Das Kabinett wurde zum internationalen Wallfahrtsort. Von Blinky Palermo und Sol LeWitt bis zu Bernd und Hilla Becher, von Ulrich Rückriem und Hanne Darboven bis zu Gerhard Richter und Luc Tuymans gaben sich hier Künstler der Extraklasse die Ladenklinke in die Hand, oft bevor sie zur Documenta oder Biennale eingeladen wurden.

Von dem britischen Künstler Hamish Fulton kaufte Wesseler schon Arbeiten, als Land-Art noch ein Geheimtipp war, und den Bremer Maler Norbert Schwontkowski sammelte er, lange bevor die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts ihn entdeckte. Dessen schrundige, neblige, wie schlecht beleuchtet wirkende Schauplätze – etwa das makabere Ganz weit werfen , ein heiteres Kegeln mit Totenschädeln, oder seine sinister flatternde Frische Wäsche auf schwarzem Grund – leiten über zum skurrilen Werk des Hamburgers Andreas Slominski, der mit seinen skulptural-konzeptuellen Zumutungen die erste Etage des Hauses abrundet. Auch er hatte einst ein Stipendium »Kunst und Nutzen«, mit dem ein privater Verein Künstler für ein Jahr in die Seestadt einlädt. Den Vertrag hat Slominski nun an die Wand genagelt, als Falle für Künstler . Außerdem hat er ein halbes Hundert große Lackkanister aufgetürmt, exakt die Menge, die ausreichen würden, den Leuchtturm Roter Sand in schwarzer, weißer und roter Farbe komplett neu zu streichen.

Was ist anders in Bremerhavens Kunsthalle? »Keine fließenden Räume!«, sagt Jürgen Wesseler. Statt einer kontinuierlich fließenden Sammlung setzt er auf Gruppen, baut Domizile für einzelne Künstler, die von Raum zu Raum miteinander kommunizieren. Seien es eine Reihe von Werkstöcken Franz Erhard Walthers oder nie gesehene Fotos von Richard Oelze, seien es Stephan Balkenhols Delfinreiter und ein passend dazu kontrastierendes Tableau mit Tierporträts von Karin Kneffel. Alle hier haben irgendeinen Bezug zu Bremerhaven. Immer kann Wesseler eine Geschichte dazu erzählen. Oft sind sie auch untereinander befreundet, wie Blinky Palermo und Gerhard Richter, die jetzt in zwei benachbarten Räumen die zweite Etage krönen. »Alles Künstlerräume!«, sagt Jürgen Wesseler stolz. Und er hat Grund dazu, denn dieses Haus spiegelt unzählige vernetzte, kleine private Anstrengungen. »Wir haben nie einen richtigen, regelmäßigen Ankaufsetat gehabt, immer einfach nur Geld gesammelt.« Resultat ist ein Parcours voller Eigensinn und wunderbarer Aha-Erlebnisse.

 
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