China Immerhin noch Arbeit
In China geht es wieder aufwärts, aber die Wanderarbeiterin Liu Yaping merkt davon nicht viel
Neben Liu Yaping am Fließband sitzt im Augenblick niemand. Die kleinen türkisfarbenen Arbeitstische links und rechts sind leer. Vor einigen Monaten sind etliche Kolleginnen nach Hause geschickt worden. Liu ist noch da, sie verpackt elektrische Hundekrallenschneider in Kartons. Von ihren Freunden hat sie sogar gehört, dass Wanderarbeiterinnen wieder gesucht werden. Aber das gilt vor allem für Fabriken, die Produkte für den chinesischen Binnenmarkt fertigen. Die Fabrik, in der Liu arbeitet, produziert für den Export wie die meisten in Südchina.
Auf dem Fließband vor Liu liegen nicht immer Hundekrallenschneider. Manchmal sind es auch bunte batteriegetriebene Heckenscheren und Rasentrimmer. Alles, was ankommt, stopft sie in Kartons. Eine kniende blonde Frau ist darauf abgebildet. Mal vor ihrem Hund, mal vor ihrem Rasen.
Die Welt dieser Frau ist Liu fremd: das ferne Europa oder Amerika, wo in den vergangenen Monaten so plötzlich der Bedarf an Hundekrallenschneidern und Rasentrimmern gesunken ist. Da, wo Liu herkommt, wetzen sich die wenigen Hunde die Krallen selbst ab, und Gras wird mit der Sense gemäht. Sie stammt aus einem kleinen Städtchen in Hunan, der armen Provinz am Mittellauf des Jangtse, einst die Heimat von Mao Tse-tung. Vor ein paar Monaten erst ist sie mit dem Zug in die südliche Nachbarprovinz Guangdong gereist, im Westen als die Fabrik der Welt bekannt. Ein Drittel der Container, die China in die Welt schickt, kommt aus dieser Provinz. Die Arbeiter, Manager und Unternehmer in Guangdong erwirtschafteten im vergangenen Jahr zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung Chinas.
Liu arbeitet in Shan Ping, einem Ort mit 300.000 Einwohnern in der Nähe von Dongguan, der eigentlich für seine guten Fischrestaurants und Massagesalons bekannt ist. »Entertainment city«, sagen die Hongkonger anerkennend. Die weiß getünchte vierstöckige, simple Fabrik mit zu guten Zeiten 300 Arbeitern liegt in der Shang-Huang-Straße. Vor zehn Jahren stand sie noch am Stadtrand. Inzwischen hat sie ihren Platz am Rande des Zentrums.
»Nach der Schule«, erzählt Liu, »wollte ich Geld verdienen und mich weiterbilden.« In ihrem Dorf konnte man das nicht. Sie folgte ein paar von ihren Mitschülern, die in Shan Ping bereits Jobs gefunden hatten. Liu ist 18 Jahre alt. Nun sitzt sie in einer langen Reihe mit ihren an den Oberschenkeln weiß gebleichten Jeans und dem hellblauen Kittel mit dunklem Kragen, den alle tragen. Saicome Industries Ltd steht in geschwungenen Lettern darauf. Sie sitzt im dritten Stock, Platz 212. Wann Wochenende ist, entscheidet nicht sie.
Auch der Fabrikbesitzer entscheidet das nicht. Es hängt von der Stromversorgung ab. Manchmal ist Mittwoch, Donnerstag Wochenende, weil die lokale Regierung das Stromnetz gleichmäßiger auslasten will. Liu hockt auf einem blauen Plastikstuhl und ist fast die Letzte in der Produktionskette der Fabrik der Welt. Nach ihr kommt nur noch jemand, der die Kisten auf Paletten stapelt.
Für Liu begann mit dem Job ihr eigenständiges Leben
Sie ist noch ganz unten. Einpacken, das kann jeder. Erst wenn sie sich als Packerin bewährt hat, wird sie aufsteigen. Liu hat dennoch nicht das Gefühl, ganz unten zu sein. Im Gegenteil: Für sie begann mit dem Job ihr eigenständiges Leben. Sie ist optimistisch. Hin und wieder huscht gar leiser Stolz über ihr schönes rundes Gesicht. Sie trägt ihr Haar auch bei der Arbeit offen.
»Die Arbeit ist hart und eintönig, aber ich arbeite gern hier«, sagt sie. Die Feldarbeit zu Hause in ihrem Dorf sei noch mühseliger. »Bi jing«, fügt sie hinzu, »Immerhin«. Und das klingt mehr nach Pragmatismus denn nach Selbstbetrug. Immerhin, ein kleines Unternehmen, in dem man sich kennt.
- Datum 16.09.2009 - 14:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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"Das chinesische Wachstum ist bisher eines von staatlichen Gnaden. Der Staat investiert in Straßen und Eisenbahnstrecken oder verteilt Rabatte auf Kühlschränke, Fernseher und Autos. Immerhin ein Staat, der anders als die USA so viel gespart hat, dass er sich große Konjunkturprogramme leisten kann, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten."
Kritik, Maekelei???
Dabei ist ganz einfach: chinesische Denkweise. Es gibt ein Problem, naemlich Fabriken sind nicht ausgelastet, und es droht der Verlust der Arbeit fuer viele. Statt Mammon in die Banken zu pumpen, die analfixiert im Westen jetzt darauf sitzen wie weiland Dagobert, wird Geld fuer die Beschaeftigung der Beduerftigen gepumpt. Bedenken, ob das noch marktwirtschaft ist oder was auch sonst, hat man hier nicht: Schwarze Katze, graue Katze, egal, Hauptsache sie faengt die Mauese. Also werden z.B. in Shanghai alle Fassaden von Altbauten neu gestrichen, Strassen und Gehwege renoviert, obwohl es die noch ein paar Jaehrchen gemacht haetten, werden Wasser- und Gasleitungen neu verlegt und mit staatlicher Unterstuetzung veraltete Gasherde ersetzt. Das ist nicht "Gnade" wie Hartz-IV in der BRD, sondern schlicht aus der Erkenntnis erwachsen, dass man moeglichst allen, was auch hier leider nicht in Gaenze moeglich ist, ein selbststaendiges Auskommen zu gewaehrleisten. Ach ja, die Banken: die werden eben staatlicherweise dazu gezwungen, das zu finanzieren. Man haette auch, siehe Abwrackpraemie, den Verkauf von Autos, speziell von Lieferwagen, finanzieren koennen; damit waeren aber die zahllosen Menschen, die mit dreiraedrigen Fahrraedern Lasten transportieren, ploetzlich ohne Einkommen. Statt auf bilanzen, die ja nur Zahlen auf Papier sind, an Prinzipien, die in Lehrbuechern der BWL von Sesselpupser nur zum eigenen Nutzen produziert ( Produktivitaet, Shareholdervalue etc. )wurden, sich zu orientieren, versucht man jedem die Moeglichkeit zu verschaffen, seine Reisschale eigenstaendig zu fuellen statt die Taschen der Banker. Auwei geschrieen: das macht ie KPCh doch nur zum Machterhalt. Und selbst, wenn es so waere, es nutzt den Menschen. ( Was im westen Politiker alles tun, um ihre Macht zu erhalten, darueber schweige ich hoeflicherweis ).
haben eben mehr ahnung von wirtschaft als der westen. vor allem, weil sie dabei weniger ideologie in die wirtschaftspolitik bringen, während unsere ökonomischen theorien vom klassenkampf und von eigeninteressen manipuliert bzw korrumpiert sind.
wenn die auch noch demokratisch werden und wirtschaftlich weiter aufholen, sollten wir unseren kindern wohl doch mandarin statt englisch beibringen.
...daß die Sparquote in China bei ca. 40% liegt und das wohl viel mit zu tun haben soll, daß es sowas wie ne Krankenversicherung und ne Rentenversicherung eher rudimentär gibt und ma dann halt helfen muß, wenns einem aus der Sippe irgendwie schlecht geht.
Und da die "Riskoverteilung" auf nen sehr überschaubaren Personenkreis beschränkt ist, kann halt diesen mal schnell in diverse Verlegenheiten stürzen.
Würd mich mal interessieren, wie "Insider" (=z.B. hier mitschreibende Leute aus China) das kennen/wissen/Erfahrung mit haben.
Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.
Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).
Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.
Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).
Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.
Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.
Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.
Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).
Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.
Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).
Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.
Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.
Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.
Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).
Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.
Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).
Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.
Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.
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