China Immerhin noch ArbeitSeite 4/4

Als Wong kurz herausgerufen wird, kommen die drei darauf zu sprechen, warum sie eigentlich hier arbeiten. Liu will mit dem Geld, das sie verdient, das Haus der Familie fertig bauen. Zhou will auch das Elternhaus fertig bauen und ein Lebensmittelgeschäft eröffnen. Chen kann sich vorstellen, weiter in der Produktionsindustrie Karriere zu machen und länger in der Stadt zu leben. Die anderen beiden nicht. »Es ist zu teuer hier, und zu Hause kenne ich mich besser aus«, sagt Zhou leise.

»Wenn ein Chinese seinen Job verliert, geht er nach Hause zurück«

»Haben Sie denn Lebensziele? Visionen?«, fragt Fabrikbesitzer Wong, inzwischen wieder am Tisch. Sie sind erstaunt über die Frage. »Ich bin noch jung, ich habe noch kein Lebensziel«, sagt Liu zögerlich. »Wenn ich irgendwann heirate, wird sich sowieso sehr viel ändern.« Einen Freund hat sie noch nicht. »Dazu ist jetzt nicht die Zeit«. Zhou sagt: »Im schlimmsten Falle kann ich auch noch nach Hause fahren und meinen Acker bestellen.« Wong sagt, das sei der Unterschied zwischen Westlern und Chinesen. »Westler sind auf sich gestellt. Wenn sie ihren Job verlieren, glauben sie, das sei das Ende der Welt. Wenn ein Chinese seinen Job verliert, geht er nach Hause zurück.«

Das kurze Treffen ist zu Ende. Liu, die Arbeiterin, und KK Wong, der Fabrikbesitzer, gehen nicht anders auseinander, als sie sich getroffen haben. Wong ist nicht herablassend, Liu nicht devot.

Liu hat inzwischen Feierabend. Eine Schulklingel kündigt das Abendessen an. Kichernd läuft Liu mit ihren Kolleginnen die Treppen hinab in die Kantine. Bänke und Tische wie im Bierzelt. Am Ende des Raums an einem schwenkbaren Arm ein Fernseher. Es gibt Fleischsuppe mit Hefeklößen.

Nach dem Essen geht sie über den kargen Hof mit vier Palmen und einem Basketballkorb ins Wohnheim. Die Flure sind zum Hof hin offen. Die Zimmertüren sind meistens geöffnet, damit der heiße Wind durchzieht. Ein Deckenventilator macht die Nächte erträglich. Sechs Frauen teilen sich eine Bude, mit Doppelstockbetten aus Stahlrohr unter Moskitonetzen, Duschecke und einem Hockklo hinter dem Vorhang. Das ist das gesetzlich vorgeschriebene Minimum. An der Decke baumelt die Wäsche.

Hinter dem Moskitonetz kann man allein sein, mit seinem Handy, seinem Kassettenrekorder oder einem Buch. Am Fenster haben sich die Frauen einen Schminktisch aufgebaut. Da steht das Wichtigste drauf. Shampoo. Ein paar Cremes. Wattestäbchen. Haarbänder. Und ein kleiner Spiegel, im knallgrünen Plastikrahmen. Ihren Lippenstift, ein Imitat der amerikanischen Marke Amway, bewahrt Liu in einer Extratasche auf. Sie legt sich aufs Bett und schließt das Moskitonetz. Manchmal hat sie schon Heimweh. Vor allem abends, wenn sie vom Packen erschöpft ist. Ein eigenes Zimmer wäre schön, mit einem eigenen Schminktisch. »Nach der Krise vielleicht.«

 
Leser-Kommentare
  1. "Das chinesische Wachstum ist bisher eines von staatlichen Gnaden. Der Staat investiert in Straßen und Eisenbahnstrecken oder verteilt Rabatte auf Kühlschränke, Fernseher und Autos. Immerhin ein Staat, der anders als die USA so viel gespart hat, dass er sich große Konjunkturprogramme leisten kann, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten."
    Kritik, Maekelei???
    Dabei ist ganz einfach: chinesische Denkweise. Es gibt ein Problem, naemlich Fabriken sind nicht ausgelastet, und es droht der Verlust der Arbeit fuer viele. Statt Mammon in die Banken zu pumpen, die analfixiert im Westen jetzt darauf sitzen wie weiland Dagobert, wird Geld fuer die Beschaeftigung der Beduerftigen gepumpt. Bedenken, ob das noch marktwirtschaft ist oder was auch sonst, hat man hier nicht: Schwarze Katze, graue Katze, egal, Hauptsache sie faengt die Mauese. Also werden z.B. in Shanghai alle Fassaden von Altbauten neu gestrichen, Strassen und Gehwege renoviert, obwohl es die noch ein paar Jaehrchen gemacht haetten, werden Wasser- und Gasleitungen neu verlegt und mit staatlicher Unterstuetzung veraltete Gasherde ersetzt. Das ist nicht "Gnade" wie Hartz-IV in der BRD, sondern schlicht aus der Erkenntnis erwachsen, dass man moeglichst allen, was auch hier leider nicht in Gaenze moeglich ist, ein selbststaendiges Auskommen zu gewaehrleisten. Ach ja, die Banken: die werden eben staatlicherweise dazu gezwungen, das zu finanzieren. Man haette auch, siehe Abwrackpraemie, den Verkauf von Autos, speziell von Lieferwagen, finanzieren koennen; damit waeren aber die zahllosen Menschen, die mit dreiraedrigen Fahrraedern Lasten transportieren, ploetzlich ohne Einkommen. Statt auf bilanzen, die ja nur Zahlen auf Papier sind, an Prinzipien, die in Lehrbuechern der BWL von Sesselpupser nur zum eigenen Nutzen produziert ( Produktivitaet, Shareholdervalue etc. )wurden, sich zu orientieren, versucht man jedem die Moeglichkeit zu verschaffen, seine Reisschale eigenstaendig zu fuellen statt die Taschen der Banker. Auwei geschrieen: das macht ie KPCh doch nur zum Machterhalt. Und selbst, wenn es so waere, es nutzt den Menschen. ( Was im westen Politiker alles tun, um ihre Macht zu erhalten, darueber schweige ich hoeflicherweis ).

  2. haben eben mehr ahnung von wirtschaft als der westen. vor allem, weil sie dabei weniger ideologie in die wirtschaftspolitik bringen, während unsere ökonomischen theorien vom klassenkampf und von eigeninteressen manipuliert bzw korrumpiert sind.
    wenn die auch noch demokratisch werden und wirtschaftlich weiter aufholen, sollten wir unseren kindern wohl doch mandarin statt englisch beibringen.

    • Hugo_P
    • 30.08.2009 um 23:56 Uhr

    ...daß die Sparquote in China bei ca. 40% liegt und das wohl viel mit zu tun haben soll, daß es sowas wie ne Krankenversicherung und ne Rentenversicherung eher rudimentär gibt und ma dann halt helfen muß, wenns einem aus der Sippe irgendwie schlecht geht.
    Und da die "Riskoverteilung" auf nen sehr überschaubaren Personenkreis beschränkt ist, kann halt diesen mal schnell in diverse Verlegenheiten stürzen.

    Würd mich mal interessieren, wie "Insider" (=z.B. hier mitschreibende Leute aus China) das kennen/wissen/Erfahrung mit haben.

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    Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.

    Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).

    Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.

    Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).

    Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.

    Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.

    Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.

    Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).

    Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.

    Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).

    Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.

    Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.

  3. Jeder, der hier ein bischen Geld übrig hat, kauft sich eine Wohnung oder baut am Haus der Familie weiter. Wie auch im Artikel erwähnt wird. Das gibt ordentlich Mianzi (Ansehen) wenn Sohn oder Tochter in die große Stadt zieht und am Jahresende zurückkommt und viel Geld mitbringt. Also spart man alles was geht, damit man mit möglichst viel Geld zurückkommt.

  4. Ja, sie haben Recht, die Sparquote ist riesig, wie sie angemerkt haben, liegt das daran, dass eine einzige Krankheit das Geld der gesamten Familie/Clan auffressen kann. Das Sparen fuer schlechte Zeiten ist hier Teil der Kultur, wurde schon immer so gemacht, so dass der Binnenmarkt das grosse Problem des chinesischen Wirtschaftswunders ist, er will sich nicht recht einstellen. Neben der sozialen Komponente wird bei Diskussionen ueber die Einfuehrung von Sozial- und Krankenversicherung immer wieder die Staerkung des Binnenmarkts als Argument genannt, weil die Regierung so hofft, die Sparquote zu reduzieren und den Konsum anzukurbeln (sie lieben Window-Shopping, kaufen aber nichts).

    Ich finde an dem wieder einmal sehr guten Artikel von F. Sieren etwas schade, dass er nicht auf die Steuerung der Meinung vieler Chinesen durch die Medien eingeht. Die gute Wanderarbeiterin mag ueber die Umweltverschmutzung schimpfen, dass zurzeit aber eine Riesenkampagne gegen Umweltverschmutzung gefuehrt wird (genauso wie gegen das boese Amerika, das alleine Schuld an der Krise ist, upps, hier gab es auch eine Immobilienblase und es wird weiter gebaut wie verrueckt) erwaehnt er nicht. Ich bin jedenfalls immer wieder froh, wenn ich in der Mittagspause mal mit einem Kollegen spreche, der nicht eins zu eins die derzeitige Kampagne der Partei nachbetet.

    Was das staatliche Hilfsprogramm angeht, kann ich nur fuer Shanghai sprechen. Ich wundere mich nicht mehr, dass nun zum dritten Mal innerhalb eines Jahres der Gehweg vor meiner Wohnung erneuert wird (wohlgemerkt um 24 Stunden am Stueck), es war wohl einmal ein Extra-Expo, dann ein Gehwegs-Hilfsprogramm und nun eine Wasserleitung-Hilfsprogramm Fond, der das Geld dafuer bereit stellt. So schafft man zwar Arbeit, die Probleme loest man aber wohl eher nicht, wenn in der Reichen-Gegend drei Mal der Gehweg erneuert wird, in den Aussenbezirken aber immer noch Sandwege in der Regenzeit zu Schlammwuesten werden (naja, ein Auto hat dort eh keiner).

    Das groesste Problem duerfte allerdings immer noch die regionale und soziale Ungleichheit sein. Wahrscheinlich wird jetzt wahnsinnig viel Geld in das Aufbau-West Programm gepumpt, von dem die lokale Bevoelkerung meistens weniger hat als zugewanderte Ost-Chinesen (sh. Xinjiang). Da ich im Elektrizitaetsbereich taetig bin, kann ich am ehesten davon sprechen. Die Kraftwerke werden jetzt zwar auch im Westen gebaut, das bringt Jobs, erzeugt den Strom in der Naehe der Kohlevorkommen, der Strom wird aber per Gleichstromleitung an die Kueste transportiert, fuer die Leute im Westen heisst das immer noch Stromausfall, dazu kommt die Umweltverschmutzung, an einigen Orten hat das schon zu extremen Protesten und zu Kraftwerksausfaellen gefuehrt, in anderen Branchen duerfte es aehnlich sein.

    Ich werde China bald verlassen, werde die Entwicklung aber weiter verfolgen, ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Zentralregierung hat meistens gute Ideen, es gibt mittlerweile anscheinend mehrere anerkannte Fraktionen innerhalb der Partei, die sich nicht gegenseitig abmetzeln. Was ich extrem erstaunlich finde, ist, dass sich einige bei Artikeln ueber China ein aehnliches politisches System in Deutschland wuenschen. Das koennen wohl nur Leute, die nicht in China waren. Fuer Alkohol am Steuer geht man, wenn man nicht die richtigen Kontakte hat, fuer 15 Tage in den Knast (es waere lustig, in Deutschland die halbe Belegschaft nach einer Weihnachtsfeier im Knast wieder zu finden), man sieht zum Tode Verurteilte im Fernsehen, wie sie sich aus Angst in die Hosen machen (und halb China lacht darueber). China hat Glueck, dass es zurzeit eine faehige Fuehrung hat, die Probleme erkennt und loesen will, ob sie es schafft, ist eine andere Frage, sollte allerdings mal wieder eine Fraktion an Spinnern es an die Macht schaffen, darf man hier nicht erwarten, dass die Bevoelkerung aufbegehrt.

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