Der Tisch im Rathaus-Café wackelt. Von seinen vier Beinen stehen nur drei auf dem Pflaster, eines hängt in der Luft. Vom Brunnen auf der Mitte des Rathausplatzes bis zum Café geht es ein ganzes Stück bergauf. Man braucht keine Wasserwaage, um zu begreifen, was hier passiert ist. Es genügt, ein Glas Apfelsaftschorle auf den Tisch zu stellen.

Das Rathaus der südbadischen Kleinstadt Staufen steigt unaufhörlich in die Höhe. Heute ragt es fast 20 Zentimeter weiter in den Himmel als noch im Oktober 2007. Damals war das historische Gebäude gerade fertig saniert, die 7700 Bürger feierten Einweihung. Nicht nur hübsch zurechtgemacht, auch nachhaltig beheizt sollte das Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert künftig sein: Einige Tage vor dem Fest hatte eine österreichische Firma hinter dem Rathaus sieben Löcher in den Boden gebohrt. In Tiefen zwischen 105 und 140 Metern versenkte sie Sonden, um damit Erdwärme zu nutzen (siehe Kasten). Doch wenige Wochen nach dem Fest tauchten in der frisch renovierten Fassade die ersten Risse auf.

»Wir dachten zuerst, dass nur der Putz betroffen ist«, erzählt Wolfgang Schuhmann, der in Staufen zehn Jahre lang Feuerwehrkommandant war. »Nach einer Sanierung dauert es ja oft eine Weile, bis das Gebäude zur Ruhe kommt.« Aber das Rathaus kam nicht zur Ruhe. Inzwischen durchziehen zentimeterbreite Risse die gesamte Bausubstanz, den Turm mit dem Treppenaufgang hält nur noch ein Metallanker. Auch durch die Front des Nachbarhauses, durch den Schriftzug »Rathaus-Café«, verläuft ein Spalt. Bisher sind in mehr als 200 Gebäuden der Altstadt Risse aufgetreten. Im Gasthaus Löwen haben schon Gäste angerufen und gefragt: »Kann man bei euch noch sicher übernachten?«

Tief unter dem Rathaus ist etwas geschehen. Inzwischen herrschen kaum noch Zweifel daran, was: Erst stieß der Bohrer auf eine Gipsschicht, dann auf unter Druck stehendes Grundwasser. Beides ist nicht ungewöhnlich für den Untergrund Baden-Württembergs. Irgendwann zwischen der Bohrung und dem Entstehen der Risse muss Wasser zuerst in das Bohrloch und dann auch in die Gipsschicht eingedrungen sein. Ungewöhnliches Pech für die Staufener war, dass die Schicht noch Anhydrit enthielt, ein Mineral, das erst bei Kontakt mit Wasser zu Gips umgewandelt wird. Bei dieser chemischen Reaktion dehnt sich das Anhydrit aus – um bis zu 60 Prozent.

Der Boden unter dem Rathaus steigt jeden Monat um einen Zentimeter

Sollten sich nicht sämtliche Fachleute täuschen, ist das der Grund für die Risse in Staufen: Die denkmalgeschützte Altstadt, von ihren Einwohnern liebevoll »Städtle« genannt, wird von aufquellendem Anhydrit nach oben gedrückt. Die Analyse von Satellitendaten zeigt eine streng gleichmäßige Hebung, der Boden steigt Monat für Monat um einen Zentimeter. Eine Erkundungsbohrung, die seit März läuft, verheißt nichts Gutes: Die Gipsschicht enthält noch eine Menge quellfähiges Material. Falls die Reaktion im Untergrund nicht aufgehalten wird, könnte es für einen Anstieg um mehrere Meter ausreichen.

Wer von Freiburg nach Staufen hineinfährt, sieht rechts von der Straße Obstbäume und abgemähte Heuwiesen. Links erhebt sich auf einem steilen Hügel die Ruine der Staufener Burg, die Augustsonne scheint auf den weinbewachsenen Hang. Idyllisch zwischen den Hängen des Südschwarzwaldes und der fruchtbaren Ebene des Oberrheingrabens gelegen, ist Staufen ein Kleinod der Region. An diesem Freitagnachmittag haben die Staufener Festzelte und Bierbänke aufgebaut. Vier Tage dauert das Markgräfler Weinfest. »Bezirkskelterei Efringen-Kirchen« steht auf einem Kühlwagen, die lokalen Winzergenossenschaften präsentieren Gutedel, Müller-Thurgau, Spätburgunder und Weißherbst. Die Tische vor dem Rathaus-Café haben sich gefüllt, gleich soll hier der Festzug entlangkommen. Von den Rissen abgesehen, sind die Fassaden schmuck herausgeputzt: Wo vor den Fenstern keine Blumenkästen voller roter Geranien hängen, haben die Bürger Fahnen mit dem Stadtwappen befestigt, drei gelbe Kelche und fünf Sterne auf rotem Grund.

Bis zur Bohrung, sagt der Vermessungsingenieur Elmar Bernauer, habe man sich als Staufener Bürger richtig belohnt gefühlt.