Fast wäre dieser Sommer ohne Loch vorbeigegangen, aber die eisernen Gesetze des Journalismus lassen sich nicht aushebeln. Eine kleine Auswahl:

Der Fliegende Holländer »Arctic Sea«:Nowaja Gazeta erklärt endlich, warum der Frachter gekapert wurde. Zwischen Holzstämmen und Sägemehl waren russische X-55 Cruise-Missiles und S-300-Abwehrraketen versteckt – auf dem Weg nach Iran, verrät Prawda Online . Und die »Piraten«? Die waren Handlanger des Mossad, der (plus CIA) bekanntlich für alles verantwortlich ist. Sie sollten das Schiff entführen, um das Geschäft zu vereiteln.

Verschwörungstheorie-Meter (VerTheMe): hoch. Moskau plaudert angeblich seit zwei Jahren mit Iran über die S-300-Flugabwehr; es gibt aber keinen Deal, weil auch den Russen die iranische Atomrüstung nicht mehr geheuer ist. Die Marschflugkörper X-55 erfordern Langstreckenbomber als Träger, die Iran nicht hat. Wahrscheinlich waren sie als harzige Fichtenstämme getarnt und mit Sägemehl paniert, bevor sie (angeblich) über Bord geworfen wurden.

Ritualmord – die schwedische Variante: Laut Massenblatt Aftonbladet hätte die israelische Armee junge Palästinenser gemordet, um deren Organe zu »ernten«. Solche Geschichten erzählen Palästinenser seit Jahren, so wie die alliierte Propaganda den deutschen »Hunnen« im Ersten Weltkrieg den Babymord per Bajonett angehängt hatte. Der Ritualmord reicht bis in das frühe Christentum zurück: Juden schächten Christenkinder, um mit dem Blut ihre Mazzen zu würzen. Jetzt kommt zu dem einen Klassiker des Antisemitismus der zweite dazu: die Geldgier, die Juden/Israelis dazu treibe, Organe auszuschlachten. Der schwedische Autor räumt inzwischen ein, er habe »keine Ahnung«, ob die Geschichte wahr sei; er habe auch keine Autopsieberichte gesehen. Es liege freilich an den Israelis, ihre Unschuld zu beweisen.

VerTheMe: stratosphärisch. Leider hat die Sommerloch-Story winterliche Konsequenzen. Denn Stockholm hat sich nicht etwa distanziert, sondern seine Botschafterin in Israel gemaßregelt, weil sie die Gräuelstory gegeißelt hatte. Das dürfe sie nicht, wg. Pressefreiheit usw. Seitdem beschäftigt sich Jerusalem nicht mit Obama oder Iran, sondern mit der Großmacht Schweden: das Sommerloch als Staatsaffäre.