Themen Sommerlöcher 2009
Verschwörungstheorien um die "Arctic Sea" und die schwedische Organdiebstahl-Story, dazu der verblichene Karpfen Benson und Pu, der Nazi-Bär: Die Sommerlöcher
Fast wäre dieser Sommer ohne Loch vorbeigegangen, aber die eisernen Gesetze des Journalismus lassen sich nicht aushebeln. Eine kleine Auswahl:
Der Fliegende Holländer »Arctic Sea«:Nowaja Gazeta erklärt endlich, warum der Frachter gekapert wurde. Zwischen Holzstämmen und Sägemehl waren russische X-55 Cruise-Missiles und S-300-Abwehrraketen versteckt – auf dem Weg nach Iran, verrät Prawda Online . Und die »Piraten«? Die waren Handlanger des Mossad, der (plus CIA) bekanntlich für alles verantwortlich ist. Sie sollten das Schiff entführen, um das Geschäft zu vereiteln.
Verschwörungstheorie-Meter (VerTheMe): hoch. Moskau plaudert angeblich seit zwei Jahren mit Iran über die S-300-Flugabwehr; es gibt aber keinen Deal, weil auch den Russen die iranische Atomrüstung nicht mehr geheuer ist. Die Marschflugkörper X-55 erfordern Langstreckenbomber als Träger, die Iran nicht hat. Wahrscheinlich waren sie als harzige Fichtenstämme getarnt und mit Sägemehl paniert, bevor sie (angeblich) über Bord geworfen wurden.
Ritualmord – die schwedische Variante: Laut Massenblatt Aftonbladet hätte die israelische Armee junge Palästinenser gemordet, um deren Organe zu »ernten«. Solche Geschichten erzählen Palästinenser seit Jahren, so wie die alliierte Propaganda den deutschen »Hunnen« im Ersten Weltkrieg den Babymord per Bajonett angehängt hatte. Der Ritualmord reicht bis in das frühe Christentum zurück: Juden schächten Christenkinder, um mit dem Blut ihre Mazzen zu würzen. Jetzt kommt zu dem einen Klassiker des Antisemitismus der zweite dazu: die Geldgier, die Juden/Israelis dazu treibe, Organe auszuschlachten. Der schwedische Autor räumt inzwischen ein, er habe »keine Ahnung«, ob die Geschichte wahr sei; er habe auch keine Autopsieberichte gesehen. Es liege freilich an den Israelis, ihre Unschuld zu beweisen.
VerTheMe: stratosphärisch. Leider hat die Sommerloch-Story winterliche Konsequenzen. Denn Stockholm hat sich nicht etwa distanziert, sondern seine Botschafterin in Israel gemaßregelt, weil sie die Gräuelstory gegeißelt hatte. Das dürfe sie nicht, wg. Pressefreiheit usw. Seitdem beschäftigt sich Jerusalem nicht mit Obama oder Iran, sondern mit der Großmacht Schweden: das Sommerloch als Staatsaffäre.
Pu, der Nazi-Bär: In Russland, genauer in Ufa, der Hauptstadt von Baschkortostan, geriet der britischgebürtige Winnie the Pooh auf den Index. Er wurde laut Moscow Times bei einem Rechtsextremisten gefunden, dann verhaftet, weil er ein Hakenkreuz trug. Unklar ist, ob der Bär »von geringem Verstand« ins Umerziehungslager musste. VerTheMe: niedrig; die Geschichte von Adolf P. Bär scheint verbürgt zu sein.
Tod im Karpfenteich: Benson, ein britischer Karpfen von hohem Verstand, hatte stets die Angler gefoppt, bis er dann doch an den Haken geriet – aber immer wieder (begleitet von einem wachsenden Presse-Pulk) zurückgeworfen wurde. Er mochte die Publicity und ließ sich 50-mal fangen, bis er, 29 Kilo schwer, an einem Köder von rohen Tigernüssen verschied. Ein Mund wie der von Brigitte Bardot. Nie mehr wird er schmollen. VerTheMe: null, die reine Wahrheit.
Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)
- Datum 04.09.2009 - 10:39 Uhr
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- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 27.08.2009 Nr. 36
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Dieser Beitrag wurde 20 Mal angesehen. Zwanzig Mal zu viel. Hat der Mann nichts Ernsthaftes zu tun? Müssen wir uns jetzt schon mit einem Sommerloch-Artikel über das Sommerloch quälen lassen? Unfassbarer Mist.
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