Der langweilige Wahlkampf ist vorbei, der spannende hat begonnen. Immer deutlicher ist das Beben zu spüren, das die politische Landschaft erfasst hat, immer mehr Neues bringen diese Wochen hervor. Seit vergangenem Sonntag etwa: die asymmetrische Wahlkampfführung. Die Union verspricht machtpolitische Stabilität, setzt auf Wir-oder-das-Chaos, gibt sich jedoch sehr zurückhaltend, wenn es um Inhalte geht; die SPD hingegen hat einen Deutschland-Plan, fordert Mindestlöhne und will inhaltlich noch einiges mehr, verfällt aber in unverständliches Nuscheln, wenn es um die eigene Machtperspektive geht. Schwarz-Gelb verhindern – und dann?

Es kann schon sein, dass Christlich-Liberal wieder keine Mehrheit bekommt. Es ist möglich, dass zusammen mehr als 50 Prozent eigentlich ganz gern Union oder FDP wählen wollen, aber weniger als 50 Prozent die Verbindung Schwarz-Gelb. Womöglich wirkt noch nach, was den beiden Parteien 2005 zum Verhängnis wurde: Die FDP mobilisiert mit zugespitzten, klaren Botschaften ihre eigenen Wähler, macht der Union viele abspenstig und vertreibt dabei nebenher jene Unionswähler aus dem sogenannten bürgerlichen Lager, denen ihre Partei schon marktorientiert genug ist, in der Kombination mit der FDP aber zu sehr. Die für sich erfolgreiche FDP kontaminiert so ihren Wunschpartner: Für jede Stimme, die sie gewinnt, verliert die Union zwei, eine an die Liberalen und eine an die Nichtwähler, die SPD oder die Grünen.

Guido Westerwelle versucht darum, seine eigene Partei sozialer zu machen. Doch hat sich das Bild von der kühlen, egoistischen FDP so tief eingeprägt, dass es bis zum 27. September völlig offen bleiben dürfte, ob die Wähler ihm diesen Wandel auch abkaufen.

Darum fürchtet sich die Union so sehr vor Inhalten. Kaum dass sie ausgesprochen sind, erinnern sie schon unangenehm an das Jahr 2005. Dabei ist die Union – und sogar die FDP – längst nicht mehr so neoliberal wie vor vier Jahren. Nur die Zeiten sind es. Wachsende Arbeitslosigkeit und extrem knappe Haushalte werden zu einer harten Politik führen.

So könnte es sein, dass die einen sich vor Schwarz-Gelb immer noch fürchten, während die verwöhnteren Wähler mit einer ihres Reformfurors beraubten Koalition aus FDP und Union schon die späte Ödnis der Ära Kohl heraufziehen sehen. Auch Angst und Ennui können gemeinsam Schwarz und Gelb verhindern.

Weil er die Dämonisierung der FDP als einzige Chance für seine schwache SPD ansieht, hat Frank-Walter Steinmeier nun einen strategischen Wechsel vollzogen, von der Ampel-Perspektive spricht er nicht mehr.

Neuerdings will er nicht mehr die FDP bekämpfen, um am Ende mit ihr doch in einer Ampel zu koalieren; nein, nun möchte Steinmeier mit den soeben gewonnenen rot-roten Machtchancen im Saarland und in Thüringen Schwung aufnehmen, also ausgerechnet mit der Koalition Eindruck schinden, die er im Bund ausschließt. Das ist kein Paradigmen-, das ist bloß ein Paradoxien-Wechsel.