Jean Jaurès (1859 - 1914) war ein französischer Sozialist und Historiker © Wikimedia Commons

Am 31. Juli 1914 erscheint die sozialistische Zeitung L’Humanité mit der Schlagzeile Sang froid nécessaire – "Kaltes Blut tut not". Doch davon ist die Stimmung in Paris weit entfernt. Angst vor dem Krieg beherrscht Frankreichs Hauptstadt. Am späten Nachmittag ist der Sozialistenführer Jean Jaurès mit einer Delegation seiner Partei im Außenministerium am Quai d’Orsay. "Was wird Ihre Partei tun?", fragt ihn Unterstaatssekretär Abel Ferry. "Wir setzen unseren Kampf gegen den Krieg fort", antwortet Jaurès. "Dann fürchte ich, dass man Sie an der nächsten Straßenecke umbringt", prophezeit ihm der Stellvertreter des Ministers.

Gegen acht Uhr kehrt Jaurès in die Redaktion der Humanité in der Rue Montmartre Nr. 140 zurück. Er skizziert den Leitartikel für die kommende Ausgabe. Es soll noch einmal ein flammender Appell gegen den drohenden Krieg werden. Bevor er sich ans Schreiben macht, geht er mit einigen Kollegen ins nahe gelegene Café du Croissant, um zu Abend zu essen. Jaurès sitzt mit dem Rücken zum Fenster, das wegen der sommerlichen Hitze halb offen steht. Es ist zwanzig Minuten vor zehn, als plötzlich zwei Schüsse fallen. Jaurès sinkt, am Kopf getroffen, in sich zusammen. Kurze Zeit später ist er tot.

Der Attentäter, der 29-jährige Raoul Villain, wird von Passanten überwältigt. Der Ruf "Sie haben Jaurès getötet!" pflanzt sich von der Rue Montmartre über die ganze Stadt fort. Überall im In- und Ausland löst die Nachricht Entsetzen aus. "Bin tief erschüttert", schreibt Rosa Luxemburg, die noch zwei Tage zuvor mit Jaurès in Brüssel zusammengetroffen ist.