Charlotte Gainsbourg geht in Lars von Triers "Antichrist" an ihre schauspielerischen Grenzen - und wurde dafür bereits in Cannes zu Recht ausgezeichnet © MFA+ FilmDistribution e.K.

Alles, was man über diesen Film hört, ist wahr. Seine Brutalität ist fast unerträglich, er ist blutig, dunkel und grausam, er enthält eine Verstümmelungsszene, die man, hat man sie gesehen, lieber nicht gesehen hätte, und sein Weltbild ist im umfassenden Wortsinn mittelalterlich. Denn es geht, nicht zum ersten Mal bei Lars von Trier , um den Teufel. Jener Regisseur, der am Ende jeder Folge seiner Krankenhausserie Geister den Zuschauer ironisch lächelnd mit dem Erkennungszeichen der Satanisten – die rechte Hand zur Faust geballt, Zeige- und kleiner Finger weggestreckt – in die Nacht entließ, hat nun jenseits allen Humors mit dem Fürsten der Finsternis ernst gemacht.

Ein Ehepaar hat leidenschaftlichen Sex unter der Dusche, vernachlässigt deshalb die Aufsicht über den kleinen Sohn, dieser stürzt aus dem Fenster und stirbt. Die Frau, gespielt von Charlotte Gainsbourg , wird mit Verlust und Schuld nicht fertig, alle Therapieversuche scheitern, nichts kann sie aus ihrer Lethargie holen, bis ihr Mann, ein Psychotherapeut, beschließt, die Sache selbst zu übernehmen. Willem Dafoe verkörpert ihn als kühlen Rationalisten, als einen Profi, der jahrelang gelernt hat, sich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Er beschließt, die Angstattacken seiner Frau durch eine Konfrontationstherapie zu bekämpfen, und so ziehen sie sich in jene Waldhütte zurück, in der die Frau, an ihrer Dissertation über Hexenverbrennungen schreibend, allein mit dem Sohn den letzten Sommer verbracht hat. Nun beginnt ein Abstieg in die Hölle, ein Kammerspiel des Schreckens mit nur zwei Darstellern, gipfelnd in einem Ausbruch der Gewalt, wie man ihn außerhalb von Splattermovies noch selten auf der Kinoleinwand gesehen hat.

Immer wieder hat Lars von Trier die traditionellen Motive der Aufklärung auf den Kopf gestellt: Das Selbstverständliche ist bei ihm das Falsche, die altgewohnten Formeln des Humanismus sind im Unrecht. So erschienen in Dogville (2003) Verzeihen und christliche Milde als unzureichende Antwort auf die Niedertracht der Menschen, und die Maschinengewehrsalven, mit denen die erniedrigte Grace ( Nicole Kidman ) zum Schluss die Bevölkerung der Stadt Dogville ohne Gnade niedermähen ließ, kamen auch für den Zuseher als tiefe Befriedigung. Dogville, scheinbar ein Film über die Güte, entpuppte sich als ein Film darüber, dass Güte nicht ausreicht, und am Ende von Manderlay (2005), scheinbar ein Film über die Sklavenbefreiung, waren es die Sklaven selbst, die die Freiheit als unerträgliche Zumutung ablehnten. Einen solchen Umschlag gibt es auch in vonTriers neuem Film Antichrist. Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?

Denn in der Waldeinsamkeit stellt sich heraus, dass genau dies der Fall ist. Auch Paranoide können Feinde haben, sagt ein altes Scherzwort, und so könnte man hinzufügen: Auch Menschen mit Angstneurosen haben manchmal etwas, vor dem es sich zu fürchten lohnt. Der forschende Psychotherapeut findet heraus, dass seine Frau im Zuge ihrer Dissertation mit dem Teufel selbst in Kontakt getreten ist, er findet heraus, dass »die Natur Satans Kirche« ist, dass die Frau ihren Sohn den ganzen Sommer lang auf subtile Art gequält hat und dass die ängstliche Erstarrung, in die sie sich nach dessen Tod geflüchtet hat, der Furcht vor ihr selbst entsprang. Durch die erfolgreiche Therapie, in der er ihr beibringt, die Angst vor der Natur, vor Gras, Bäumen und Wind, zu überwinden, weckt er auch das Dunkel in ihr wieder auf – und zugleich ersteht draußen in der Welt der Schrecken von Neuem. Auch für den zunächst so besonnenen Mann versinkt die Welt in einer surrealen Bilderflut: Tiere sprechen, erschlagene Raben erstehen flatternd aus dem Tode auf, und ein Fuchs spricht die Worte »das Chaos regiert« – bis man am Höhepunkt in einer Rückblende noch einmal die Szene vom Tod des Kindes sieht, fast wie am Anfang, doch mit einem winzigen Unterschied, der für den, der ihn bemerkt, schockierender ist als alle blutigen Gewaltszenen zuvor.

Diesmal gibt es keine Dogma-Ästhetik, keine Handkamera, keinen Minimalismus der Ausdrucksmittel; von Trier schöpft aus dem ganzen Vorrat der Illusionen: Zeitlupen und Farbverfremdungen, aufwendig arrangierte Traumtableaus, ja sogar – welcher puristische Dogma-Fan hätte sich das träumen lassen? – computerbearbeitete Einstellungen. Und dennoch rutscht der Film nie ins Konventionelle ab: viel zu intensiv die Konzentration auf das Wechselspiel der beiden Hauptdarsteller, auf das ständig sich verändernde Machtgefüge zwischen ihnen.

Antichrist ist ein virtuoses Spiel der Identifikationssteuerung. Ob man es will oder nicht, ist man zu Beginn ganz auf der Seite der trauernden Frau, ist mit ihr eingenommen gegen den von Willem Dafoe grandios verkörperten arroganten Ehemann, und ob man es will oder nicht, ist man am Ende auf seine Seite hinübergewechselt. Vor allem ist das natürlich das Verdienst von Charlotte Gainsbourg. Immer schon haben von Triers Filme davon gelebt, dass er eine große Schauspielerin bis an die Grenze des emotionalen Zusammenbruchs geführt hat. Doch im Unterschied zu Emily Watson in Breaking the Waves, zu Björk in Dancer in the Dark und Nicole Kidman in Dogville hat die Hauptdarstellerin von Antichrist keine verfolgte Unschuld zu spielen, sondern deren Gegenteil; sie wandelt sich vom armen Seelchen zu einer wölfisch heulenden Irren, einer Furie des Entsetzens, einer teuflischen Präsenz. Charlotte Gainsbourg steht all das zu Gebote: sämtliche Stadien von der verängstigten Mutter bis hin zur Satansgefährtin, deren finaler Verbrennung man förmlich entgegenfiebert.

Seit Stanley Kubrick in The Shining hat niemand mehr versucht, was Lars von Trier hier unternimmt, näm- lich aus scheinbar trivialen Motiven des Horrorgenres etwas existenziell Ernstes, ein genuines Kunstwerk zu schaffen. In diesem Sinn ist Antichrist wohl das Gegenstück zu Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Während Tarantino einem Thema, das nach höchstem Ernst zu verlangen scheint, durch Witz, Respektlosigkeit und Frivolität neues Leben abgewinnt, behandelt von Trier einen Stoff, wie geschaffen für flache Genrefilme, mit unerwarteter Direktheit und mit ungebrochenem Pathos. Dennoch verleugnet der Film seine Wurzeln nicht, und es ist es ebenso albern, von Trier nun Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, wie es lächerlich wäre, die Macher von Texas Chainsaw Massacre für die negative Darstellung geistig Behinderter zu rügen: Wahrer Horror entsteht nun einmal nicht aus gerechter Abbildung sozialer Wirklichkeiten. Dass aus der Fleischeslust Unheil erwächst, dass der Teufel der Herr der Natur ist, dass es Hexen gibt, die mit ihm im Bunde sind, und dass gegen seine dunkle Gewalt keine Therapie, sondern nur entschlossene Gegengewalt und reinigendes Feuer helfen, sind ja keine sozialpolitischen Thesen, sondern altbewährte Motive des Märchens und der Schauerromantik.