Der von der Europäischen Kommission gegründete Europäische Forschungsrat ist eine wirklich große Neuerung. Seine Gründung darf als revolutionär bezeichnet werden. Warum? Weil er erstmals einen europaweiten Wettbewerb um Forschungsmittel allein auf der Basis wissenschaftlicher Qualität erlaubt. Weil allein der individuelle Antragsteller zählt und weil es keinerlei von oben herab definierte Netzwerke oder Fächerschwerpunkte gibt. Anträge können in allen denkbaren Forschungsfeldern gestellt werden, von A wie Archäologie bis Z wie Zoologie.

Allerdings halte ich mittelfristig diesen European Research Council (ERC) in seiner Existenz für extrem gefährdet. Alle Befürchtungen, die man gemeinhin mit der Arbeit der Europäischen Kommission verbindet, sind hier wahr geworden, obwohl uns ganz anderes versprochen wurde. Dass die administrative Führung der Brüsseler Generaldirektion Forschung damit das enorme Risiko eines Scheiterns des ERC eingegangen ist, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben.

Um zu erklären, worum es geht, muss man etwas ausholen:

Der Europäische Forschungsrat hat seine Arbeit im Januar 2007 aufgenommen. Er besteht aus einem wissenschaftlichen Rat, dem 22 höchst angesehene Personen angehören, einem Generalsekretär sowie einer Administration, die die Vorstellungen dieses Rats in die Tat umsetzen soll.

Der wissenschaftliche Rat hatte sich für den Anfang zwei Förderinstrumente ausgedacht: ein Programm für Nachwuchsforscher sowie eines für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in späteren Phasen ihrer Karriere. In einem als vorbildlich angesehenen Auswahlverfahren wurden inzwischen Hunderte von Wissenschaftlern ausgewählt und mit jeweils etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre gefördert. Insgesamt stehen bis Ende 2013 etwa 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Schon die bisherigen Ergebnisse gelten weithin als Maßstab für vergleichbare Verfahren in den Mitgliedsstaaten und anderswo.

Das Geld ging dorthin, wo die Qualität stimmte

Verantwortlich für diesen Erfolg sind einmal der wissenschaftliche Rat, der sich nicht nur die Förderverfahren ausgedacht, sondern auch die Auswahl der Gutachter besorgt hat, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die mit großer Begeisterung an die Sache herangegangen sind, sowie die Tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die begeistert als ehrenamtliche Gutachter mitgemacht haben. Sie haben sich über das ERC mit Europa identifiziert und damit inmitten weitverbreiteter Europaskepsis ein Beispiel gegeben. Ich habe immer wieder erlebt, wie in den Gutachtersitzungen nach wenigen Minuten die unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten vergessen waren und nur noch die Wissenschaft zählte. Das zeigt sich auch im Ergebnis. Das Geld wurde nicht gleichmäßig über den Kontinent verteilt, sondern dorthin, wo die Qualität stimmte. Man kann die Internationalisierung des Gutachterwesens gar nicht hoch genug einschätzen, denn wie leicht entstehen auch in der Wissenschaft Seilschaften? Der schnelle Erfolg des ERC hebt ihn auf eine Ebene mit anderen bewunderten Gemeinschaftsaktivitäten wie dem gemeinsamen Markt oder der gemeinsamen Währung.

Dennoch ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Wie kürzlich durch eine hochrangige Untersuchungskommission unter Leitung der ehemaligen Präsidentin Lettlands, Vaira Vike-Freiberga, festgestellt wurde, leidet das ERC unter mangelnder Autonomie. Das liegt an einem grundlegenden Geburtsfehler, nämlich der völligen formalen Trennung von wissenschaftlichem Rat und Geschäftsstelle. Der wissenschaftliche Rat darf zwar die Förderinstrumente und die Art und Natur der Begutachtung selbstständig bestimmen, die Geschäftsstelle aber ist eine Einrichtung der europäischen Generaldirektion Forschung. Sie setzt die Vorstellungen des wissenschaftlichen Rats in die Tat um, lädt die Gutachter ein, organisiert die Begutachtungen und finanziert am Ende die erfolgreichen Antragsteller. Was aber nützt das schönste Förderinstrument, wenn es der Geschäftsstelle nicht gelingt, es in einer Weise umzusetzen, die der Programmidee entspricht?