Frauen und TechnikDas falsche Geschlecht

Warum ich nicht Ingenieurin geworden bin – obwohl ich fast alle Voraussetzungen erfüllte. Ein Erfahrungsbericht. von Heike Solga

Bereits in der ersten Klasse durfte ich im Unterricht Aufgaben der Mathematik-Olympiade lösen. Später war ich Mitglied der mathematischen Schülergemeinschaft und besuchte als eines der wenigen Mädchen eine Spezialschule für Mathematik. Dort wurde der Stoff der ersten beiden Studienjahre eines Mathematikstudiums unterrichtet.

Ich bestand mein Abitur in Mathematik mit "sehr gut". Auch in meinem Elternhaus gab es für ein Ingenieurstudium die besten Voraussetzungen: Mein Vater war Elektroingenieur, meine Mutter physikalisch-technische Assistentin; da kein Sohn im Haushalt war, betrachteten meine Eltern mich als den "zukünftigen Ingenieur". Doch studiert habe ich Sozialwissenschaften. Was ist schiefgelaufen?

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Frauen sind in technischen Studienfächern und Berufen immer noch eine Minderheit – trotz zahlreicher Interventionsmaßnahmen in Schule und Studium wie des jährlich stattfindenden Girls Day oder der zahlreichen Mentoring-Programme an Hochschulen sowie der stets bekräftigten Selbstverpflichtungen der Betriebe zur Frauenförderung.

Nur jeder fünfte Studienabsolvent in den Ingenieurwissenschaften ist eine Frau. Und auf dem Arbeitsmarkt geht es ihnen auch nicht besser: Nur jeder zehnte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Ingenieur ist weiblich. Dafür ist ihr Risiko, arbeitslos zu sein, mehr als doppelt so hoch wie das ihrer männlichen Berufskollegen. In den Führungsetagen und auf Professuren an deutschen Hochschulen findet man zwar heutzutage viele Ingenieure, darunter jedoch nur sehr wenige Frauen.

Ein "Technikdefizit" kann weder meine Abkehr von einem natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Studium noch die schlechteren Arbeitsmarktchancen von Ingenieurinnen erklären. Denn Frauen machen häufig bessere (und schnellere) Abschlüsse als ihre männlichen Kommilitonen in den "männlichen" Ingenieur- sowie Naturwissenschaften.

Ein mangelndes "Technikinteresse" kann man den jungen Frauen, die sich entschieden haben, entgegen allen Stereotypen Ingenieurwissenschaften zu studieren, und dieses Studium in der "Einsamkeit ihres Geschlechts" durchgehalten haben, wohl auch nicht vorhalten.

Studien haben gezeigt, dass Frauen Ingenieurwissenschaften nicht wegen der Karriereerwartungen, sondern vor allem wegen der Inhalte des Faches studieren. Und auch bei mir war es kein fehlendes Interesse an Technik. Vielmehr erlebte ich mit der Mathematik-Schule früh, was es heißt, eine der wenigen Frauen in einer Umgebung zu sein, wo die Jungen in Physik für die Clevereren und die Mädchen in Geschichte und Deutsch für die Fleißigeren gehalten werden.

Für den Mangel an weiblichen Ingenieuren sind Unterschiede in der Techniksozialisation bei Mädchen und Jungen ohne Zweifel eine wichtige Ursache. Doch warum, so sollte man fragen, sollen Frauen Technikberufe ergreifen, wenn sie sich damit in ein männliches Territorium begeben, wo ihre Kompetenzen nicht wahrgenommen und anerkannt werden und wo sie, trotz gleicher Qualifikation, schlechtere Berufs- und Karrierechancen haben? Solange sich hier, das heißt in Unternehmen und auf dem Technik-Arbeitsmarkt, nichts ändert, habe ich eine durchaus rationale Berufswahl getroffen. Da ich im Gegensatz zu vielen der Jungen meiner Klasse auch in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Schulfächern – wie viele Mädchen – sehr gute Noten hatte, habe ich nach dem Studium eine sehr gute Karriere in den Sozialwissenschaften gemacht.

Die Bemühungen in Schule und Studium, das Technikinteresse von Mädchen und jungen Frauen zu erhöhen, werden daher nur dann glaubwürdig und erfolgreich sein, wenn die ausgebildeten Ingenieurinnen die gleichen Berufschancen haben wie ihre männlichen Kollegen. Wichtig wäre es dazu, Verfahren bei der Einstellung und Beförderung zu verändern sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Ingenieurberufen zu verbessern. Davon würden auch an einem Familienleben interessierte Ingenieure profitieren.

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Leserkommentare
    • Schnurz
    • 06. September 2009 17:17 Uhr

    Ich bezweifle, dass es Personalchefs interessiert, welches Geschlecht der Bewerber hat. Vielleicht legen Männer eben schlicht mehr Wert auf Karriere, während Frauen auf andere Dinge achten? Der Mann mag sich vielleicht für die Stelle mit einer 45-Stunden-Woche entscheiden, investiert mehr Zeit in Fortbildungen und weiteren Qualifikationen, und verdient im Endeffekt auch mehr, während die Frauen sich lieber eine Stelle suchen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet, dafür aber geringer bezahlt wird? Hier noch ein Link bzgl. angeblich ungleicher Bezahlung:

    http://www.destatis.de/je...

  1. Bedeutet: ein ihren Neigungen entsprechendes Fach nicht studiert, weil sie sich zuvor aus Tonnen von Studien eine Begründung dafür zusammengebastelt hat, warum sie nicht IW studiert?

    Na hervorragend, dann hat die Zeit hier genau diejenigen zu Wort kommen lassen, die die Frauen in den MINT-Berufen um keinen Millimeter weiterbringen, sondern aus Bequemlichkeit zementieren, was andere mühsam aufzubrechen versuchen.

    Glückwunsch. Vielleicht sollte man eher mal Frauen ein Podium bieten, die es TROTZDEM versucht und / oder geschafft haben...

  2. Denn da kann ich noch etwas anführen, das im Allgemeinen dabei gerne Übersehen wird. Ich bin schon als Kind fasinert von Computern gewesen und damit Kreativ tätig zu sein. So lernte ich früh Programmieren, auf Hobby Basis, mit dem vielfach belächelten Basic. Daran, Programmierin zu werden, hatte ich dagegen nicht gedacht. Mit dem bisschen Einblick den ich hatte, schien das wenig gemeinsam zu haben, mit dem was ich gerne mit Rechnern machte. Und wenn ich mir heute so den vermittelten Stoff beim Informatikstudium, meist in Kombination mit angewandter Mathematik kombiniert, gilt das auch noch heute. Erst als ich schon fast 10 Jahre im Berufsleben stand fand ich meinen weg dorthin zurück. In der Jugend wurde mein Kindheitshobby dann durch wichtigere Dinge überlagert und erst mit dem Internet fand ich dorthin zurück, und ganz Klischeehaft über Design und weniger mit der Abischt zu Programmieren. Doch bei einem Praktikum erkannte man mein Talent und drängte mich ein wenig in die Richtung. Im Ergebnis bin ich heute eine recht gefragte Fachkraft mit viel Freude an meinem Beruf - nur eines gefällt mir daran noch immer nicht. So gut wie immer sind meine Kollegen männlichen Geschlechts, ich hätte wirklich gerne mehr Kolleginnen, mit denen ich mich ein wenig sozialisieren könnte. Dazu habe ich allenfalls in kurzen Raucherpausen oder auf Firmenfesten die Gelegenheit.

    Ich denke das macht oft auch viel aus wenn Frauen sich gegen einen männerdominierten Beruf entscheiden.

    • Pyr
    • 06. September 2009 18:31 Uhr

    Ich denke nicht, dass die Studien eine Begründung für die Entscheidung waren. In der Regel beleuchten Studien eher die Konsequenzen.

    Zweifelsohne leiden Berufe, die eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten, unter einer sehr schlechten Frauenquote. Dies erklärt sich leicht mit den noch immer vorhandenen traditionellen Rollenbildern, welche in den Köpfen wohl aller Frauen und Männer unserer Gesellschaft herumspuken. Ingenieursberufe zählen nun mal leider nicht zu den Berufen, bei denen so etwas leicht ermöglicht wird. Und das ist schade, denn Ziel sollte es sein, dass eine Familie zu haben nirgends zu einem Nachteil wird!

    Faktisch sorgt alleine schon das Klima in den Schulen und Hochschulen dafür, dass viele Frauen abgeschreckt werden. Man wird als Frau in unserer Gesellschaft leider nicht für voll genommen, wenn man ein "Nerd" ist. Alleine die Frage "Warum studierst DU denn Informatik?!" habe ich an meine Kommilitoninnen gestellt bereits mehrfach gehört, und sie ist einfach nur verletzend (obwohl vom Fragenden nichtmal unbedingt so gemeint). Denn sie impliziert bereits, dass die Gesellschaft so etwas Frauen nicht zutraut.

    Schade finde ich, dass nur in eine Richtung argumentiert wird. Männer haben es nämlich genauso schwer - in typischen "Frauenberufen". Leider fällt das weniger auf, weil Ingenieursberufe immerhin allgemein anerkannt und gut bezahlt sind, was man von pädagogischen Berufen leider nicht behaupten kann.

    • Scampi
    • 06. September 2009 18:36 Uhr

    mein Beileid zur Männerdominanz in Ihrem Beruf. Ich kann natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, aber sämtliche Informatiker/Programmierer männlichen Geschlechts, die ich je kannte, hatten wirklich den Schaden weg;)
    Dass man sich da als Frau jemanden wünscht, mit dem eine sinnvolle Sozialisation möglich ist, wundert mich da überhaupt nicht.
    Interessant finde ich das Problem dennoch, da ich mich in weiblich dominierten Betrieben, teils als "Hahn im Korb", immer recht wohl fühlte.
    Alles Gute für Ihren weiteren Karriereweg und viel Glück, dass Sie doch noch mehr Kolleginnen finden.

    • diskus
    • 06. September 2009 19:13 Uhr
    6. nanu?

    Was genau ist der Zweck dieses Artikels? Soll damit die Funktionsfähigkeit der Kommentarfunktion getestet werden? Die Autorin hat also nicht, sagen wir, Maschinenbau studiert, weil da ja die Fördermöglichkeiten so schlecht waren und weil sie in Geschichte ja auch gute Noten hatte? So what?
    Völlig abstrakt wird hier über Anerkennung und Möglichkeiten palavert, und die Konsequenz aus der ach-so-schlechten Frauenförderung ist, dass man dann lieber mittelmäßige Artikel für Zeit online schreibt? Wer soll denn die Gegebenheiten in der gemeinen, männerdominierten Ingenieurswelt ändern, wenn nicht die Ingenieurinnen? Ach, ich reg mich schon wieder auf ...
    Viele Grüße von einer Informatikerin, die übrigens auch 'ne "eins" in Deutsch und Geschichte hatte...

    • ztc77
    • 06. September 2009 19:33 Uhr

    Vom Knäblein bis zum Mann kann man immer wieder in vielen Angehörigen dieses Geschlechts eine Zwangshaltung beobachten: Etwas "können" zu müssen, was eine Frau nicht kann. Bedürfnis nach eigener Überlegenheit und Eifersucht ist folglich unter den Jungs schon früh in Fächern wie Mathe, Physik, Technichen Fächern... zu spüren, gerade wenn ein Mädchen darin gut ist. Und wer sensibilisiert ist, spürt diese Eifersucht in seinen Mitmenschen. Dazu kommt: Die männlichen Lehrer leben oft auch nichts anderes vor.
    Warum sollte es dann später im Beruf anders sein? Die Idee des "Girls-Day" ist durchaus nachvollziehbar, wirkt aber auf diese heimlichen Ängste eher noch verstärkend.
    Toleranz ist ein großes und schönes Wort.
    Es will gelebt sein.

    • lolobu
    • 06. September 2009 19:50 Uhr

    Schon früh im Text bemerkt man als Leser den unerwarteten Widerspruch. "Die Zeit" hat hier genau der falschen Person eine Plattform geboten, um den gut gemeinten Fingerzeig auf den Mangel an weiblichen Ingenieuren zu ermöglichen.
    Die Voraussetzungen waren da, die Lust war da um dann etwas anderes zu studieren? Was soll mir das vermitteln? Angst? Sollte hier nicht eher ein Text einer heroischen Persönlichkeit, die trotz schlechter Voraussetzungen, Kindern und schlechten Finanzen den Sprung ins Berufsleben geschafft hat und somit jeden animieren möchte die Barrieren einzureißen und für seinen Wunsch zu kämpfen. An Stelle solch eines Berichtes wird man mit völliger Mutlosigkeit konfrontiert.

    Ich beende in Kürze mein Studium als Wirtschaftsingenieur und kann keinen Nachteil für Frauen während des Studiums bestätigen.

    Aus dem Text geht auch nicht hervor woher der Nachteil der Frau denn besteht. Wieso hat sie schlechtere Chancen auf ein Praktikum, auf eine spätere Stelle? Die Unternehmen heutzutage können sich gar keine Geschlechterpräferenz leisten, Ökonomie steht vor allem.

    Wer gut ist, setzt sich durch.

    Erziehung und determinierte Interessenverteilung wirken. Die Unterschiede, natürlich oder aufgedrängt und übernommen, werden auch weiterhin bestehen.

    Jeder Mensch soll nach seinen Interessen handeln, wenn eine Frau diese Interessen besitzt, soll sie sich immatrikulieren. Dieser Beitrag jedoch, ja dieser Beitrag ist vollkommen kontraproduktiv in dieser Hinsicht.

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  • Schlagworte Hochschule | Abitur | Berufswahl | Mädchen | Naturwissenschaft | Physik
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