Ingenieurpsychologie Mein Handy versteht mich nicht

Wie kann man Mensch und Technik unfallfrei zusammenbringen? Ein Gespräch mit dem Ingenieurpsychologen Hartmut Wandke

DIE ZEIT: Ingenieure studieren Maschinenbau, um Autos zu entwickeln; Psychologen beschäftigen sich mit der Seele des Menschen, um ihm zu helfen. Sie sind Ingenieurpsychologe – was erforschen Sie?

Hartmut Wandke: Ich analysiere und bewerte das Verhältnis von Mensch und Technik, und mache Vorschläge, wie es sich besser gestalten lässt. Denn die Technik bestimmt unseren Alltag: wenn wir im Auto oder am Computer sitzen, Geld abheben, die Spülmaschine programmieren – oder mit dem Handy telefonieren. Ingenieure, die Systeme entwickeln, sollten wissen, wie Menschen Informationen verarbeiten, wie sie mit Technik umgehen. Denn dabei spielen Wahrnehmung, Denkprozesse, aber auch Gefühle eine wichtige Rolle.

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ZEIT: Was haben Gefühle mit Technik zu tun?

Wandke: Einige Menschen lieben es zum Beispiel, ein Auto zu kontrollieren und die Beschleunigung zu spüren. Ältere Menschen dagegen haben häufig Angst vor Technik, etwa am Computer oder am Handy; sie befürchten, sich nicht zurechtzufinden und etwas kaputt zu machen. Ingenieure, die das wissen, können Systeme entsprechend verbessern.

ZEIT: Was macht ein gutes Seniorenhandy aus?

Wandke: Es sollte schon mal nicht so aussehen wie die Telefone, die heute auf dem Markt sind. Welcher 60-Jährige zieht schon gern solch einen Knochen mit zwei riesigen Tasten aus der Tasche? Bei den Handys geht es vielmehr darum, die Logik der Bedienung zu vermitteln. Studien zeigen, dass Ältere genauso gut mit Technik umgehen können wie junge Leute; sie lernen nur langsamer. Mit diesem Wissen ließe sich etwa eine spezielle Software entwickeln, die dem Nutzer anfangs nur eine Funktion erklärt, zum Beispiel, wie er einen Anruf entgegennimmt. Wenn er das kann, bringt ihm das Programm bei, selbst eine Nummer einzugeben und diese dann zu speichern. So kommt der Nutzer Schritt für Schritt auf die zehn Funktionen, die er braucht – die wenigsten Senioren wollen ja einen Klingelton herunterladen.

ZEIT: Das heißt, alle, die Technik entwickeln, sollten etwas über Psychologie lernen?

Wandke: Viele Maschinenbauer werden auch in Zukunft vor allem mit Zahnrädern und Wellen zu tun haben. Aber Ingenieure sollten die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden – um dann Systeme zu entwickeln, die weniger Probleme bereiten, indem sie Fähigkeiten nutzen, die wir der Technik voraus haben: Beispielsweise nehmen Menschen Objekte nicht separat nacheinander wahr, sondern ganzheitlich. Gehen wir spazieren, sehen wir nicht erst den Weg, dann den Baum und schließlich den Vogel – sondern alles zusammen als Szene.

ZEIT: Wie kann die Technik das umsetzen?

Wandke: Ein gutes Beispiel ist die Navigation: Die meisten Geräte im Auto haben einen Bildschirm, auf den der Fahrer heruntergucken muss, was seine Aufmerksamkeit von der Straße ablenkt. Die besseren Geräte rücken den Bildschirm weiter nach oben. Sehr fortgeschrittene Systeme nutzen sogenannte Head-Up-Displays: Die Navigationspfeile werden auf die Frontscheibe projiziert – für den Fahrer schweben sie über der Motorhaube. Die beste Lösung aber wäre ein System, das ein weiter entferntes Fahrzeug simuliert: so, als würde man jemandem folgen, der sich in der fremden Stadt auskennt. Der Fahrer muss den Blick nicht von der Straße nehmen, und wenn ihn das Navigationssystem, also das virtuelle Auto, falsch führt, etwa auf einen Fähranleger, merkt er das früh genug – und fährt nicht blind hinterher.

ZEIT: Es gibt aber viele Systeme, die Menschen bevormunden. Meine akustische Einparkhilfe schlägt bereits in einem halben Meter Entfernung zur Mauer Alarm. Würde ich ihr trauen, könnte ich nirgendwo mehr einparken…

Wandke: Die Hersteller warnen natürlich lieber zu früh als zu spät. Gibt es zu viele falsche Alarme, ignorieren wir das System irgendwann – und das kann gefährlich werden. 1983 gab es einen dramatischen Unfall in der Luftfahrt: Der Pilot einer Verkehrsmaschine bekam im Landeanflug auf Madrid, in den Wolken, den Befehl, die Maschine hochzuziehen. Möglicherweise hatte der Pilot diese Warnung jedoch so häufig unberechtigterweise gehört, dass er mit den Worten »Gut, gut, gut« reagierte – und kurz darauf mit seiner Maschine an einem Berg zerschellte.

ZEIT: Ihre Arbeit kann also Leben retten?

Wandke: Das stand sogar am Anfang unserer Arbeit: Einer der Väter der Ingenieurpsychologie, Alphonse Chapanis, beobachtete Anfang der vierziger Jahre, dass es bei einem bestimmten Flugzeugtyp besonders viele Landeunfälle gab. Die Piloten legten eine Bruchlandung hin, weil sie zwei Hebel verwechselten, die direkt nebeneinander lagen; der eine regelte das Ausfahren des Fahrwerks, der andere die Landeklappen. Chapanis’ Idee: Er befestigte auf dem einen Hebel einen kleinen dreidimensionalen Flügel, auf dem anderen ein Gummirad. Diese taktile Kodierung gilt bis heute.

ZEIT: Klingt ziemlich simpel.

Wandke: Genau das fasziniert mich an diesem Beruf: Wir können Systeme mit winzigen Verbesserungen transparenter machen. Und darüber hinaus Menschen motivieren, Technik zu nutzen.

Das Interview führte Kathrin Halfwassen

Vom 6. bis 9. September findet an der Berliner Humboldt-Universität der Kongress »Mensch und Computer« statt. Informationen: www2.hu-berlin.de/mc2009

 
Leser-Kommentare
  1. also in einem Punkt muss ich ganz deutlich widersprechen:
    "wenn ihn das Navigationssystem, also das virtuelle Auto, falsch führt, etwa auf einen Fähranleger, merkt er das früh genug – und fährt nicht blind hinterher."
    Da gibt's genügend Gegenbeispiele: wenn ein Fahrer seinen Siebeneinhalbtonner kilometerweit über Feldwege fährt bis er dann "endlich" doch noch steckenbleibt um zu kapieren, dass das Navi vielleicht doch unrecht hatte...

  2. Meiner Ansicht nach geht der Artikel total an der Tatsache vorbei, dass die allermeisten Produkte heute von Experten konzipiert werden, die die Integration von "Technikwissen" und "Menschenwissen" in einem sog. Designstudium lernen. Ein Hinweis wäre hier sicherlich dienlich für den Leser.

    Prof. Dr. Gerhard M. Buurman
    Leiter Studienbereich Interaction Design
    Zürcher Hochschule der Künste

    • Alobam
    • 07.09.2009 um 12:07 Uhr

    Kann es sein, dass die Informationsverarbeitungskapazitäten mit jeder Generation durch die gesteigerten Anforderungen steigen?
    Wenn ich Starcraft Spieler sehe, die mit 120 Aktionen in der Sekunde 200 Einheiten kontrolieren und dabei noch über Strategie nachdenken?
    Oder die unmengen von Inofrmationen die unst ständig aus dem Internet entgegenprasseln?
    Liegen diese Fähigkeiten an gesteigerten Informationsverarbeitungskaazitäten durch Übung oder durch Jugend?

    • Alobam
    • 07.09.2009 um 12:09 Uhr

    Kann leider den "Leserbrief" nicht editieren, aber ich meinte 120 Aktionen in der Minute :-)

  3. Ich denke, es wäre schon einmal gut, wenn Ingeniuere den gesunden Menschenverstand gebrauchten. Und wenn ein paar Nicht-Ingenieure die Sachen testen, bevor sie auf den Markt kommen. Bei manchen schüttelt man echt den Kopf. Das scheint von Ingenieuren für Ingeniure gemacht zu sein (das Verhalten finet sich allerdings auch bei manchen Künstler, Journalist etc.)

    Das virtuelle Auto halte ich für keine gute Idee - zu verwirrend und gefährlich.

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