KinoEin Sommer im Motel

Ang Lees luftig-leichte Hippie-Komödie »Taking Woodstock« zeigt die Rückseite des berühmtesten Festivals der Welt von 

Das war die Welt der Hippies 1969, ein bunter Traum

Das war die Welt der Hippies 1969, ein bunter Traum  |  © Tobis Film Verleih

Ang Lee hat sich schon wieder ein neues Milieu, eine neue Ära zu eigen gemacht – nun also Woodstock und die späten Sechziger. Man fragt sich bewundernd, ob es eigentlich irgendetwas gibt, das dieser Regisseur nicht kann. Und zugleich bleibt man doch ein kleines bisschen enttäuscht zurück, denn Taking Woodstock ist sicher kein ganz großer Film unter den vielen, die wir Lee schon zu verdanken haben. Gegen den abgründigen Spionage-Thriller Gefahr und Begierde etwa fällt die luftig-leichte Hippie-Komödie deutlich ab. Und von Brokeback Mountain, dem größten Melodrama der letzten Jahre, wollen wir mal gar nicht erst anfangen. Aber müssen sich Genies denn immer selbst übertreffen?

Ein Rätsel, wie jemand so vielfältig erzählen kann: Ang Lees Filmwelt spannt sich auf zwischen Taiwan und Montana, zwischen Jane Austen und Marvel-Comics, zwischen chinesischen Familiendramen im heutigen Hongkong und einer tragischen schwulen Erweckungsgeschichte im Cowboymilieu der Fünfziger. Lee ist der große Melodramatiker, der Gefühls- und Beziehungsregisseur unserer Tage – ein Douglas Sirk ohne Kitsch, der zu seiner und unserer Entspannung gelegentlich auch mal einen Actionfilm macht.

Anzeige

Oder eine leichte Komödie wie diese hier, seine erste seit fünfzehn Jahren, als er mit dem Hochzeitsbankett und Eat Drink Man Woman auf der Szene erschien. Doch diesmal hat Lee sich eine wahre Geschichte vorgenommen – eine Premiere in seinem Œuvre. Es wird erzählt, wie es dazu kam, dass eine halbe Million Hippies in das Kaff Bethel bei Woodstock einfiel, tief im »Borscht-Belt« der Catskills gelegen, wo sonst jüdisch-osteuropäische Einwanderer ihre Sommerfrische zu verbringen pflegen. Dass dieser Film kein ganz großer geworden ist, mag durchaus damit zu tun haben, dass Lee das Material nicht vollkommen gehört. Offenbar braucht er für seine Höhenflüge die Freiheit des Fiktionalen. Diesmal aber bilden die Erinnerungen Eliot Teichbergs den Rahmen, eines eher obskuren, aber entscheidenden Hintermanns des Woodstock-Festivals.

Eliot will eigentlich bloß seinen Eltern helfen, die Zwangsversteigerung ihres heruntergekommenen Motels abzuwenden. Dabei ist es kein Wunder, dass sie vor dem Ruin stehen: Seine dominante Mutter (wunderbar kratzbürstig: Imelda Staunton) und sein unterdrückter Vater (Henry Goodman) sind wohl die ungastlichsten Wirtsleute, die man sich denken kann – wortkarg, bitter, knauserig. Als Eliot, der eigentlich Innenausstatter in New York werden möchte, von einem Musikfestival hört, das in einem Nachbarort an den Vorbehalten der Bewohner gegen die Hippies zu scheitern droht, kommt er auf eine Idee mit Folgen: Sollen die Hippies doch nach Bethel kommen und auf der Wiese der Teichbergs ihr Festival abhalten! Am Ende wird es zwar die Wiese des Nachbarn Max Yasgur werden, weil die Teichberg-Farm in Wahrheit zu weiten Teilen ein Sumpfgebiet ist. Aber das kaputte Motel der Eltern wird tatsächlich zur Keimzelle des größten Ereignisses der Gegenkultur der Sechziger. Die Organisatoren haben hier ihr Büro, einige zentrale Bands steigen in dem Haus ab, und Hunderte kampieren am Ende auf dem Land der Teichbergs.

Doch das ist alles nur der Hintergrund für die Geschichte Eliots, seiner Familie und seiner Freunde. Eliot, gespielt von dem sehr witzigen Comedian Demetri Martin in seiner ersten Rolle, wird zu unserem Führer durch die legendären Tage voller Frieden, Matsch und Musik. Er verliert seine Jungfräulichkeit mit einem der Bühnenarbeiter, er schmeißt seinen ersten Trip, und schließlich lernt er seine Eltern von einer neuen Seite kennen. (Wenn ich richtig gezählt habe, ist dies bereits das dritte schwule Coming-out in Lees Werk – ziemlich bemerkenswert für einen erklärtermaßen heterosexuellen Regisseur, der Vater zweier Söhne ist.)

Die Teichbergs betrachten die langhaarigen jungen Leute mit den auffällig geweiteten Pupillen zunächst voller Verdacht, wie alle in der verschlafenen Gemeinde. Dann jedoch entdecken sie zahlreiche Möglichkeiten, ein gutes Geschäft mit ihnen zu machen, weil es viel zu wenig Schlafplätze und Verpflegung für die in Scharen anreisenden Freaks gibt. Und schließlich werden auch sie kurz vom Geist des Wassermannzeitalters erfasst – mithilfe einiger Kekse mit speziellen Zutaten. Eine der schönsten Szenen des Films zeigt die beiden alten Herrschaften vollkommen stoned und ausgelassen tanzend – vielleicht zum ersten Mal entspannt und befreit, seit die beiden Einwanderer das Schtetl in Weißrussland verlassen haben.

Dies ist kein Woodstock-Film. Wir sehen weder Hendrix noch Joplin, noch die Who. Niemand imitiert Richie Havens. Manchmal wehen zwar einige Akkorde zum »El Monaco«-Motel herüber. Aber hier geht es im Grunde, wie so oft bei Ang Lee, um die Lebenswege einiger nicht ganz normaler Individuen, die vom Wind des Wandels erfasst werden. Diesmal ist es kein Eissturm, der Menschen von ihrem Weg abbringt und ihre Beziehungen zertrümmert – wie in dem gleichnamigen Film. Es ist eine freundliche Brise: Eliot hat sein Coming-out, seine Eltern schütteln die alte Einwandererangst ab, Eliots Freund Billy lernt, mit seinem Vietnamtrauma zu leben, Max Yasgur lernt, die Hippies als höfliche Menschen zu lieben. Und der muskulöse Transvestit und Ex-Marinesoldat Vilma findet seine Lebensaufgabe als Security-Dragqueen im rosa Fummel. Liev Schreiber ist in dieser Rolle der heimliche Held des Films, mit langen blonden Haaren, imposanten Oberarmen und einem Herz aus Gold.

Leserkommentare
  1. Gerade die Unaufgeregtheit und Leichtigkeit des Films, empfand ich als große Qualität, die ihn nicht weniger wertvoll und einzigartig macht wie "Brokeback Mountain" oder "Der Eissturm".
    Das Geschehen und die Figuren werden eher skizziert, als dass sie auf einen großen dramatischen Verlauf hin mit dickem Pinselstrich gezeichnet werden. Manches verdichtet sich, manches bleibt ein Moment am Rand und manches ist einfach nur ein toller Gag. Der Film hat eine angenehme Schärfe, nichts wird ausgetreten oder auf eine eindeutige Gesellschaftskritik hin ausgetreten. Beispielhaft ist die Verhandlung zwischen den Festival-Betreibern und dem Farmer über seine Wiesen für das Konzertgelände, wo zwischen der vermeintlichen Verständlichkeit für die Jugend und einem überbetonten Wir-Gefühl, auch der Reiz des eigennützigen kapitalen Profits aufblitzt. Und in der nächsten Szene schon wieder verschwunden ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Film | Actionfilm | Douglas | Festival | Jane Austen | Hongkong
Service