Den Neuanfang nach dem Jüngsten Gericht muss man sich leise denken, behutsam, unspektakulär. Ende gut hieß Sibylle Bergs furiose Generalabrechnung mit dem Katastrophengebiet Deutschland, die schon vier Jahre vor dem Ausbruch der sogenannten Krise zu einem apokalyptischen Resultat gelangte. Immerhin gab es noch einen utopischen Fluchtweg nach Finnland. Das nächste Werk, Die Fahrt, ließ diverse Romanfiguren über einen ziemlich kaputten Globus irren.

© Hanser Verlag

Diesmal beginnt alles in der Schweiz, Berge und ein See sind nah, und die Welt ist auf eher harmlose Weise dunkelgrau, klamm und verwaschen. Jedenfalls war sie es, wie die erste Kapitelüberschrift verrät, Damals im Winter. Vor vier Monaten. Und doch war sie für die Icherzählerin in Ordnung, die Welt, denn die Ansprüche waren bescheiden: »Jeden Morgen stand ich vor der Tür und freute mich, dass ich die Nacht überlebt hatte, dass alle Häuser sich noch am Ort befanden und der Mann im Bett lag.«

Das kleine, genügsame Glück aber war nicht von Dauer. Deshalb geht es nun hin und her auf der fiktionalen Zeitachse zwischen Damals. Vor vier Jahren und den wechselnden Tageszeiten eines Heute , bis das Jetzt erreicht ist, das die Erzählerin am Bootssteg einer chinesischen Ferieninsel zeigt, mit einem Daseinsgefühl wie »ein Klumpen organischen Gewebes«, einen giftig orangefarbenen Sonnenuntergang vor Augen und das Hirn gebadet in französischem Weißwein, der ihr hilft, »die unglaubliche Langeweile zu vergessen, die die Anstrengung, sein Leben zu gestalten, mit sich bringt«.

Das ist Sibylle Berg, wie wir sie kennen, die Expertin des Ennui, die Kassandra des Klamaukzeitalters, die einzige unbeirrbare Propagandistin des Vanitas-Gedankens in der neueren deutschsprachigen Literatur. Die aber nie verleugnet, dass ihre schwarzgalligen Diagnosen des Niedergangs und der Vergeblichkeit nur die Kehrseite der Sehnsucht nach dem Schönen und Guten, Freundlichen und Menschlichen sind. In ihrem neuen Roman Der Mann schläft kleidet sie diese Sehnsucht in sanft melancholische, moderat maliziöse Bilder.

Die Heldin, eine unscheinbare Frau mittleren Alters, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Gebrauchsanweisungen verdient, erkennt im Rückblick, dass sie etwas Kostbares gefunden und wieder verloren hat – eine besondere und zweifellos im Lichte landläufiger Betrachtung sonderbare Art von Liebe. Nämlich nicht das, »was uns französische Filme zeigten, Begierde, nächtelange Diskussionen über Gefühle, um die Leidenschaft wieder zu beleben, Geschlechtsverkehr unter regennassen Laternen, viel, viel Leiden und am Ende schweigendes Sitzen in einer französischen Küche, dann steht einer auf und geht, ohne die Tür zu schließen«. Nicht das also, sondern etwas anderes, eine Liebe, »die ruhig und still verlief, die freundschaftlich war und eine gewisse Niedlichkeit ausstrahlte«.

Das Adjektiv niedlich, das Sibylle Berg sehr schätzt, war in der Rokokozeit besonders beliebt. Sein Gebrauch hatte damals noch nichts Verkleinerndes, sondern ließ die Herleitung vom lateinischen nitidus erkennen, das unter anderem proper, ansehnlich, gefällig, glänzend bedeutet. Ganz in diesem Sinne bekennt die Erzählerin: »Vielen in den mittleren Jahren war jede Niedlichkeit abhandengekommen, und eine meiner großen Sorgen war es gewesen, gleichfalls zu einer unerfreulichen Person zu werden, mit schlechtem Geruch und gelber Ausstrahlung.« Gerade noch rechtzeitig erschien »der Mann«, den sie niemals anders nennen wollte, »da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt«.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme war er nach gut dreieinhalb gemeinsamen Jahren plötzlich verschwunden. Kehrte während eines Urlaubs auf besagter Insel vom Zeitungholen nicht mehr zurück. Die Frau, verzweifelt, versucht das Geschehen zu ergründen. Sie beschreibt den Mann, schildert die Eigenart der Beziehung.