Sibylle Berg Sehnsucht nach dem GutenSeite 2/2

Und da sie ein Geschöpf von Sibylle Berg ist, beobachtet sie außerdem die Welt und bilanziert deren besorgniserregenden Zustand, berichtet von Begegnungen mit seltsamen und traurigen Zeitgenossen, mit Selbstmördern und Gestörten, in China wie in Europa, es nimmt sich nichts: »Die Menschen hatten ihre niedlichen Momente, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass die meisten von überwältigender Einfalt und Niedertracht waren.«

Eine Ausnahme war »der Mann«. Er war rothaarig, groß und massig von Gestalt, ging einem »holzverarbeitenden Beruf« nach, und noch nie hatte die Frau jemanden getroffen, der »der Welt so wohltemperiert begegnete wie der Mann«. Er war nicht schön, nicht reich, nicht besonders charmant und kein großer Redner, aber er war der Frau mit wunderbarem Gleichmut beständig zugetan, und er machte beim Schlafen kleine Geräusche, »die schöner waren als alle, die ich kannte, weil sie einer machte, den man mochte, und weil er doch leben musste, um Geräusche zu machen, die mir ein Zelt bauten in der Nacht«.

Sie jedoch, die Frau, hat gegen die Geborgenheit aufbegehrt, die sie bei ihm empfand, hat schon in den ersten Wochen die Nachttischlampe nach ihm geworfen und ihn in den letzten Stunden, bevor er verschwand, mit schlechter Laune traktiert. Dazwischen aber, bevor sie auf die »unselige Idee« der weiten Reise kam, war ihre Zuneigung »wie ein freundlicher Fluss, der ab und zu über die Ufer trat«, und die Schilderung jener Zeit ist voll poetischer und skurriler Berg-Aperçus, die das abgegriffene Thema »Liebe« neu und schräg beleuchten.

Das Ende ist diesmal also nicht gut – oder doch? Als nur noch der französische Weißwein die Verlassene davon abhält, sich ins Südchinesische Meer zu stürzen, hat sie eine zarte Halluzination, die als Hoffnungsschimmer taugt. Auf jeden Fall ist dies der niedlichste Roman, den Sibylle Berg bisher geschrieben hat.

 
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