Ralf Bönt

Literarische Volkshochschule

Ralf Bönts Roman spekuliert mit dem neuen Bedürfnis nach gepflegter Bildungsplauderei

Es gab einmal populäre Jugendschriften, die Der gute Kamerad hießen oder Die großen Momente im Leben genialer Erfinder. Sie waren ausschließlich für Jungs bestimmt, denn die basteln gerne und machen Experimente, mit aufglühenden Lämpchen und explodierenden Pulvern und Gleich- wie Wechselstrom. Ralf Bönt hat sich für sein neues Buch offenkundig dieses Genre zum Vorbild genommen.

Ralf Bönt, geboren 1963 in Lich, lebt in Berlin

Ralf Bönt, geboren 1963 in Lich, lebt in Berlin

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Die Entdeckung des Lichts ist zwar ein feuilletonistisch geschmeidiger und vielleicht sogar emotional aufreizender Titel, aber man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Um die Entdeckung des Lichts geht es ausschließlich im streng physikalischen Sinn, und es wird dabei eine Bogenlampe errichtet zwischen Michael Faraday, dem englischen Hofphysiker, dessen blitzableitender Käfig sprichwörtlich geworden ist, und Albert Einstein, der zeitlebens die Lichtgeschwindigkeit im Visier hatte. Wir erfahren dabei viel über Elektrodynamik und elektromagnetische Wellen, und dass der Autor des Buches selbst Physiker ist, merkt man vor allem an der Lust, mit der er Eisenspäne sich um einen Magneten gruppieren lässt und die diversen Felder und Ausrichtungen beschreibt: Das ist des Guten Kameraden durchaus würdig.

Bönts Roman bildet eine recht merkwürdige Versuchsanordnung. Zunächst referiert er ausführlich die Lebensgeschichte jenes Michael Faraday, und das liest sich tatsächlich wie ein Jugendroman. Aus welch kleinen Verhältnissen dieser große Forscher stammt, wird durch das Handwerk des Grobschmieds, dem der Vater nachgeht, sowie anhand von Rindern und Schafen im abgelegenen Westmorland beschaulich aufgezeigt. Die Dürre 1788 führt zur Entscheidung, das Glück im großen London zu suchen, und weil all dies in der Zeit der französischen Revolution stattfindet, tauchen auch immer wieder Soldaten auf. Die politischen Umstände werden in einem kindlich naiven Erzählton gestreift, mit dem Blick der einfachen, guten, redlichen Leute, zu denen die Familie Faraday zweifellos zu zählen ist. Außerdem gehört sie den strenggläubigen Sandemaniern an. Da Michael sich als anstellig erweist, wird er von einem Buchbinder als Laufbursche eingestellt und darf danach eine Lehre machen. Es geht Schritt für Schritt: Weil ihm in einer herzerweichenden Szene sein Bruder einen Schilling gibt, darf er den Vortrag eines aufklärerischen Gelehrten über neueste Forschungen besuchen. Schnell macht der junge Michael durch seine Intelligenz auf sich aufmerksam, und bald gehört er selbst zu den führenden Forschern.

Im letzten Drittel des Romans wird dasselbe anhand des jungen Albert Einstein durchexerziert. Bereits der Neunjährige erweist sich als äußerst aufgeweckt. Einmal öffnet sein Onkel das Fenster und ruft nach seinem höchstens viereinhalb Meter entfernten Angestellten: »Selbst wenn es sechs Meter gewesen sein sollten, mussten sie deshalb nach weniger als zwei Hundertstelsekunden vom Schall erreicht worden sein, dachte Albert.« Und wie es halt in diesem Alter so ist: »Nie wussten die Erwachsenen, wovon sie redeten.«

Derlei Stellen laden durchaus zur Identifikation ein, aber für wen? Der Autor genießt diese Form von erlebter Rede durchaus, dieses Hineingleiten in einen kindlichen, welterforschenden Blick, doch die Konstruktion ist sehr wacklig. Die ständigen leitmotivischen Verweise auf das Genie seiner Helden wirken genauso aufdringlich wie sein oft eher ungelenk, aber humorvoll eingestreutes Wissen aus zweihundertjährigem Abstand. Der Autor ist durchaus allwissend und versucht, das durch kleine postmoderne Brechungen der Form einzupassen, dennoch war da bereits Jean Paul um einiges raffinierter.

Manchmal ist dem Text sein etwas kauziger Legendenton selbst nicht ganz geheuer. Dass Michael Faraday irgendwie auch eine Pubertät durchlebt und auch außerhalb physikalischer Fragestellungen Regungen zeigen könnte, passt nicht so recht ins Konzept, muss aber wohl thematisiert werden. Also heiratet er schnell die Sandemanierin Sarah. Mit deren viel jüngerem Bruder George schließt er sofort Freundschaft, und George ist dabei, als Faraday in seinem Labor jubilierend zum ersten Mal die Rotationsbewegung des elektrischen Stroms feststellt: »Er brachte George in die Paternoster Road und eilte umgehend nach Hause, wo er dessen Schwester vorfand und sie innig küsste, ohne es, um ein Mindestes zu sagen, dabei zu belassen.«

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Leser-Kommentare

  1. Scheint sich gut zu verkaufen, das Buch. Wenn man dem amazon ranking irgendeinen Wert beimisst jedenfalls. Ehrlich gesagt wundert es schon sehr. dass der Rezensent hier offenbar nur die Hälfte des Buches erzählt. Die Konkurrenz schrieb: "Einer der schärfsten Geister seiner Zeit, verlor Faraday zunehmend die Kontrolle über seine Arbeit, seine Konzentrationsfähigkeit, schließlich sogar das eigene Gedächtnis." Klint irgendwie spannend. Wollten Sie das den Zeit-Lesern unbedingt vorenthalten?

  2. Ich schließe mich an. Auf der website des Verlages gibt es übrigens eine Leseprobe. Es ist schon eine Verschwendung von Zeit und Aufmerksamkeit, eine Rezension zu lesen, die offensichtlich nicht informieren will. Hätte ich hier gar nicht vermutet.

  3. da jemand fleißig K. A. Schenzinger gelesen hätte...

    • 04.09.2009 um 22:39 Uhr
    • eeee

    Endlich wird dieser ungefähr zweitdümmste und -langweiligste Beitrag zum Bachmann-Wettbewerb hier einmal richtig eingeordnet. Herr Bönt möchte uns mit seinen banal erfundenen Kindergeschichtchen wohl etwas lehren über sein unergründliches und unermessliches Vorherrschaftswissen?

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  • Von Helmut Böttiger
  • Datum 4.9.2009 - 09:09 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 03.09.2009 Nr. 37
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