Die Stunde Malalai Joyas schlug am 17. Dezember 2003. Unter einem großen, von Deutschland bereitgestellten Zelt trafen sich Delegierte aus ganz Afghanistan zur Loja Dschirga, der großen Ratsversammlung. Es ging darum, dem Land eine Verfassung zu geben, einen Grundstein für eine bessere Zukunft. Die Taliban waren im Herbst 2002 von der Macht vertrieben worden, der Westen hatte Soldaten entsandt, viel Geld ins Land gepumpt und politische Berater en masse geschickt. Jetzt, so hieß es, sollten die Afghanen ihrem Land selbst einen demokratischen Rahmen geben. Da stand die 25-jährige Joya auf und sagte: "Ich kritisiere an euch, meine Landsleute, dass ihr nicht an der Legitimität und Rechtmäßigkeit dieser Loja Dschirga zweifelt, weil hier auch die Verbrecher teilnehmen, die unser Land in diesen Zustand gebracht haben. Warum gestattet ihr diesen Verbrechern die Teilnahme? (…) Sie haben unser Land ins Elend gestürzt, und sie wollen es wieder tun! Ich glaube, dass wir das nicht zulassen sollten!"

Kaum hatte Joya geendet, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die junge Frau wurde auf offener Bühne beschimpft und bedroht von Männern, die das Handwerk des Tötens verstehen, den Kriegsherren. Damals begann Joyas "Karriere" als öffentliche Figur, und es begann ein Leben in Angst, denn die Kriegsherren machten keinen Hehl daraus, dass sie Joya aus dem Weg räumen wollten.

Die Atemlosigkeit eines gehetzten Tieres drückt Joyas Buch den Rhythmus auf. Man liest, und ein Gefühl der Beklemmung befällt einen. Immer wieder muss man sich vergegenwärtigen, dass diese Geschichte in einem Land spielt, das de facto ein Protektorat des Westens ist. Hier ist es möglich, dass Joya, die 2004 als Abgeordnete in das afghanische Parlament entsandt wird, von ebendiesem Parlament suspendiert wird, weil sie nicht aufhört, die Verbrecher anzuklagen, die seelenruhig auf den Bänken des Parlaments sitzen, so als seien sie immer schon Demokraten gewesen. Hier ist es möglich, dass Joya zu einer Unberührbaren wird, nur weil sie die Wahrheit ausspricht.

Nun ist Joya gewiss eine unbequeme Person, und ihre Leidenschaft schlägt ziemlich wahllos um sich. Sie erinnert dabei an ebenjene afghanischen Frauen, die sie selbst als "schlafende Löwinnen" beschreibt, die, einmal aufgewacht, wild, mutig, tapfer und stark seien. Das alles ist Joya, doch ein leises Unbehagen macht sich breit, wenn sie zum Beispiel die ausländischen NGOs pauschal als korrupt verwirft. Wo sie mit ihrer Pranke zuschlägt, da wächst kein Gras mehr.

Das ist verständlich und eine mehr als lässliche Sünde. Joyas Buch verdient es aus ganz anderen Gründen, viele Leser zu finden. Wer es liest, bekommt eine Ahnung von den verpassten Chancen, der erkennt auch, wie wenig ernst es dem Westen mit seinem Demokratieprogramm Afghanistans ist. Das afghanische Volk, das geht aus Joyas Buch hervor, war nach dem Sturz der Taliban bereit zum Wandel, zu einem Neuaufbruch. Doch wurde er erstickt, auch durch eine westliche Politik, die glaubte, sich auf die Kriegsherren verlassen zu müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Wut darüber bringt Joya zum Beben, das spürt man auf jeder Seite.

Das tut dem Buch mitunter nicht gut, doch sollte man es mit einem kühlen Auge lesen, dann zieht man den größten Gewinn daraus. Joya nämlich formuliert durchaus bemerkens- und vor allem bedenkenswerte Sätze über Afghanistan. Nicht eine Invasion aus dem Westen bringe den Menschen Freiheit, sondern "die Entwicklung unserer eigenen Gesellschaft, ein eigenständiger politischer Prozess und der Kampf demokratischer Kräfte, die für ihre Überzeugungen den Tod in Kauf nehmen". Kurzum: Afghanistan braucht diese Intervention des Westens nicht. Die streitbare Joya bringt dafür viele gute Argumente.