Zu diesem Beckmann kommt man nur mit dem Schiff. Mit der Rungholt. Oder der Uthlande. So heißen die Fähren, die von Dagebüll nach Wyk auf Föhr fahren. Von da aus sind es vier Kilometer nach Alkersum, wo seit Kurzem dieser ganz frühe Beckmann hängt, Strandlandschaft bei beginnender Flut . Noch ganz malt er hier die dunklen Umrisslinien, die das fahle Grau und Braun von Meer und Düne unter dem stumpfen Himmel strukturieren. Wie kommt so ein Kleinod in ein friesisches Inseldorf mit gerade mal 400 Einwohnern?

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Ein Schwede hat es hergebracht, Frederik Paulsen jun., der Chef des Pharmakonzerns Ferring. Seine Großeltern stammen aus Föhr; sein Vater, der Firmengründer, floh 1935 vor den Nazis nach Schweden, ehe er im Alter nach Alkersum zurückkehrte, wo er 1997 starb. Pünktlich zu Papas 100. Geburtstag hat nun der Sohn der kleinen Gemeinde, der Insel, ja ganz Nordfriesland, dessen eigenbrötlerische Kultur und Sprache der Vater zeitlebens förderte, ein 13,2 Millionen Euro teures Geschenk gemacht: das Museum Kunst der Westküste. Kein putziges Dorfmuseum ist das, sondern ein hochmodernes, ausgewachsenes Kunstmuseum, das internationalen Ansprüchen genügt, ohne den winzigen Ort zu sprengen, in dessen Mitte es liegt. Kein das Stifter-Ego feiernder Architektur-Solitär wurde hier abgeworfen, sondern vom Büro Sunder-Plassmann ein Ensemble aus sechs ganz unterschiedlichen Gebäuden komponiert, die zusammen eine Art friesische Moderne begründen. Der alte Dorfgasthof, in dem die legendäre Wirtin Grethjen Hayen schon im 19. Jahrhundert den ein oder anderen Maler beherbergte, wurde im historisierenden Gewand neu aufgebaut, inklusive des großen Saals für die Dorffeste, damals wie heute. Darum scharen sich Neubauten, die sich an dörflichen Bautypen orientieren, etwa eine reetgedeckte Scheune, aber auch zwei schlichte rechteckige Kisten im grob abgeputzten Gewand aus gelbem skandinavischem Klinker.

Darin werden 270 der rund 500 Werke umfassenden Sammlung von Paulsen junior gezeigt. Erst seit gut zehn Jahren sammelt der Mann systematisch, aber weil er gut beraten ist und sich zu konzentrieren weiß, kann sich das Ergebnis schon jetzt mehr als sehen lassen. Maritime Motive von der Westküste der Nordsee, von Holland über Nordfriesland und Dänemark bis hinauf nach Norwegen aus der Zeit von 1830 bis 1930 sind das Thema. Klingt vielleicht monoton, immer nur Sand und Wellen, aber wie das Meer selbst und der Himmel darüber sich in jeder Sekunde verändern, so ist auch die maritime Malerei proteisch. Flautenglatt oder stürmisch bewegt kann sie sein; mal zeigt sie die See als Katastrophenort und knallharten Arbeitsplatz, später dann als Sommerfrische für abgebrühte Großstädter, die sich an der Küste und erst recht in den Bildern davon eine idyllische Naturnähe zusammenfantasieren.

Die Salonhängung im ersten Saal, in dem sich die Bilder in Dreierreihen übereinanderschichten, gibt einen Eindruck von den tausendundein Möglichkeiten, das Meer zu sehen – und erlaubt es zugleich, auch schwächere Arbeiten zu zeigen, ohne dass sie von den Meisterstücken der Sammlung, Max Liebermanns perfekt hingehuschten Badenden Knaben etwa oder Peter Severin Krøyers in Licht aufgeweichten Fischern am Strand von Skagen denunziert werden. Am Ende des Parcours durch die vielgestaltigen Räume hat der Gründungsdirektor Thorsten Sadowsky zwei, drei zeitgenössische Arbeiten platziert – ein dezenter Hinweis darauf, dass auch die Gegenwart in der Zukunft des Museums eine Rolle spielen kann und muss.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Gegenstände der Sammlung und die Gegend um das Museum herum einander entsprechen, ist frappierend. Auf den weißen Rollos vor den Oberlichtern malen Sonne und Wolken ihre eigenen Schatten-Gemälde; und das der Wattwanderungen und Strandkorbtage überdrüssige Publikum stürzt sich begierig in die gerahmten Fluten aus Öl- und Aquarellfarbe. Sogar vom benachbarten Sylt, wo man sich doch so gerne selbst genug ist, kommen die Besucher inzwischen herüber, um sich die Augen öffnen zu lassen. Doch auch für diese Jetsetter gilt: Wer so viele verschiedene Meere in einem Dorf sehen will, muss erst mal ein Schiff besteigen.