Autorenkino Filmen ist wie Schmetterlinge sammeln

Ein Besuch bei Agnès Varda, der Strandliebhaberin, Fotografin, legendären Filmemacherin, Pionierin des französischen Autorenkinos und Mutter der Nouvelle Vague

Eine Romanfigur ist wie ein Spiegel - das Zitat des Schriftstellers Stendhal überträgt Varda auf ihre Filmfiguren

Eine Romanfigur ist wie ein Spiegel - das Zitat des Schriftstellers Stendhal überträgt Varda auf ihre Filmfiguren

Auch wenn sie ihn nicht mehr hören kann, der Titel ist einfach zu schön, um ihn zu unterschlagen: »Mutter der Nouvelle Vague«. 1954 drehte die Fotografin Agnès Varda mit wenig Geld und so gut wie keiner Kinoerfahrung La Pointe Courte, den Film, der sie zur Pionierin des französischen Autorenkinos machte. Mit einer für jene Zeit überraschend beweglichen Kamera folgt sie einem Paar, das durch das französische Fischerdorf Sète spaziert und über seine Gefühle spricht, während dokumentarische Szenen den Alltag der Fischer, deren Nöte und Ängste schildern. Gedreht wurde der Film mit dem befreundeten Theaterschauspieler Philippe Noiret in seiner ersten Kinorolle und einem jungen Cutter namens Alain Resnais. Es war der Beginn einer neuen erzählerischen Freiheit, der Beginn eines Kinos, das den Alltag, das Leben, die Wirklichkeit in seine Geschichten einziehen lässt. Diese Haltung sollte zum künstlerischen Credo einer jungen Regisseurgeneration werden. »Die Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit war etwas Neues«, sagt Agnès Varda, »aber dass ich die künstlerische Mutter von Jean-Luc Godard, François Truffaut und Claude Chabrol sein soll, schien mir immer übertrieben.«

Varda sitzt beim Frühstück in ihrer Küche in der Pariser Rue Daguerre. Eine kleine 81-jährige Frau und Legende des französischen Kinos, die schon mit dieser Topffrisur auf die Welt gekommen sein muss. Während sie ihre Besucherin nötigt, chouquettes, ein französisches Zuckergebäck, zum Café zu nehmen, veranstalten vier winzige Katzenkinder im Hintergrund einen Riesenrabatz. In dem rot gestrichenen Haus lebte Varda fast ein halbes Jahrhundert mit ihrem Mann, dem Filmregisseur Jacques Demy. Hier wuchsen ihre Kinder auf, nebenan ist ihre Produktionsfirma, auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihr Schneideraum. Es ist eine kreative Idylle inmitten eines kleinbürgerlichen Pariser Viertels am Friedhof von Montparnasse.

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Varda ist guter Dinge. Ihr neuer Film Die Strände von Agnès , in Frankreich bereits ein Erfolg, kommt nächste Woche in die deutschen Kinos. Und das Berliner Kino Arsenal ehrt die Regisseurin ab 4. September mit einer dreiwöchigen Retrospektive. Beides ergänzt sich aufs Wunderbarste, denn auch Die Strände von Agnès ist im wahrsten Sinne ein Lebenswerk.

Am Anfang des Films stellt Varda am Strand von Noirmontier Spiegel auf. Darin sieht man die Wellen, den Sand, den Himmel, die Köpfe ihrer Mitarbeiter und auch sie selbst. »Stendhal hat gesagt, eine Romanfigur sei wie ein wandelnder Spiegel«, sagt Varda. »Und der Spiegel ist das Werkzeug des Selbstporträts.« Indem sie in diesem Film durch ihre eigene Biografie und ihre Filme wandelt, indem sie inszenierte und dokumentarische Szenen mischt, alte Bekannte trifft und neuen begegnet, wird sie selbst zu einem Spiegel der Kinobilder, Menschen, Geschichten, ja einer ganzen Kulturepoche. Sie geht zurück in die militanten Sechziger und Siebziger, als sie für das Recht auf Abtreibung kämpfte und einen Dokumentarfilm über die Black Panther drehte. Sie besucht Marin Karmitz, ihren damaligen Assistenten bei La Pointe Courte , längst einer der mächtigsten französischen Produzenten und Kinobetreiber. Um zwei Lebensabschnitte zu verbinden, segelt sie mal eben mit einem Bötchen auf der Seine nach Paris. Und wenn der enge Hof, in dem man damals in Paris wohnte nicht mehr existiert, wird er eben unbekümmert mit einem Pappauto und Pappkulissen nachgestellt. »Cinécriture« nennt Agnès Varda ihr Verfahren, bei dem sich Gedanken und Text zu einer Bildererzählung fügen, die ihren Zusammenhalt, ihre Scharniere und den letzten Kitt während einer neunmonatigen Montage erhält. Das mag sich nach essayistischer Schwerstarbeit anhören, ist aber ein tänzelnd und suchend voranschreitendes Filmgedicht. »Ich will Zeugnis ablegen, aber heiter, wie ein Schmetterlingssammler, der die besten Erinnerungen in seinem Netz fängt«, sagt Varda, während sie die sich balgenden Kätzchen trennt. »Noch eine chouquette? «

Leitmotiv von Die Strände von Agnès sind die Strände eines Lebens: die belgische Küste von Vardas Kindheit, das Mittelmeer bei Sète, wo sie ihre Jugend verbrachte. Dann Paris, wo sie vor ihrem Haus in der Rue Daguerre einen künstlichen Strand aufschüttet. Der Strand von Los Angeles, wo sie eine Weile mit ihrem Mann lebte. Und der Strand von Noirmontier, wo die Familie ihre Ferien verbrachte. Vardas warme Stimme führt durch diese Orte und durch die Jahrzehnte, mit Assoziationen, Fragen und kleinen Exkursen.

Schon immer hatten ihre Filme diese Durchlässigkeit und Neugier, wurden Gänge zu Exkursen und schließlich zu Weltbetrachtungen. In Cléo von 5 bis 7 (1961) folgt Varda einer jungen Frau zwei Stunden lang durch Paris, vom Besuch bei einer Wahrsagerin bis zu einer Krebsdiagnose. Der Film ist auch der Spiegel der Stadt in einem präzisen Moment: ihrer Mode, ihrer Cafés, der politischen Stimmung zwischen Existenzialismus und Algerienkrieg. In Vogelfrei (1985) zieht sie mit Sandrine Bonnaire in der Rolle einer Obdachlosen durch das winterliche Südfrankreich. Aus langen horizontalen Kamerafahrten entsteht das Bild einer Region, ihrer Natur, ihrer Bewohner und deren Fremdenfeindlichkeit. Der Sammler und die Sammlerin (2000), ein Dokumentarfilm über Abfallsucher und Restesammler, öffnet sich zu einem Panorama, das von der Verschwendungssucht einer Gesellschaft bis zu Vardas Reflexion der eigenen Vergänglichkeit reicht.

Dass das Kino auch ein ganz persönliches Gedächtnis sein könne, sei ihr erst wirklich klar geworden, als sie 1990 Jacquot de Nantes gedreht habe – einen unendlich zärtlichen Film über ihren sterbenden Mann Jacques Demy. »Jacques merkte sich alles, als er starb, wurde das Kino mein Gedächtnis.« In Die Strände von Agnès sagt sie am Morgen nach ihrem achtzigsten Geburtstag den schönen Satz: »Ich erinnere mich, wenn ich filme.«

Beim Abschied macht Agnès Varda ein Foto von der Besucherin. »Ich vergesse immer mehr Namen und Gesichter«, sagt sie ganz unsentimental. » Die Strände von Agnès sollten etwas dem Vergessen entreißen, das ich nächstes Jahr vielleicht nicht mehr filmen kann.« Man hofft, man wünscht, dass sie bald und am besten gleich morgen ihren nächsten Film beginnt.

 
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