Die Autofahrt, an deren Ende Männer mit geladenen Gewehren auf mich warten, führt mich über Landstraßen Niedersachsens . Ich fahre zum Schützenverein von Rahmsburg. Ich werde mich als jemand ausgeben, der ich nicht bin – als ein Student aus Hamburg , der sich für Waffen interessiert und das Schießen lernen möchte. In Wirklichkeit bin ich Journalist und arbeite undercover. Ich will über die Welt der Schützen schreiben und gleichzeitig in sie eintauchen. Ich will feststellen, wie viel Macht eine Waffe über mich hat. Die Schützen werden diesen Artikel vermutlich nicht mögen. Als Journalist schreibt man öfter Dinge, die von den Betroffenen nicht gemocht werden, aber meistens sind diese Betroffenen keine ausgebildeten Schützen. Mir wird warm. Ich schalte die Klimaanlage ein.

Rahmsburg ist ein Dorf aus weißen Fertighäusern, wo Bauern leben und ehemalige Hamburger, die ins Grüne gezogen sind. Kühe grasen friedlich wie in der Reklame. Bodennebel liegt über den Weiden. Ich fahre vorbei an Waldauen bis hinein in die Gassen von Rahmsburg, wo es nach verbranntem Holz riecht und mein Auto von Hofhunden verbellt wird.

Rahmsburg heißt eigentlich nicht Rahmsburg, ich habe den Namen verändert, wie auch die Namen aller Menschen in dieser Reportage, um sie zu schützen. Ich habe die Rahmsburger Schützen im Internet ausgesucht. Rund 300 Mitglieder haben sie, Frauen schießen mittwochs, Männer donnerstags. Man sieht auf der Internetseite schnauzbärtige Männer in Trachtenuniformen, die übergroße Orden auf der Brust tragen, Schießgewehre und Bierkrüge in der Hand. Die Fotos sind vom letzten Jahr, aber es liegt eine Zeitlosigkeit über ihnen, wären sie nicht bunt, sondern schwarz-weiß, sie könnten auch von 1952 sein oder von 1884. Wer die Tradition der Waffenfreunde erkunden will, so scheint es, der sollte nach Rahmsburg fahren.

Das Vereinshaus steht am Dorfrand unter hohen Buchen, unweit des Tennisvereins und einer feuchten Ziegenweide. Als mein Wagen über den Schotterkies des Parkplatzes rollt, ist es schon dunkel, und durch die Fenster des Vereinshauses dringen schwaches Licht und tiefes Männerlachen. Ohne zu klopfen, öffne ich die Tür. Die Schützen sitzen mit dem Rücken zu mir am Tresen. Sie tragen Schnauzbärte und die Haare im Nacken lang, ihre Bäuche hängen über die Gürtel, aus Aschenbechern steigt Rauch auf, "Kalle, erzähl noch mal von dem Bundeswehrmanöver, wie du mit deinem Boot da reingeraten bist", ruft einer, Gelächter bricht aus, Biergläser klirren aneinander, und ich sehe Wände, die bedeckt sind mit Pokalen und Urkunden. Auf halber Strecke zwischen Tür und Tresen bleibe ich stehen. "Guten Tag", sage ich. Es wird still.

"Können wir Ihnen helfen?"

"Ich hatte angerufen." Ich zögere. "Ich will schießen lernen."

Sie schauen mich irritiert an. Ich trage Turnschuhe, sie tragen Wanderstiefel, ich trage ein gebügeltes Hemd, sie tragen T-Shirts mit Schriftzügen vom örtlichen Baumarkt. Vielleicht ist es ein bisschen so, als würde ein Mann in Trachtenuniform in einer Studentenkneipe auftauchen und fragen, ob er sich dazusetzen dürfe.