Klaus Staeck sieht jünger aus als 71 Jahre, viel jünger. Fast könnte man meinen, da muss ein Konservierungstrick dahinterstecken, dass dieser Mann auf allen Bildern quer durch die Jahrzehnte nahezu unverändert wirkt. In den siebziger Jahren, als er mit Willy Brandt durch die Lande zog, in den Achtzigern, als er mit Helmut Schmidt und Johannes Rau und Oskar Lafontaine für die SPD kämpfte. In den Neunzigern ist er an der Seite von Scharping, Schröder und immer wieder Lafontaine zu sehen. Im neuen Jahrhundert heißen die Männer an seiner Seite Schröder, Müntefering, Beck, Steinmeier und auch mal Heiko Maas, für den er kürzlich schnell ins Saarland reiste, als kleine Wahlkampfhilfe. Immer und überall Klaus Staeck, groß und schmal, mit hellen, schütteren Haaren, alterslos. Der Rücken stets gerade, der Kopf nach oben gereckt, ein bisschen ähnelt er einem Känguru, das durch die deutschen Jahrzehnte gehüpft ist.

Klaus Staeck ist studierter Jurist und als Designer bekannt geworden durch seine satirischen Plakate, die Millionenauflagen erreichten, er hat einen eigenen Kunstverlag, und er ist seit drei Jahren Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Aber wir haben ihn wegen dieser alten Fotos besucht, wegen seines ewigen Kampfes für die SPD. 2010 wird er fünfzig Jahre Parteimitglied sein. Er gehört also zu den Ausnahmen: Er ist keiner, der die Parteibindung verloren hat, er ist kein Politikverdrossener, keiner, der sich nicht engagiert. Er ist also nicht schuld an der immer geringer werdenden Wahlbeteiligung und an den immer kleiner werdenden Zustimmungsraten für die Demokratie. Und trotzdem steht einer wie er in der öffentlichen Wahrnehmung wahrlich nicht heldenhaft da. Der Diener einer Partei? Kaum etwas wirkt weniger sexy. Gibt es einen größeren Kontrast: ein freier, unabhängiger Kopf und ein Parteisoldat, und das auch noch in einer altmodischen Partei? Es ist ein Paradox: Gerne werden die fehlenden Bindungen an politische Institutionen beklagt, aber noch lieber amüsiert man sich über die, die drinstecken in solchen Einrichtungen.

Wir haben mal im Jahr 2004 auf einem SPD-Parteitag im Saarland folgende Szene beobachtet: Franz Müntefering, auch damals Parteivorsitzender, zog in einen Saal ein, in dem ziemlich weit vorne auch Oskar Lafontaine Platz genommen hatte, damals noch in der SPD. Neben Lafontaine saß Klaus Staeck. Müntefering ging unter viel Beifall durch die Reihen und blieb dann stehen, Staeck erhob sich, Lafontaine auch. Müntefering gab Staeck die Hand, Lafontaine nicht und ging weiter. Im Grunde war es in diesem Moment klar, wie es weitergehen musste mit Lafontaine und der SPD. Man hatte den Eindruck, das Einzige, was die beiden Genossen noch verband, war die Nähe zu Staeck, dem treuen Unterstützer. Kurz fürchtete man, Staeck könnte die Kälte dieses Augenblicks nicht ertragen. Aber diese Sorge war ein bisschen naiv, Klaus Staeck kennt sich aus mit sozialdemokratischen Parteifeinden. Scharping, Schröder, Beck: Immer war er es, der als Letzter mit allen auskam.

Ein Samstagnachmittag in seinem Büro in der Akademie der Künste, dritter Stock, unten liegt der Pariser Platz, aus den riesigen Fenstern kann man die Geher der Leichtathletik-WM beobachten, die in ihrer lustigen Gangart am Brandenburger Tor vorbeiwackeln. Staeck holt aus dem Nebenzimmer eine halb volle Flasche Mineralwasser, später noch eine frische zweite. Ja, sagt er, sein Leben lang habe er sich wegen seiner SPD Fragen anhören müssen. Schon früh, in den Siebzigern, hätten Designerkollegen wissen wollen, warum er das mache. »Einer sagte mal, okay, wenn du Geld für die Plakate bekommst, dann verstehe ich es. Nein, antwortete ich, ich bekomme nichts von der SPD, gar nichts. Ich mache es, weil ich mich engagieren möchte. Verstanden haben das nur wenige. Geld, ja, aber Engagement?« Später, sagt er, kamen die Fragen, ob er denn noch in der SPD sei. Und jetzt, ja, in letzter Zeit werde dem Wort »noch« ein »immer« vorangestellt. Herr Staeck, immer noch?

Er erzählt von seinem engen Freund Joseph Beuys, mit dem er sich nur einmal heftig zerstritten hatte, »da hatten wir eine Zeit lang Funkstille«. Beuys hatte die Grünen mitgegründet und war der Ansicht, Staeck solle auch dabei sein, also kam man sich in die Haare. Staeck blieb Genosse, natürlich, und heute sagt er, dass er wenige Tage vor Beuys’ Tod noch mal mit ihm gesprochen habe, »er war nicht ausgetreten bei den Grünen, aber er war fertig mit ihnen. Seine Beziehung zu der Partei war am Ende.« Er sagt es nicht, aber es klingt so: Ich hatte damals recht, nicht Beuys. »Schauen Sie doch, was aus vielen Grünen geworden ist. Ich meine das gar nicht böse, aber all das hätte man sehen können, es war klar, was aus den Grünen werden wird.« Nein, nein, er habe es sich damals schon gut überlegt, warum er in die SPD eingetreten sei, »und diese Entscheidung steht«.

Zweifel sind nicht so sein Ding, das wird schnell klar. Staeck ist eher der Typ: Ein Mann geht seinen Weg. Konsequenz, das ist seine Welt. Er verwendet häufig die Formulierung »in der Konsequenz heißt das…«. Zum Beispiel, dass er mit Oskar Lafontaine nichts mehr zu tun haben will nach dessen Übertritt zu den Linken. Zum Beispiel, dass er auch als Akademiepräsident der Bild- Zeitung keine Interviews gibt. Und dass die SPD auch deshalb seine Partei ist, weil es konsequente einfache Sozialdemokraten gab, die wegen ihrer Überzeugung ins KZ gingen.