Hamburg, ein Vierteljahrhundert nach der Hafenstraße. Hausbesetzung, mitten in der großen Stadt: Dass wir das noch einmal erleben dürfen! Aber alles ist so anders als damals. Keine Megafone, keine Wasserwerfer, kein Häuserkampf, keine Volxküche. Und die größte Drohung der Besetzer ist diesmal kein »Wir bleiben!«, sondern die bange Frage mit Buntstift auf Pappe: »Müssen wir alle nach Berlin gehen?«

An die 200 Hamburger Künstler halten seit dem vorvergangenen Wochenende unweit der Alster die Reste des historischen Gängeviertels besetzt, aber von »Besetzung« wollen sie gar nicht sprechen. Sie haben neun von zwölf Häusern »geöffnet« und sind mit ihren Pinseln und Laptops eingezogen.

Anfangs gab es ein wenig Gerangel, denn die städtische Hausuntergangsverwaltung war weder informiert noch begeistert, aber schnell sind Ruhe und Frieden eingekehrt. Der niederländische Investor Hanzevast Capital, der noch dabei ist, das Ensemble bei der Hamburger Finanzbehörde abzustottern, hält fürs Erste still, während die Hamburger Kulturbehörde zu den Künstlern hält. Gespräche werden geführt, eine Duldung ist bereits erreicht, »Zwischennutzung« lautet nun das Wort der Stunde. Bevor alles plattgemacht wird, sollen sich die Künstler doch austoben!

Selbst die Welt am Sonntag hat ganzseitig und wohlwollend über das Geschehen hinter dem Axel-Springer-Haus an der Kaiser-Wilhelm-Straße berichtet – und wir finden uns zwischen Schaulustigen jeden Alters, die durch die Hinterhöfe schlendern.

Unten erwarten uns improvisierte Galerien mit den Werken namenloser Meister. Die Bilder sind direkt auf die welligen Tapeten gepinnt oder liegen auf dem Fußboden. Die oberen Stockwerke bleiben geschlossen, Konzession der Kunst an das Bauamt, Gefahrenabwehr! Und das ist gewiss auch besser so, denn seit vielen Jahren rottet alles vor sich hin. Taubenkot und Schimmel wirbeln in die Bronchien, abgeschlagen liegen Putz und Armaturen, in den feuchten Wänden müffelt das Unbehagen, aus den Decken lugt das Stroh. Wer dies alles wiederherstellen will, wird tief in die Tasche greifen müssen.

Die Künstler wollen nur zweierlei: die Häuser haben und nicht nach Berlin.

Berlin! Das Wort hat in Hamburg einen magischen Klang. In Berlin kostet alles nichts. In Berlin ist alles möglich. In Berlin tanzen sie sogar auf den Dächern. Trotzdem hört man kaum einen ignoranten Pfeffersack rufen: »Na, dann geht doch rüber!« Denn Berlin wird auch im feineren Hamburg als unliebsame Konkurrenz empfunden. Unterschwellig scheint allen Hansestädtern klar zu sein, dass man mit der Elbphilharmonie und der Hafencity allein der Reizhauptstadt nicht wird beikommen können. Dort, wo Hamburg Raum für das Alte und Kleine gelassen hat, ist es bunt und lebendig: entlang der Marktstraße, am Schulterblatt, auf Sankt Pauli.

Weil Hamburg aber so brummt, weil es eine Stadt des hart verdienten Geldes ist, ganz anders als das deindustrialisierte, durchsubventionierte Berlin, hat es die Low-Budget-Szene nicht leicht. In Hamburg bekommt man nichts geschenkt.

Am guten Willen von unten fehlt es nicht. »Ich möchte den Kapitalismus lieben«, steht auf dem Schild einer improvisierten Gängeviertel-Galerie, »aber ich schaff es einfach nicht.«

»Spenden aller Art« erbittet ein anderes Schild, »Gemüse, Holz, Geld, Fleisch, Sofas und Liebe«.