Katholiken in Frankreich Die eBay-Kirche
Ein Bürgermeister in den Pyrenäen stellt aus Protest die Dorfkapelle für einen Euro ins Internet. Dahinter steckt viel mehr als ein ländlicher Zank
© Alain Jocard/AFP/Getty Images

Wer darf was in der Kirche?
Das Glöcklein im Turm hängt schief. Die Chapelle d’Aisle, errichtet im 17. Jahrhundert, wurde schon oft renoviert; hier Betonquader, dort Zement, schön sind nur die Wicken in den morschen Blumenkästen. Gleichwohl weiß mittlerweile ganz Frankreich, wo das Gemäuer steht: im Pyrenäendorf Massat. Und dass dessen Bürgermeister die Kapelle Mitte August auf eBay für einen Euro (Festpreis) feilbot.
Was ihm nicht zustand. Zwar gehört das Bauwerk wie jedes andere Sakralgebäude Frankreichs dem Staat, aber solange die Diözese einer Entwidmung nicht zustimmt, bleibt der Pfarrer Herr im Gotteshaus. Massats Bürgermeister Léon-Pierre Galy-Gasparrou weiß das, »aber ich wollte in die Medien«, sagt er.
Das ist ihm gelungen. Und nun? Der rundliche Mittfünfziger mit dem widerspenstigen Haarschopf hebt an zu erzählen, und aus einem läppischen Dorfzank wird ein erzfranzösischer Hader, dessen Ursachen Jahrhunderte zurück- und dessen Wirkungen bis nach Paris reichen.
Seit Jahren werden in der Kapelle am Dorfrand keine Gottesdienste mehr gehalten; zu den Festtagen findet ein gutes Hundert Gläubige Platz in der zentral gelegenen Dorfkirche. Die Chapelle d’Aisle hingegen gibt Konzerten und Ausstellungen Raum. Allerdings genehmigt die Diözese nicht alles, sie untersagte beispielsweise die Lesung surrealistischer Gedichte von Pablo Neruda, der Dichter sei Kommunist gewesen.
Der Konflikt schwelte vor sich hin. Jetzt aber soll die Kommune Dach und Wände für etwa 250.000 Euro renovieren, was rund die Hälfte ihres Investitionshaushaltes ausmacht. Woraufhin der Gemeinderat beim Präfekten die Entwidmung beantragte, um das kostspielige Bauwerk dann wenigstens den Vereinen des Dorfes zur Verfügung stellen zu können. Der Bischof versagte seine Einwilligung. Das wär’s eigentlich gewesen. So schnell gibt sich ein Galy-Gasparrou freilich nicht geschlagen; er entstammt einer Familie, die seit 500 Jahren zu den tonangebenden im Tal gehört. Und verfiel auf die Idee mit eBay. Seither wird Massat von Reportern besucht; die Annonce hingegen war nach einer Woche verschwunden.
Nicht viel mehr als 600 Menschen wohnen in Massat, umgeben von einer malerischen Landschaft. Warum gibt es hier keinen Frieden? Um die tieferen Gründe zu sehen, genügt es, sich auf den Dorfplatz zu setzen. Wohnwagen und Familienkutschen schleichen um die Ecke, dann kommt ein altes Auto angeschrubbt, dem Gestalten mit Dreadlocks entsteigen. Kinder, Eltern, Alte, alternative néoruraux, Neuländler, vom Bioanbau lebend, von der Anfertigung indianischer Zelte oder von der Stütze; seit den siebziger Jahren zugezogen, bilden sie mit anderen Stadtflüchtlingen inzwischen die Mehrheit. Unlängst haben die Grünen hier die Europawahl gewonnen.
Den Alten auf dem Dorfplatz missfällt das alles. Ebenso den Ferienbürgern: Die arbeiten in Toulouse oder Paris und »kommen nur zum Urlaub hierher sowie am Wahltag«, lästert der Bürgermeister. Das sei »die nostalgische Minderheit, die alles Neue ablehnt. Zum Beispiel den Bau von Sozialwohnungen.«
- Datum 05.09.2009 - 09:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03.09.2009 Nr. 37
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"Das also beseelt den Bürgermeister: Wenn die Klerikalen den Kulturkampf wieder aufnehmen wollen, dann können sie ihn haben. In den Medien. Vor Gericht in Toulouse, vor dem Staatsrat in der Hauptstadt"
Guter Mann...
Warum können Staat und jede Art von Religion nicht endlich mal völlig getrennt werden ? Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht im Mittelalter.
- Keine Kirchensteuern mehr - sollen sie doch Eintritt nehmen
- Zuschüsse zu religiösen Einrichtungen werden an Mitbestimmung gekoppelt. 80% öffentliche Gelder für einen kirchlichen Kindergarten = 80% öffentliche Mitbestimmung (heute = 0%).
- Religiöse Einrichtungen, die sich z.B. nicht an unsere Arbeitsschutzbestimmungen halten, bekommen gar nichts.
usw. usw.
Dann wird es natürlich Exkommunikationen regnen - was auch nicht schlimmer ist, als wenn jemand mit Geweih auf dem Kopf und Rasseln herumhüpft und seltsame Worte murmelt.
Hey. Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Erde ist rund, Hexenverbrennungen sind aus der Mode und Quantenphysik ist Realität.
wenn es mehrere Kirchen und Kapellen in einem 600-Seelen Dorf wie Massat
existieren, warum sollte dann nicht eine davon entwidmet werden um den
zeitgemässen Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden?
Schade, dass die Diözese so unflexibel auf Kulturveranstelltungen reagiert.
Um auf das Missverhältnis zwischen Budget-Ausgaben und Mitspracherecht aufmerksam zumachen, scheint mir Galy-Gasparrou richtig zu liegen.
Bon courage Mr Galy-Gasparrou, je vous souhaite une bonne continuation!
(...Warum gibt es hier keinen Frieden? Um die tieferen Gründe zu sehen, genügt es, sich auf den Dorfplatz zu setzen. Wohnwagen und Familienkutschen schleichen um die Ecke, dann kommt ein altes Auto angeschrubbt, dem Gestalten mit Dreadlocks entsteigen...)
irgendwie klingt das abwertend, fast stigmatisierend.. aber vielleicht sollte es nur lustig klingen
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